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Kultur Auf Sinnsuche mit „Candide“
Nachrichten Kultur Auf Sinnsuche mit „Candide“
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18:38 23.09.2012
Von Rainer Wagner
Foto: Beziehungskiste: „Candide“.
Beziehungskiste: „Candide“. Quelle: Paul Majorko
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Hannover

Für Hollywood hätte Voltaires „Candide“ nicht getaugt, weil man dort nach alter Studiobossweisheit mit einem Erdbeben anfängt und sich dann langsam steigert. Bei Voltaire beginnt alles mit einem harmlosen, aber eben nicht standesgemäßen Kuss zwischen Candide und der von ihm verehrten Cunégonde, aber danach kommt das Unheil rasch. Erdbeben inbegriffen.

Die satirische Novelle des französischen Philosophen hat es reichlich 250 Jahre nach ihrem Erscheinen noch immer in sich. Beim Theaterprojekt von enercity und Jungem Schauspiel Hannover gaben sich die Regisseure Denny Partridge und Steve Friedmann alle Mühe, dem Motto des Sponsors gerecht zu werden: Sie suchten und fanden „positive Energie“ in einer Geschichte, in der eine Katastrophe die andere jagt, weshalb das Theater die Aufführung für Besucher ab 14 Jahren empfiehlt.

Es wird so viel gemetzelt und geschändet in dieser Geschichte, dass man sich lieber nicht vorstellen möchte, wie sie als Videospiel aussähe. Im hannoverschen Ballhof versucht man gar nicht erst, Bilder des Grauens zu finden, sondern zieht sich hinter den Text und in ein barockes Theater zurück, das vom Bühnenbildner Aljoscha Begrich dem Gartentheater in Herrenhausen nachempfunden wurde. Die Szene ist zwar vorzugsweise zweidimensional, aber dennoch nicht flach.

Diese zweckdienlich gestraffte Nacherzählung will gar nicht überspielen, dass Voltaires Text kein Theatertext ist. Man zitiert Voltaires Text (in der deutschen Textfassung von Jan Caspers), zieht sich hinter den Erzählmodus zurück und bebildert das Geschehen von Fall zu Fall, der meist ein Unfall ist. Bis am Ende die vielzitierte „beste aller Welten“ ein Garten ist, in dem man sich um sein Handwerk kümmert.

Die beiden amerikanischen Gastregisseure haben sich in der Theatergeschichte gründlich umgesehen und hier und da bedient: ein bisschen Commedia dell’arte, ein bisschen Kabuki, ein bisschen Stampftanzchoreografie und manchmal auch fröhliches Schultheater-Chargieren.

Solche Jugendtheaterprojekte machen es dem Betrachter, der weder familiär verbunden noch (theater)pädagogisch interessiert ist, nicht immer leicht. Aber diesmal verbucht man nur ganz selten das Erlebte unter der Rubrik, Hauptsache, die Kinder sind weg von der Straße. Das meiste ist, gottlob, durch die Spiellaune der Beteiligten so entwaffnend, dass man sich mitziehen lässt. Fast alle spielen fast alles, nur Janik Eubling darf sich auf den Titelhelden konzentrieren und gibt ihn mit schlaksiger Naivität, was gut zu Beatris Kukajs Cunégonde passt.

Justus Henke darf als Haus-und-Hof-Philosoph aus Pangloss jenen Allessprecher machen, den die Übersetzung seines Namens aus dem Altgriechischen nahelegt. Die drei Namen stehen stellvertretend für ein Ensemble (samt der engagiert aufspielenden Bühnenmusik), das auf und hinter der Bühne positive Energie verbreitet.

Dieser Strom sollte (und wird wohl auch) weiterfließen. Man ist schon in Gesprächen für Weiteres. Das Publikum war jedenfalls auch nach zweieinhalb Stunden noch sehr elektrisiert.

Weitere Aufführungen gibt es am 6. und 27. Oktober.

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