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Kultur Auf der Spur von Agostino Steffani
Nachrichten Kultur Auf der Spur von Agostino Steffani
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20:07 10.10.2012
Von Rainer Wagner
Donna Leon (l.) und Cecilia Bartoli (r.) auf der Spur von Agostino Steffani (ganz r.).
Donna Leon (l.) und Cecilia Bartoli (r.) auf der Spur von Agostino Steffani (ganz r.). Quelle: Decca/Uli
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Hannover

Da kann sich Hannover mal wieder ganz gelassen zurücklehnen. Na ja, vielleicht nicht ganz Hannover, aber doch eine Gruppe von Musikern und Opernfreunden. Allen voran der Cembalist und Hochschullehrer Lajos Rovatkay, denn der gründete schon 1981 ein Ensemble für alte Musik und benannte es nach dem einstigen hannoverschen Hofkomponisten „Capella Agostino Steffani“.

Wenn jetzt die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und die Krimi-Autorin Donna in einem Doppelschlag aus CD und Buch Agostino Steffani als die Entdeckung eines Unbekannten präsentieren, dann erinnern sich hiesige Musikfreunde daran, dass 1989 die hannoversche Staatsoper ihren 300. Geburtstag mit jenem Werk feierte, mit dem einst die damalige Schlossoper eröffnet wurde: Steffanis „Enrico Leone“. Regisseur Herbert Wernicke präsentierte das als lustvolles und lustiges Spektakel rund um den sagenhaften Heinrich den Löwen. Natürlich dirigierte Lajos Rovatkay seine Capella Agostino Steffani und konnte zwei Spielzeiten lang ein volles Haus verbuchen. Zum 350. Geburtstag des italienischen Komponisten gab es 2004 in der hiesigen Oper ein Galakonzert mit Bühnenzauber, das „Solche Wunder-Wercke!“ Steffanis präsentierte.

Aber solche Wunderwerke verdienen ein größeres Publikum, und deshalb ist die aktuelle Ko-Produktion von Kunst und Krimi in Sachen Steffani trotz möglicher Detaileinwände hoch zu loben. Cecilia Bartoli nennt ihr Album „Mission“ und stürzt sich für die Illustrationen mit der Lust am Rollenspiel auch auf die Verkleidungen im Leben eines Mannes, der Komponist, Diplomat, Geheimnisträger (und Spion?) und katholischer Titularbischof war. Selbst eine künstliche Glatze scheut Lockenkopf Bartoli nicht.

Steffanis Lebensgeschichte klingt fast wie ein Krimi, ist aber dann doch nicht ganz so einfach als Thriller zu gestalten. Deshalb greift Donna Leon zu einem Kunstgriff. Sie schreibt nicht über Agostino Steffani, sondern schickt eine heutige Musikwissenschaftlerin im Auftrag zwei habgieriger Möchtegern-Erben auf die Spur des Toten. Was bergen die beiden Truhen aus seinem Nachlass?

Damit ein bisschen Spannung aufkommt, baut Donna Leon die reale Affäre Königsmarck in die Geschichte ein: Ein bisschen Mord muss sein. Das Opfer hieß Philipp Christoph von Königsmarck und war der Geliebte der hannoverschen Kurprinzessin Sophie Dorothea. Steffani war zur Tatzeit Opernkapellmeister in Hannover. Hat er im Leineschloss jenseits des Theaters mitgespielt? Weil über die Affäre viel geschrieben wurde, muss Donna Leons Heldin Caterina Pellegrini nur diverse Bücher lesen und zitieren.

Wie bei Donna Leon üblich, wird oft Espresso in kleinen Bars getrunken, deren Lage genau beschrieben werden will. Der übliche kirchenkritische Ton fehlt nicht - die titelgebenden „himmlischen Juwelen“, die sich am Ende finden, sind für Nichtkatholiken wahrscheinlich eine hübsche und im Wortsinne doppelbödige Pointe.

Eher angestrengt wirkt der (im CD-Booklet wiederholte) Versuch, aus einer Titulierung als „musico“ abzuleiten, dass Steffani möglicherweise ein Kastrat war. Dagegen spricht sowohl seine kirchliche wie seine weltliche Karriere. Wer hätte einen falsettierenden Geheimdiplomaten ernst genommen? Und zum Abbé, Titularbischof und Apostolischen Vikar hätte es ein Kastrat auch nie gebracht.

Überzeugender ist die anhaltende Begeisterung der Autorin für Barockmusik, die sich auch auf Agostino Steffani erstreckt, der immerhin Donna Leons Lieblingskomponisten Georg Friedrich Händel hörbar inspiriert hat.

Was beide Komponisten verbindet und was sie unterscheidet, lässt sich dann auf Cecilia Bartolis Album nachhören. Mit derselben Begeisterung, mit der die Mezzosopranistin sich neben Händel auch Salieri und Vivaldi angenommen hat, kümmert sie auch um Steffani. Zusammen mit dem Ensemble I Barocchisti unter Diego Fasolis präsentiert sie gut zwei Dutzend Arien und Duette (mit dem hinreißenden Philippe Jaroussky). Nicht nur die vielen Ersteinspielungen sind musikalische Juwelen. Manches Vibrato mag Puristen (ver)stören, manche Koloratur überdreht tönen, doch dass die Bartoli in Sachen Agostino Steffani eine Mission zu erfüllen hat, lässt sich nicht überhören. Diese Ausschnitte machen Lust auf mehr. Schließlich soll auch die Musikwelt außerhalb Hannovers endlich lernen, wer und was hier zu entdecken wäre.

Cecilia Bartoli: „Mission“. Decca CD 4784732.

Donna Leon: „Himmlische Juwelen“. Übersetzt von Werner Schmitz. Diogenes. 298 Seiten, 22,90 Euro.

Cecilia Bartoli gibt mit ihrem Programm „Mission“ am 6. Juni 2013 ein Pro-Musica-Sonderkonzert in Hannover.

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