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Kultur Ausstellung entdeckt Leibniz’ Geistesbruder neu
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15:04 17.02.2012
Von Simon Benne
Eine Ausstellung in der Marktkirche zeigt das Leben des Aufklärers Jablonski. Quelle: Archivfoto
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Hannover

Es ist schwer zu sagen, ob es überhaupt etwas gab, das ihn nicht interessierte. Daniel Ernst Jablonski (1660–1741) war Experte für slawische Kirchengeschichte und orientalische Sprachen, er war ebenso Theologe wie Historiker, und die Frage, ob es Juden in China gab, trieb ihn ebenso um wie die Koranforschung oder die technische Konstruktion von Pulvermühlen. Ein Universalgelehrter also, der Glaube und Vernunft als Geschwister sah. Ein Frühaufklärer, dessen Vita von barockem Lebensgefühl und optimistischem Vertrauen in die Wissenschaft geprägt wurde. Einer wie Leibniz eben.

Tatsächlich waren die beiden Großgelehrten Brüder im Geiste. Noch am 27. Oktober 1716, wenige Tage vor seinem Tod, schrieb Leibniz ein paar Zeilen an Jablonski. Gemeinsam hatten die beiden 16 Jahre zuvor die Berliner Akademie der Wissenschaften aus der Taufe gehoben. Und bereits 1697 hatte sich zwischen beiden ein denkwürdiger Briefwechsel entsponnen, denn vereint bauten sie am „Friedenstempel“, wie Jablon-ski einmal an Leibniz nach Hannover schrieb: Sie loteten gemeinsam aus, wie eine Wiedervereinigung von lutherischer und reformierter Kirche möglich wäre. „Diese Schreiben sind ein Meilenstein in der Geschichte der Ökumene“, sagte Leibniz-Professor Wenchao Li jetzt beim Festakt zur Eröffnung der Jablonski-Ausstellung „Brückenschläge“ in der Marktkirche.

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Die eher nüchternen Texttafeln waren bereits zu Jablonskis 350. Geburtstag vor zwei Jahren im Berliner Dom zu sehen. Es gibt auch eine tschechische und eine polnische Version der Ausstellung, die derzeit in Thorn gastiert. Wien und Litauen sind als weitere Stationen geplant. Das passt zu Jablonski. Denn der Mann, der zeitlebens darunter litt, in keiner Nation richtig beheimatet zu sein, war eine frühe Multikulti-Existenz: Der Enkel des böhmischen Philosophen Johann Amos Comenius wuchs als protestantischer Glaubensflüchtling im polnischen Lissa auf.

Er studierte in Oxford, doch Karriere machte Jablonski, der sechs Sprachen beherrschte, in Berlin, wo er 1697 zum reformierten Hofprediger avancierte. Von dort aus pflegte er Kontakte bis nach Russland und Nordamerika – ein „europäischer Brückenbauer“, wie Landesbischof Ralf Meister bei der Eröffnung der Ausstellung sagte.

Meister darf gewissermaßen als Kollege Jablonskis gelten, denn dieser war auch Bischof der evangelischen Brüder-Unität von Polen. Als solcher protestierte er beim polnischen König gegen die Unterdrückung von Protestanten. Immer wieder trat er für Rechte religiöser Minderheiten ein. In seinen Predigten vermied er Attacken auf andere Konfessionen und mahnte zu Gewaltverzicht und Toleranz.

Dass Jablonski heute fast vergessen ist, liegt gerade daran, dass er so kosmopolitisch lebte und dachte: Den Polen galt er lange als preußisch-protestantischer Imperialist, in Deutschland wurde er als Mann aus der polnischen Provinz abgetan. Die Ausstellung entdeckt Jablonski jetzt neu. In einer hoch mobilen und international vernetzten Gesellschaft, die praktisch nur noch aus religiösen Minderheiten besteht, kann es nicht schaden, sich an Menschen wie ihn zu erinnern.

„Brückenschläge“ ist in der Marktkirche bis zum 4. März zu sehen.

16.02.2012
Simon Benne 16.02.2012