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Kultur Bomann-Museum mit neuem Gesicht
Nachrichten Kultur Bomann-Museum mit neuem Gesicht
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08:13 12.12.2011
Von Simon Benne
Nie ohne Regenschirm: Mode im Museum. Quelle: asd
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Celle

Der französische Diplomat war entsetzt, als er in Hannovers Schlafgemächer blickte: „Würde man nicht von der Müdigkeit eingelullt; so würde es unmöglich seyn, in denselben zu schlafen“, notierte Michel Ange Bernard Mangourit 1803 entgeistert. Gewaltige Pfühle und Kopfkissen sorgten dafür, dass der Hannoveraner praktisch im Hocken schlief: „Man sitzt im Bette und schnarcht, wie ein Richter, wenn die Partheien verhört werden“, schrieb Mangourit. Hannoversche Ehemänner, mutmaßte er, würden mit ihren Frauen sicher „in einem ewigen Zanke leben müssen“.

Wie eine solche Schlafkammer mit Waschkommode und Zimmerklosett aussah, ist jetzt im Celler Bomann-Museum zu sehen. Die zuletzt ziemlich angestaubte Dauerausstellung des altehrwürdigen Hauses wird bis zum Herbst 2013 für insgesamt 3,5 Millionen Euro im großen Stil umgestaltet. Nur eine konzertierte Aktion von Stadt, Land und EU, von Klosterkammer, Sparkassenstiftung und anderen Geldgebern hat das Mammutprojekt ermöglicht. Für die Touristenstadt Celle ist das Haus auch ein Standortfaktor: „Gut funktionierende Museen kosten eine Stadt nichts“, sagt Museumsdirektor Jochen Meiners mit Blick auf das Geld, das die jährlich rund 100.000 Besucher seines Hauses in Celle lassen, selbstbewusst. Jetzt wurde der erste von drei Bauabschnitten fertig gestellt – und das Resultat kann sich sehen lassen. Mit modernsten Mitteln zeigt das Haus, wie man Vergangenheit buchstäblich gegenwärtig macht.

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Vom Buchweizen bis zur Biogasanlage

In den neuen Räumen geht es um die Geschichte der Landwirtschaft vom Buchweizen bis zur Biogasanlage. Und es geht ums Leben des Stadtbürgertums besonders im 19. Jahrhundert. Szenografen, die sonst Interieurs für Spielfilme entwerfen, haben Lesebrillen und Siegellack liebevoll auf Schreibtischen arrangiert. Vor einem imposanten Gemälde der Celler Kaufmannsfamilie Jacobs kann man an einer Hörstation die Lebensläufe der Porträtierten anhören. Ganz ohne Heimatstubenbetulichkeit stößt man an solchen Medienstationen auf spannende Geschichten.

In einer detailgetreu nachgebauten Bürgerküche liegen für Besucher Karten mit Rezepten für „Aepfel Gelee“ oder „Birnen in Brantwein“ von 1830 zum Mitnehmen aus. Und inmitten eines bourgeoisen Salons können Gäste an einem Touchscreen Bilder der Möbelstücke, zwischen denen sie selbst stehen, anklicken. Dann erfahren sie nicht nur, dass das Tafelklavier in diesem Salon 1840 in Celle hergestellt wurde – sie können auch gleich eine Komposition von König Georg V. anhören. Ganze Lebenswelten werden so in diesen inszenierten Wohnräumen erfahrbar.

Dabei räumt der neue Teil der Dauerausstellung mit manchem Klischee auf: Das oft romantisierte Landleben wurde in Niedersachsen schon im 19. Jahrhundert vom Agrarreformer Albrecht Daniel Thaer auf Effizienz getrimmt: Der Celler führte moderne englische Arbeitsgeräte ein, etablierte neue Anbau- und Düngemethoden. Nachgebaute Dienstbotenzimmer und Bilder von Kinderarbeit vermitteln eine Vorstellung vom sozialen Elend, gewissermaßen das Nachtgesicht der bürgerlichen-städtischen Welt.

Auch die Biedermeierzeit war widersprüchlicher, als mancher meinen möchte: Die Epoche bewegte sich zwischen dem Rückzug ins Private und der Vormärz-Rebellion. Und damit ist sie der Gegenwart, die zwischen Entpolitisierung und Wutbürgertum schwankt, zwischen „Landlust“ und „Facebook“, eigentlich recht nahe.

Mehr über das Celler Bomann-Museum, Schlossplatz 7, unter www.bomann-museum.de oder (0 51 41) 1 23 72.

Simon Benne