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Kultur Buchkritik: „Das Floß der Medusa“
Nachrichten Kultur Buchkritik: „Das Floß der Medusa“
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11:51 01.08.2012
„Das Floß der Medusa“: Das Gemälde des französischen Romantikers Théodore Géricault (1791–1824) ziert das Buchcover.
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Hannover

Die Prognose des Psychoanalytikers und Autors Wolfgang Schmidbauer ist wenig beruhigend. „Wir werden uns in den nächsten 100 Jahren in einem bisher kaum vorstellbaren Maß nicht nur mit Katastrophen, sondern auch mit Transformationen beschäftigen müssen.“ Er ist sich sicher, dass die „globalisierte Konsumgesellschaft“ scheitern muss. Und doch geben wir, klagt er, den Komfort nicht auf, obwohl er destruktiv geworden sei.

Wir haben uns längst daran gewöhnt, in Dauerkrisen zu leben, ob nun in der ökologischen oder der finanziellen - weil wir insgeheim auf ein weiterhin erfolgreiches Durchwurschteln hoffen. Katastrophenprognosen gelten ohnehin nicht als cool und nur als Ausfluss einer irrationalen „German Angst“, über die sich selbstverständlich die das „typisch Deutsche“ bejammernden Deutschen am meisten ereifern. Schmidbauer gibt sich in seinem Buch „Das Floß der Medusa“ nicht als Apokalyptiker, der das Weltende beschwört. Er fordert, dass wir uns mental auf das seiner Meinung nach Unvermeidliche einstellen. Und das aus einem sehr wichtigen Grund: Es gehört zu den historischen Erfahrungen, dass in Katastrophensituationen panische Reaktionen auftreten, in denen unter dem Motto „Rette sich, wer kann“ die zivilisatorischen Regeln zugunsten eines rücksichtslosen darwinistischen Überlebenskampfs verschwinden.

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Als Modell für einen solchen Katastrophenverlauf dient ihm die Geschichte eines Schiffbruchs, der Untergang der „Medusa“ 1816. Vieles kam da zusammen: die Vernachlässigung von Sicherheitsregeln, Inkompetenz der Führung, das lange Leugnen der Gefahrensituation durch diese Führenden, ihre beschwichtigenden Versprechungen, die sie Mannschaft und Passagieren gegenüber abgaben. Die besten Rettungsmöglichkeiten sicherten sich die Offiziere. Die Schiffshandwerker, an der Großtechnologie der Schiffe ausgebildet, beherrschten nicht die eigentlich einfachere Technik, ein stabiles Floß zu bauen. Der Mangel an Koordination und mangelndes gegenseitiges Vertrauen durch den Zusammenbruch von sozialen Zusammenhängen führte zum sozialen und menschlichen Desaster - es kam am Ende sogar zu Fällen von Kannibalismus.

Schmidbauer sieht nun unsere heutige Gesellschaft von der Konsumideologie durchdrungen, Waren seien „emotionale Prothesen“ für die Konsumenten und trügen so auch zu einem Teil ihrer persönlichen Identität bei. Die ständig angefütterte Anspruchshaltung, die bei Frustration (die ohnehin schnell eintritt) leicht zur Suche nach Sündenböcken verleite. Bedenkenlos vertrauten wir uns Großtechnologien an, die wir eigentlich gar nicht beherrschen. Der Psychologe beklagt zudem den Bedeutungsverlust des Handwerks und der Tugenden (Motivation zu ernsthafter Arbeit), die es fördert. Die Disziplinierungen durch den Leistungsdruck schaffe bedrohliche Regressionsbedürfnisse. Die Konsumwelt verdränge Trauer und verstetige damit die Depression, die inzwischen ja zur Volkskrankheiten geworden ist.

Das Leben in einer Konsumgesellschaft führt nach Schmidbauer dazu, dass man verlernt, sich selbst zu versorgen. Im Grunde spricht er sich für eine Resimplifizierung des Lebens aus. Er lobt die Handarbeit, die Bereitschaft, Dinge zu reparieren, statt sie wegzuwerfen. Er schlägt den Ausbau lokaler sozialer Netze vor, plädiert für lokale Energieversorgung. Aber er möchte seine Schrift nicht als Aufruf zur Askese verstanden wissen. Ihm unterlaufen gelegentlich ein paar arg nostalgisch klingende Reminiszenzen.

Eine bis in alle Einzelheiten durchdachte Strategie ist das nicht, kann es auch nicht sein. Würden die Bürger jedoch bei heftigen Veränderungen in Angststarre verfallen, bekämen autoritäre Lösungen, die nach Schmidbauers Auffassung praktisch versagen würden, eine Chance. Er ermuntert zur Beweglichkeit und zur Bereitschaft, den Umgang mit der Knappheit zu lernen und auf demokratischem Weg praktische Lösungen zu finden. Schmidbauer gibt zu bedenken: „Der Mensch braucht günstige Bedingungen, um human zu sein.“

Wolfgang Schmidbauer: „Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen“. Murmann. 206 Seiten, 19,90 Euro.

Karl-Ludwig Baader

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