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Kultur "Cage Under Ground" eröffnet
Nachrichten Kultur "Cage Under Ground" eröffnet
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19:24 16.09.2012
Steffen Schleiermacher erklärt Cage. Quelle: Michael Joos
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Hannover

Warum eigentlich ein John-Cage-Konzert - schon wieder und immer noch? Am Freitagabend wurde im Magazin 4, einem Kulissenlager im Keller der hannoverschen Staatsoper, die KonzertreiheCage Under Ground“ eröffnet. Der gebürtige Amerikaner sah sich selbst nicht als Komponist, sondern als „Organisator von Klang“. Das passt auch besser zu seinem unkonventionellen musikalischen Schaffen, das Musik neu definiert und um die Aspekte Geräusch und Stille erweitert hat. Aus seiner Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus entwickelte Cage Zufallsoperationen, die auf seine Kompositionsprozesse einwirkten.

Neben Cages Bedeutung für die Entwicklung der Musik im 20. Jahrhundert gibt es auch noch die diesjährigen Jubiläen: Am 5. September war sein 100. Geburtstag, am 12. August sein 20. Todestag. „Die einen feiern seinen Geburtstag, die anderen, na ja, eher den anderen Tag“, erklärt Steffen Schleiermacher mit einem verschmitzten Grinsen und erntet nicht wenige Lacher.

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Beim EröffnungskonzertJohn Cage - Eine Zufallsbekanntschaft“ spielt Schleiermacher Werke für präpariertes und nicht präpariertes Klavier. Das Repertoire des Abends besteht aus etwa 70 Stücken, die vor Beginn vom Publikum ausgelost wurden. Schleiermacher werde so lange auf Zuruf spielen, erklärt er, bis erstens kein Stück mehr verlangt werde, zweitens alle Stücke gespielt wurden oder drittens der Morgen graut, denn seinen Zug um halb neun müsse er erwischen. Mit seinem trockenen Humor erzählt er vor jedem Stück eine Anekdote über dessen Entstehungshintergrund. Auf diese Weise gestaltet er den Abend angenehm unterhaltsam und informativ zugleich - Entertainment mit Niveau.

Von der Jukebox Schleiermacher verlangt das Publikum als erstes Stück „Sonatas VII“ - eine Komposition für präpariertes Klavier. Das präparierte Klavier wurde im Jahr 1940 buchstäblich aus der Not heraus geboren: Für ein Perkussionsensemble war auf der Bühne kein Platz.Also begann Cage Schrauben, Gummibolzen und Holz zwischen die Saiten des Klaviers zu stecken, bis es klang wie ein ganzes Schlagzeugorchester. Und tatsächlich: Der Pianist greift in die Tasten des Flügels, und Glöckchen erklingen, ein Scheppern, ein Gong.

Während hier Klang und Rhythmik faszinierend auf die knapp 100 Zuhörer wirken, lenkt Schleiermacher die Aufmerksamkeit bei den Stücken für nicht präpariertes Klavier auf die Kompositionsweisen. Bei den „Etudes Borealis“ und den „Etudes Australis“ hat Cage halb transparentes Notenpapier auf die Sternenkarten der nördlichen und südlichen Erdhalbkugel gelegt und Sternenbilder abgepaust. Zudem muss der Interpret in den Instrumentenkorpus hineingreifen, Saiten zupfen oder mit Klöppeln anschlagen und am Holz klopfen oder auch den Tastendeckel fallen lassen. Das einzige konventionellere Stück, das an diesem Abend erklingt, ist „In a landscape“. In Halbtonschritten tastet sich der Pianist über die Klaviatur. Es entsteht eine meditative, fast melodische Klanglandschaft.

Schleiermacher hat die Ersteinspielung von Cages gesamtem Klavierwerk vorgenommen und kennt sich in jeder Komposition bestens aus. Doch das Publikum spielt mit und auch der Raum. Interessant ist daher, was zwischen den Tönen passiert: Die cagesche Stille tritt ein. Wenn das Instrument Pause hat, hört man die Lüftungsanlage summen, Kleidung rascheln und einen Fotoapparat klicken. All das gehört zum Konzert, denn für Cage stehen das gewöhnliche Geräusch und der reine Klang gleichberechtigt nebeneinander. Alles ist Musik, wenn man es denn als solche inszeniert. Und genau das macht Cage immer wieder zum Hörerlebnis.

Heute tritt um 20 Uhr das Ensemble Megaphon bei „Cage Under Ground“ auf.

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