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Kultur Clemens Meyer liest im Literarischen Salon
Nachrichten Kultur Clemens Meyer liest im Literarischen Salon
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20:22 30.03.2010
Von Kristian Teetz
Mit Imageproblem: Clemens Meyer.
Mit Imageproblem: Clemens Meyer. Quelle: Christian Burkert
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Es ist deutlich zu merken, wie sehr Clemens Meyer sein Image nervt. Meyer gilt als der „Bad Boy“ der Literaturszene, laut, tätowiert, ein Fußballfan. Er wirke „immer etwas wie ein Hooligan, der sich in die VIP-Loge verirrt hat“, schrieb unlängst ein Literaturkritiker. „Es gibt Leute, die suchen in meinen Büchern nur, ob irgendwo mal wieder ein Dosenbier versteckt ist“, beschreibt der 33-Jährige während seiner Lesung im Literarischen Salon am Montagabend sein Imageproblem. „Ein Mann, ein Colt, ein Dosenbier“ habe neulich in einer anderen Zeitung gestanden. „Aber das stört mich nicht. Doch. Es stört mich.“

Wer Clemens Meyers neuen Erzählband „Gewalten. Ein Tagebuch“ (S. Fischer, 224 Seiten, 16,90 Euro) liest, unternimmt wahrlich keinen Ausflug in eine VIP-Loge. Doch wer will schon Lachshäppchen statt einer richtigen Stulle aus Schrot und Korn? Meyers Geschichten nehmen gewaltvolle politische Ereignisse wie private Erlebnisse aus dem vergangenen Jahr auf, erzählen von der Ermordung der achtjährigen Michelle in Leipzig, dem Tod eines Freundes, der Nacht in einer psychiatrischen Anstalt nach zu viel Alkohol und zu viel Beamtenbeleidigung. Und der Leipziger Autor blickt auf den Amoklauf in der Albertville-Realschule in Winnenden. „German Amok“ ist eine beklemmende Erzählung mit einem Protagonisten, der ein ausgeklügeltes Ego-Shooter-Spiel spielt. „Ich marschier einfach weiter, knalle ein zweites Magazin leer, sehe die Bullen wegspringen, in Deckung gehen, mindestens einen hab ich erwischt, schön, wie mein offener Ledermantel weht, ihr könnt mir gar nichts, ihr Schweine!“, gehört noch zu den harmlosen Sätzen dieses Literaturmassakers. Aber sie will ja nur spielen, die Hauptperson. Und Clemens Meyer spielt mit den Symbolen der Amokläufe von Erfurt über Littleton bis Winnenden, die allmählich zum Inventar der kollektiven Wahrnehmung von Schulmassakern gehören – schwarzer Ledermantel, Pumpgun, Gewaltfilme, Vatis Waffenschrank.

Auch Hannover hat Platz gefunden in einer der elf Erzählungen. In „Im Kessel“ reist ein Enkel dem Glück seines Großvaters hinterher. Dieser hatte in den achtziger Jahren Geld im Casino am Maschsee gewonnen. „Mein Opa hat mir diese Geschichte immer erzählt“, sagt Meyer. Der alte Mann habe auf seine Glückszahl, die 23 gesetzt und sofort gewonnen. „Das habe ich zum Anlass für die Erzählung genommen. Ich wollte unbedingt Hannover aufnehmen. Ich finde, das ist eine interessante Stadt.“ Eines schließlich, so lässt sich der Abend zusammenfassen, verbindet Clemens Meyer und Hannover: Beide haben ein schlechtes Image und werden immer noch maßlos unterschätzt.

Karl-Ludwig Baader 28.03.2010
27.03.2010