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Kultur Da steht ein Rad auf dem Flur
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07:55 08.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
(Aber)witzig: Monstershow mit Jeanette Arndt, Denis Geyersbach, Lisa Natalie Arnold und Christoph Müller. Quelle: Ribbe
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HAnnover

Ein Monster hat der kleinen Duck die Mutter genommen. Damals war Duck drei Jahre alt, ihre Mutter war zu schnell in eine Kurve gefahren. Seitdem lebt Duck allein mit ihrem Vater. Das Motorrad, mit dem Ducks Mutter verunglückte, war eine Ducati Monster. Die Maschine steht im Flur; mehr als zehn Jahre hat der Vater an der Restaurierung gearbeitet. Nun kann er nicht mehr weitermachen. Er leidet an Multipler Sklerose. Mit dem Zittern kann er umgehen (Marihuana hilft), aber nicht mit der langsamen Erblindung.

Und ausgerechnet an dem Tag, für den die Dame vom Jugendamt ihren Besuch angekündigt hat, taucht noch anderer Besuch auf: eine norwegische Kampfgefährtin aus dem Internetspiel, mit dem der schwer kranke Vater die Nächte verbringt, und der hübsche Kostümbildner aus Ducks Schultheatergruppe. Es ist ein harter Tag für die sechzehnjährige Duck Macatarsney. Aber man kann darüber lachen. Wie man in diesem Stück überhaupt über vieles lachen kann, was eigentlich gar nicht komisch ist. Darauf legt der schottische Autor David Greig großen Wert. Am Sonnabend hatte sein Stück „The Monster in the Hall“ unter dem etwas zu schlichten Titel „Monster“ im kleinen Ballhof in Hannover als deutschsprachige Erstaufführung Premiere.

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Greigs Thema ist die Situation der „young carers“, der Kinder und Jugendlichen, die hilflose Eltern pflegen oder versorgen müssen. Über sie hat er ein (aber)witziges Theaterstück geschrieben. In Großbritannien wurden über Jugendliche als Pflegepersonen einige sozialwissenschaftliche Studien angefertigt, in Deutschland wird das Thema gerade erst entdeckt. Überträgt man die britischen Daten auf Deutschland, kann man hier von etwa einer knappen Viertelmillion pflegender Kinder ausgehen.

„Monster“ ist viel mehr als die Dramatisierung einer gesellschaftlichen Problemstellung - es ist ein witziges, emotionsgeladenes, hervorragend gearbeitetes, und auch sprachlich (in der Übersetzung von Barbara Christ) ziemlich ausgefuchstes Theaterstück für Jugendliche und Erwachsene.

Sehr unterhaltsam ist das Vorführen unterschiedlicherer Spielformen: Auf der Grundform der klassischen Komödie (der auch das vieltürige, schräge Bühnenbild von Jorge Enrique Caro entspricht) entfalten sich Melodram, Musical, Drehbuchlesung, Hörspiel, TV-Show, Film, Comic, Märchen, Computerspiel und auch Tanztheater. Diese Vielfalt der Darstellungsformen (die Regisseurin Mina Salehpour ganz unangestrengt zusammenführt) passt gut zur Moral des Stücks: Es geht darum, Vielfalt zu lieben, das Chaos zuzulassen.

Die Schauspieler sind mit Vergnügen bei der Sache: Jeanette Arndt gelingt ganz unangestrengt der Wechsel von der Sozialamtsfrau zur durchgeknallten Kampfgefährtin aus dem Internetrollenspiel. Christoph Müller berührt das Publikum als hilfloser Seniorrocker, Denis Geyersbach spielt den hübschen Kostümbildner mit Witz und angemessener Geschmeidigkeit. Lisa Natalie Arnold als Duck, die alles zusammenhalten muss, betont den Druck, der auf dem Mädchen lastet, etwas zu stark. Ihr stimmliches Quetschen und Knödeln ist eigentlich gar nicht nötig.

Egal: „Monster“ gehört unbedingt auf die Bühne. Das Stück ist ein wunderbares Beispiel für die Lebendigkeit, die Vielstimmigkeit und auch die Furchtlosigkeit von Theater. Es ist möglich, dass ein Schauspieler einen Schwerkranken, der zitternd und sabbernd im Rollstuhl sitzt, so spielt, dass das Publikum darüber lacht - ohne dass da jemand ausgelacht oder ein Problem weggelacht werden würde. „Monster“ bietet spannendes, witziges, kluges, anrührendes Theater für alle ab 14 Jahren. Auch für Schulklassen ist das Stück bestens geeignet.

Weitere Aufführungen am 17., 20. und 25. Oktober. Karten: (0511) 99991111.

Rainer Wagner 07.10.2012
Stefan Arndt 07.10.2012
07.10.2012