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Kultur Der neue Roman von Benjamin Lebert ist erschienen
Nachrichten Kultur Der neue Roman von Benjamin Lebert ist erschienen
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22:11 26.05.2009
Benjamin Lebert
Benjamin Lebert Quelle: Andre Spolvint
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Anton trifft es hart. Der Hamburger leidet kurz vor seinem Vordiplom an der Uni an Wahnvorstellungen. Der Anfangzwanzigjährige wirft sein Studium hin, kommt in eine psychiatrische Klinik und lernt dort Elenor kennen. Sie kommen zusammen, Anton arbeitet als Altenpfleger, und gerade als er sich wieder etwas gefangen hat, verlässt ihn Elenor. Anton tritt die Flucht nach vorn an, fliegt nach New York, um bei der ehemaligen Affäre seiner Mutter namens Jimmy in einem Café Pfannkuchen zu backen. Jimmy ist besessen von der Geschichte der Gefängnisinsel Alcatraz. Er glaubt fest daran, dass es drei Männern gelungen ist, von dort zu flüchten, und versetzt Anton mit seiner Verschwörungstheorie in helle Aufregung. Die Spekulation nimmt konkrete Züge an, als Jimmy behauptet, er habe Kontakt zu einem der Ausbrecher.

Der 27-jährige Autor Benjamin Lebert teilt in „Flug der Pelikane“ die Leidenschaft für Alcatraz. In seinem vierten Roman beschäftigt sich der Autor intensiv mit der amerikanischen Insel und dem Mythos um drei Flüchtlinge, der schon in „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood und unzähligen anderen Hollywoodfilmen verarbeitet wurde.

Lebert kombiniert diese Geschichte mit dem neuen Leben des Protagonisten Anton. Zumindest am Anfang des Romans. Denn was sich anfangs wie eine weitere Variante eines Coming-of-Age-Romans liest, wird leider schnell zu einer Alcatraz-Hommage. Detailverliebt häuft Lebert immer neue Einzelheiten zum Gefängnis an. Er zählt berühmte Häftlinge auf, nennt jeden der Gefängnisdirektoren, erzählt sogar die Lebensgeschichten einiger Gefangener nach. Lebert verbindet Faktensammlungen voller Wikipedia-Charme mit Spekulationen über einen geglückten Ausbruch. TV-Historiker Guido Knopp hätte es nicht besser machen können, nur kommt Lebert dabei die Handlung um Anton abhanden. Er gibt sich zwar Mühe, jede Randfigur bis ins Detail zu beschreiben, jeder Straßenecke Bedeutung zu verleihen, erstickt damit aber jeglichen erzählerischen Ansatz. Dass es auf dem New Yorker Fischmarkt nach Fisch riecht, sollte sich herumgesprochen haben. Und auch der Umstand, dass New York größer als Hamburg ist, dürfte bekannt sein. Nur was diese Eindrücke mit dem Protagonisten machen, erfährt der Leser nicht. War Lebert in seinem Debüt „Crazy“ stark darin, die Gefühle Jugendlicher abzubilden, erzählt er im neuen Buch stilistisch farblos um die eigentliche Geschichte herum.

Das Ende des Romans wirkt dabei wie ein Konzentrat der missglückten Konstruktion. Anton telefoniert mit Elenor. Sie freut sich, ihn zu hören. Er kehrt zurück. Lebert erklärt: „Vor allem in Krisensituationen hat das Hineinstürzen in eine unbekannte Situation tendenziell etwas Heilsames.“ Hinter der kruden Geschichte scheint also die Idee zu stecken, dass man vor Problemen nur weglaufen muss, und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Der Ausbruch aus dem alten Leben schafft einen neuen Weg zu sich selbst.

Ähnlich haben vermutlich auch die Alcatraz-Ausbrecher gedacht. Aber aus dieser Parallele eine Romanidee zu entwickeln, ist gewagt — und mit „Flug der Pelikane“ entsprechend gescheitert.

Benjamin Lebert liest am Freitag, 29. Mai, in der Cumberlandschen Galerie. Beginn ist um 20.15 Uhr, Eintritt: 8 Euro.