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Kultur Deutschsprachige Literatur ist Beispiel für gelungene Integration
Nachrichten Kultur Deutschsprachige Literatur ist Beispiel für gelungene Integration
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10:23 02.10.2010
Von Martina Sulner
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Bulgarien, ist einer der erfolgreichen, mehrfach ausgezeichneten deutschen Autoren mit Migrationshintergrund.
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Bulgarien, ist einer der erfolgreichen, mehrfach ausgezeichneten deutschen Autoren mit Migrationshintergrund. Quelle: ap (Archiv)
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Sechs Romane sind für den Deutschen Buchpreis nominiert, der am 4. Oktober verliehen wird. Unter den sechs Preiskandidaten fallen drei Autoren besonders auf: Jan Faktor, geboren 1951 in Prag, Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 im ehemaligen Jugoslawien, und Doron Rabinovici, geboren 1961 in Israel. Diese drei – nominiert sind außerdem Thomas Lehr, Judith Zander und Peter Wawerzinek – eint bei aller Individualität und allem literarischen Eigensinn, dass sie zwar nicht in Deutschland geboren, dennoch deutschsprachige Autoren sind. Was im Rest der Gesellschaft so schwierig und holprig verläuft, scheint in der Gegenwartsliteratur gelungen: Integration. Das bedeutet hier eben nicht, dass die kulturelle Prägung dieser Autoren verschwindet. Ihr Werk bereichert unsere Nationalliteratur um eine neue Facette.

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, spiegelt sich, natürlich, auch in der Literatur. Es begann in der jüngeren Geschichte mit der sogenannten Gastarbeiter-Literatur in den siebziger und achtziger Jahren. Menschen, die in Deutschland Arbeit und einen besseren Lebensstandard als in ihren Heimatländern suchten, beschrieben ihren (Arbeits-)Alltag in Deutschland – und oft auch das Gefühl, weder in der neuen noch in der alten Heimat dazuzugehören und in Deutschland höchstens als Arbeitskraft, aber nicht als Mensch erwünscht zu sein. Viele dieser Bücher erzählen mäßig kunstvoll, was zu dieser Zeit typisch war: Geschichten aus der Arbeitswelt und Geschichten einer persönlichen Betroffenheit.

„Nicht nur gastarbeiterdeutsch“ heißt, in damals modischer Kleinschreibung, ein Gedichtband des Italieners Franco Biondi aus dem Jahr 1979. Biondi hat zu der Zeit gemeinsam mit dem aus Syrien stammenden Rafik Schami die Reihe „Südwind-Gastarbeiterdeutsch“ herausgegeben und 1980 den „PoLiKunstverein“, den Polynationalen Literatur- und Kunstverein, gegründet. Schami hat seitdem Dutzende von Büchern veröffentlicht, oft spielen sie in seiner Heimatstadt Damaskus. Dabei begreift sich der Autor, der auf Deutsch schreibt, als literarischer Brückenbauer, als Vermittler zwischen den Kulturen. „Ich bin ein deutschsprachiger Erzähler“, sagte er mal im HAZ-Interview – und ergänzte: „arabischer Herkunft“.

Ein ähnliches Selbstverständnis haben zahlreiche seiner Kollegen, zumal die jüngeren. Sie sind außerhalb Deutschlands geboren oder hier als Kinder von Einwanderern oder Flüchtlingen groß geworden. Doch sie schreiben nicht in der Sprache ihrer Eltern, und sie prägen die deutschsprachige Literaturszene mit. In einem „Migrantenstadl“, wie Ilija Trojanow das nennt, will keiner von ihnen schmoren. Er lebe zudem „hervorragend“ in einem Mix verschiedener Kulturen, sagte der Autor.

Ilija Trojanow, geboren 1965 in Bulgarien, ist einer der erfolgreichen, mehrfach ausgezeichneten deutschen Autoren mit Migrationshintergrund. Ähnlich wie Terézia Mora, die aus Ungarn stammt, Saša Stanišic, Zoran Drvenkar und Maricia Bodrožic (Exjugoslawien), Wladimir Kaminer und Alina Bronsky (ehemalige UdSSR), Artur Becker (Polen), Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu (Türkei) und und und.

Die Zeiten, in denen die Migranten­(-kinder) sich vor allem in Opposition zur Mehrheitskultur verstanden, sind vorbei. Die migrantische Herkunft ist nicht mehr als ein biografischer Aspekt unter mehreren – ähnlich wie bei anderen deutschsprachigen Autoren etwa aus der österreichischen Provinz oder dem Ruhrgebiet. Gerade deshalb gehen viele damit so lässig und souverän um, etwa wenn deutsch-türkische Autorinnen wie Hatice Akyün („Einmal Hans mit scharfer Soße“) oder Iris Alanyali („Gebrauchsanweisung für die Türkei“) heiter über kulturelle Missverständnisse plaudern.

Doch viele Literaten haben sich von diesem Thema freigeschrieben. Ein Beispiel ist Feridun Zaimoglu. 1995 erzählte er in seinem Roman „Kanak Sprak“ im damals aufregenden Jugendslang noch von jungen Deutschtürken, die sich an den Rand gedrängt fühlten. Von Roman zu Roman hat sich Zaimoglu, der 1964 in der Türkei geboren und als Kleinkind nach Deutschland gekommen ist, von diesem autobiografisch gefärbten Thema entfernt. Sein jüngster Roman „Hinterland“ erzählt eine Liebesgeschichte, die zu weiten Teilen in Tschechien spielt.

„Die meisten Autoren bestehen zu Recht darauf, das sie mehr sind als ‚Migranten‘, dass sie komplexe Mehrfachidentitäten ausgebildet haben und in der Wahl ihrer literarischen Sujets frei sind“, sagt Klaus Hübner, der die Adelbert-von-Chamisso-Preisverleihung betreut. Mit dieser Auszeichnung – benannt nach dem 1781 in Frankreich geborenen und 1838 in Berlin gestorbenen deutschen Schriftsteller – werden seit einem Vierteljahrhundert deutsche Autoren geehrt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. In diesem Jahr ging der Hauptpreis an Terézia Mora, die beiden Förderpreise erhielten die gebürtige Georgierin Nino Haratischwili und Abbas Khider aus dem Irak.

Die Migration bestimmt die Kulturen in der gegenwärtigen globalisierten Welt noch stärker, als sie es in früheren Jahren auch schon tat. In klassischen Auswandererländern wie den USA, Kanada und Australien oder den Staaten mit einer ausgeprägten kolonialen Vergangenheit wie Großbritannien ist es schon viel länger selbstverständlich, dass renommierte Autoren einen südamerikanischen, nordafrikanischen oder indischen Familienhintergrund haben.

Die deutsche Gegenwartsliteratur ist – ähnlich wie die Kunst- und Filmszene – durch Migranten vielfältiger geworden. Die Sprache der migrantischen Schriftsteller ist manchmal anders, etwa von der Satzmelodie ihrer Muttersprache geprägt – das unterscheidet sie aber nicht von österreichischen und schweizerischen oder aus dem Bayerischen oder dem Ruhrpott stammenden Autoren. Die spezifischen Prägungen und Erfahrungen der „eingewanderten“ Literaten erweitern und präzisieren unsere Selbstwahrnehmung. Manche der Autoren schauen auf ihre neue Heimat Deutschland mitunter genauer und auch humorvoller als einheimische Beobachter – etwa wenn der gebürtige Russe Wladimir Kaminer über die deutsche Schrebergartenkultur sinniert.