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Kultur Strippenzieher in Glaspalästen
Nachrichten Kultur Strippenzieher in Glaspalästen
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09:04 18.06.2015
Von Stefan Stosch
Foto: Noch sind sie sich uneins, in welche Richtung sie ermitteln sollen: Redakteur Fabian Groys (Florian David Fitz), Volontärin Nadja Koltes (Lilith Stangenberg).
Noch sind sie sich uneins, in welche Richtung sie ermitteln sollen: Redakteur Fabian Groys (Florian David Fitz), Volontärin Nadja Koltes (Lilith Stangenberg). Quelle: NFP
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Ob die Zeiten damals wirklich so glorreich für Journalisten waren? Sie begaben sich in Tiefgaragen, trafen geheimnisvolle Informanten, kritzelten haufenweise Zettelchen voll – und wenn sie wieder ans Tageslicht kamen, trugen sie die Wahrheit in der Hosentasche. So ungefähr sah es jedenfalls 1976 im Politthriller „Die Unbestechlichen“ aus, in dem Dustin Hoffman und Robert Redford den Watergate-Skandal noch einmal fürs Kino aufdeckten.

Jetzt trifft wieder ein investigativer Journalist auf dubiose Informanten, und sofort werden Erinnerungen an Alan J. Pakulas Klassiker wach. Gut, der Berliner Journalist Fabian Groys (Florian David Fitz) will nicht gleich die deutsche Regierungsspitze aus dem Amt kegeln, aber immerhin dem vermuteten verbrecherischen Umgang mit erkrankten Bundeswehrsoldaten auf die Spur kommen. Aber das Recherchieren hat so seine Tücken.

Gleich zu Beginn in Christoph Hochhäuslers Paranoia-Thriller ist Groys auf graustichigen Videobildern zu erkennen: Bei seinen Informantentreffen mit einem Bundeswehrangehörigen wird er selbst observiert – der Beobachter wird zum Beobachteten. Und auch sonst versteht er sich nicht unbedingt als das Gewissen der Nation: Der Porsche-Fahrer Groys hat Spielschulden, Diabetes und eine eher laxe Arbeitsauffassung. Er arbeitet bei einem politischen Berliner Wochenmagazin, das auch schon bessere Tage gesehen hat.

Nachgefragt

Herr Fitz, Ihre Figur des zynischen Journalisten ist nicht gerade ein Sympathieträger. Überlegt man zweimal, bevor man so eine Rolle annimmt?
Ich habe mittlerweile so eine Sympathieallergie entwickelt. Immer wieder hört man, dass eine Figur sympathisch sein muss, damit sich das Publikum mit ihr identifizieren kann. Daran glaube ich nicht. Eine Figur muss interessant sein. Fabian Groys ist ein politischer Journalist, und man sieht an ihm, was dieser Beruf aus einem Menschen machen kann. Er ist am Ende aber ein sehr viel reflektierterer und moralischerer Mensch als am Anfang.
Hat sich Ihr Bild vom Journalismus verändert?
Der Film hat mich daran erinnert, dass man nie den menschlichen Faktor ausblenden sollte. Man muss sich immer vor Augen führen, dass ein Text in einer Zeitung nicht unbedingt aus einer neutralen Perspektive, sondern mit einer bestimmten Absicht geschrieben wird. Man sollte sich bewusst machen, dass zwischen der Sache, die geschieht, und dem, was bei uns ankommt, die Information durch viele verschiedene Filter läuft.
In „Die Lügen der Sieger“ geht es auch um die manipulative Macht der Lobbyisten. Man könnte glatt auf die Idee kommen, die Demokratie sei ein Marionettentheater.
Ja, aber ich bin auch kein Freund von Verschwörungstheorien. Denn die behaupten letztlich, dass der Mensch sich im Bösen so gut organisieren kann, wie er es im Positiven nicht schafft. Man muss nur „Citizen Four“ anschauen, um zu sehen, welche Kräfte hinter der Fassade der Demokratie wirken. Dennoch glaube ich nicht daran, dass es eine übergeordnete Macht gibt, die alles steuert.
Als Schauspieler stehen Sie selbst im Licht der Öffentlichkeit. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Mediengesellschaft?
Ich habe wenig schlechte Erfahrungen gemacht. Als das bei mir so langsam mit dem Erfolg losging, hatte ich schon mit vielen Leuten gesprochen, die über Erfahrung verfügten. Das Wichtigste ist zu lernen, in einem Interview auch Nein zu sagen. Das ist am Anfang schwer, wenn man froh ist, dass sich die Medien für einen interessieren. Aber jetzt bin ich in der Position, wo sich ein Artikel auch verkaufen lässt, ohne dass ich sagen muss: Ich bin schwanger!

Interview: Martin Schwickert

Und dann ist da noch der irritierende Titel von Hochhäuslers Film: „Die Lügen der Sieger“ bezieht sich auf ein Gedicht des US-Beat-Poeten Lawrence Ferlinghetti: „Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger, aber man würd’s nicht erkennen an den Titeln der Bücher.“

Aber wer sind hier die Sieger? Der Mitarbeiter der Giftmülldeponie und ehemalige Afghanistan-Soldat jedenfalls nicht: Der Mann springt kurz vor der Fütterungszeit im Zoo in den Tigerkäfig und nimmt sich so spektakulär das Leben.
Regisseur und Drehbuchautor Hochhäusler hat die deutsche Wirklichkeit schon immer etwas schärfer ins Visier genommen, etwa in „Unter dir die Stadt“ (2010), einem Werk über Managermacht und Managerliebe im Paralleluniversum der Frankfurter Bankentürme. Hochhäusler verlässt gern die private Kuschelzone, in der sich viele seiner deutschen Kollegen tummeln, und fragt nach gesellschaftlichen Zusammenhängen.

In seinem vierten Kinofilm zeigt er nun, wie Politiker im Verbund mit Lobbyisten und Medien an der Wahrheit schrauben und drehen, bis sie ihnen genehm ist. Viele Strippenzieher sind hier am Werk, Minister lassen sich zu Marionetten machen. Es geht auch um so unsexy Dinge wie EU-Richtlinien zur Giftstoffentsorgung.

Für knapp zwei Stunden Kinounterhaltung ist das ein ziemlich hoher Anspruch. Nicht durchweg gelingt es Hochhäusler, die Absicht hinter seiner Geschichte verschwinden zu lassen, auch das Spannungslevel ist überschaubar. Dafür aber werden Machtstrukturen geschickt aufgefächert, bei denen man sich an diese unsere Berliner Republik erinnert fühlen könnte. Und je länger Groys und die ehrgeizige Volontärin Nadja Koltes (Lilith Stangenberg) ihrer Story hinterherjagen, desto mehr werden sie Teil davon – ohne es zu ahnen.

Die Schauplätze in diesem unterkühlten Film stehen im Widerspruch zur undurchsichtigen Wirklichkeit: Immer wieder blickt die Kamera auf lichtdurchflutete Glaspaläste – und ermöglicht dennoch keinen wirklichen Durchblick. Die Manipulationen in Berliner Edelbüros finden im hellen Tageslicht statt. Letztlich ist es auch egal, welche Sau gerade durchs Dorf getrieben wird – Pardon: wer hier auf der publizistischen Anklagebank landet. Der Chefredakteur wird am Ende sagen: „Es hat trotzdem die Richtigen erwischt.“ Er hat zumindest insofern recht, als jeder neue vermeintliche Skandal nur noch leere Aufregungsrituale provoziert.

Das alles ist wunderbar beobachtet – was nichts daran ändert, dass es sich bei Hochhäusler um einen Nostalgiker handeln muss: Einmal blendet er unverhofft eine Szene aus dem Noir-Film „Deadline“ (1952) ein. Da steht Humphrey Bogart als idealistischer Chefredakteur vor einer Zeitungsdruckmaschine und wird telefonisch von einem Gangster bedroht, der die Veröffentlichung einer Story mit aller Macht verhindern will. Und was antwortet der Chefredakteur mit Fliege am Hals? „Das ist die Presse, Baby. Und es gibt nichts, was du gegen sie ausrichten kannst.“ Ob das früher wirklich so war?

Die Lügen der Sieger, Regie: Christoph Hochhäusler, 112 Minuten, FSK 12, Kino am Raschplatz

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