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Kultur „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ feiert Premiere
Nachrichten Kultur „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ feiert Premiere
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12:11 23.03.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Darsteller Hanna Scheibe (von links), Susana Fernandes Genebra und Jürgen Kuttner
Die Darsteller Hanna Scheibe (von links), Susana Fernandes Genebra und Jürgen Kuttner Quelle: Schauspiel Hannover
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Gott ist tot. Der Schauspieler Jürgen Kuttner lebt. Er zitiert Nietzsche und improvisiert. Vielleicht tut er auch nur so, als improvisiere er, so genau ist das nicht auszumachen. Jedenfalls rennt er mit ein paar Zetteln in der Hand auf der Bühne hin und her und spricht wild gestikulierend von Gott (der, wenn er doch nicht tot sein sollte, zumindest ein erhebliches Kommunikationsproblem habe) und der Welt (die es nach dem Ende des Christentums vielleicht mal mit Mao probieren sollte). Wie er da einen großen Bogen von Marco Polo bis Joschka Fischer schlägt, wie er von Rilke auf Max Weber und den Sinologen Harro von Senger kommt, ist schon ziemlich abenteuerlich und sehr witzig – steht so aber nicht bei Harun Farocki.

Harun Farocki, der vielleicht erfolgreichste, sicher aber der künstlerisch ambitionierteste deutsche Dokumentarfilmer, hat den Text des Abends vorgegeben. Im Zentrum von „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ steht Farockis gleichnamiger Dokumentarfilm aus dem Jahr 2001. Darin geht es um Einkaufswelten und wie sei entstehen. Was bedenken die Planer von Einkaufspassagen? Wie hoch darf der Toast im Regal liegen? Was soll man mit dem griechischen Imbiss umgehen, wenn der Rest der Mall das Thema „Miami Vice“ durchspielt? Kann man Kunst als „Shopstopper“ einsetzen? Darf der Weg des Kunden durch eine Buchhandlung auch in Sackgassen führen?

In Farockis Film diskutieren ernsthafte Menschen ernsthaft über solche Fragen. Spannend sind die Zwischentöne, die Ähs und Pausen, die kleinen Unsicherheiten der kleinen Götter, die unsere Einkaufswelten kreieren. Spannend sind die subtilen Machtkämpfe zwischen Planern und Machern, Architekten und Inhabern, Marketingexperten und Managern. Spannend ist auch, dass alle ihre Argumente gern in Theatermetaphorik kleiden. Von „Inszenierung“ ist oft die Rede, von einem gelungenen „Auftritt“ oder von einer „Geschichte“, die ein Haus oder ein Produkt „erzählen“ soll. Aber eignet sich ein Stoff, in dem das Wort Theater fällt, deshalb fürs Theater?

Warum nicht? Grundsätzlich ist das natürlich ein Theaterstoff. Einkaufen ist ein wichtiger Teil unseres Lebens, wir tun es jeden Tag. Und eine große Gruppe betrachtet uns ausschließlich so: als Kaufkraftbringer. Insofern gehört der Mensch als Konsument selbstverständlich auf die Bühne. Aber Theaterstücke übers Einkaufen gibt es nicht.
Erstaunlicherweise. Seit Beginn seiner Intendanz in Hannover arbeitet Schauspielchef Lars-Ole Walburg an der Repolitisierung des Theaters, insofern passt das Stück gut in seinen Spielplan.

Aber das politische Theater sieht ganz anders aus als das politische Kino. Das Kino kann Wirklichkeit kommentieren, indem es sie so zeigt, wie sie ist. Das Theater aber wirkt zu stark als Kunst- und Bedeutungsraum, um dokumentarisch sein zu können. Jeder Architekt, Manager oder Marketingberater auf der Bühne wird zur Spielfigur. Wir sehen immer auch: Schauspieler.

Theater muss Wirklichkeit, um sie fassen zu können, stets in einen anderen Zusammenhang stellen. Hier ist es China. Die Bühne (Kathrin Hoffmann) ist geschmückt wie für einen Parteitag, alle Personen tragen blaue Mao-Anzüge (Kostüme: Marysol del Castillo), es gibt Einlagen aus Peking-Oper und Kung-Fu (mit Tim Gerken) und es gibt Puppenspieleinlagen aus „Turandot“ und Parteitag (Figuren: Suse Wächter).

So wird man Brechts Forderung „Betrachtet genau das Verhalten dieser Leute: / Findet es befremdend, wenn auch nicht fremd / (...) Selbst die kleinste Handlung, scheinbar einfach / Betrachtet mit Misstrauen!“(aufgestellt im Prolog von „Die Ausnahme und die Regel“) durchaus gerecht. Die China-Perspektive macht das Normale fremd. Der Blick aus der Ferne erhellt das Nahe.

Handlung aber schafft er nicht. Und Dramatik ist bei der Theatralisierung eines Dokumentarfilms auch nicht zu erwarten. Also behilft sich Regisseur Tom Kühnel mit Spielelementen aus dem Schauspielerworkshop: Eine Szene wird als schwüle Liebeszene dargeboten, eine als fernöstlicher Tanz, eine weitere als Kampf. Man exerziert Spielformen durch. Die Schauspieler (neben Jürgen Kuttner noch: Susana Fernandes Genebra, Hanna Scheibe, Janko Kahle und Andreas Schlager) machen das nicht schlecht, sie können viel. Aber natürlich kaschiert das Übermaß an Spiel die Abwesenheit von Dramatik.

Die Produktion ist eine Übernahme vom Theater Basel, dort hatte die Inszenierung von Tom Kühnel im Jahr 2005 Premiere. Nun ist sie – weiterhin mit Jürgen Kuttner, sonst aber mit anderen Schauspielern – in Hannover zu sehen. Das wichtigste Theater einer Stadt, in der gerade vehement über Architektur gestritten wird, spielt ein Stück, in dem Architektur eine große Rolle spielt – und geht (obwohl es in den Passagen der Improvisation die Möglichkeit dazu hätte) auf den Streit, der die Stadt beschäftigt, mit keinem Wort ein ... Solch eine Art von Autismus muss man sich erst mal leisten können.

Trotzdem: viel Applaus vom begeisterten Premierenpublikum.

Weitere Vorstellungen: am 3., 6., 13. und 14. April.
Karten: (05 11) 99 99 11 11

Martina Sulner 20.03.2010
Volker Wiedersheim 19.03.2010
19.03.2010