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Kultur Die „Titanic“ sinkt jetzt in 3-D
Nachrichten Kultur Die „Titanic“ sinkt jetzt in 3-D
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06:16 02.04.2012
Von Stefan Stosch
Er bringt seinen Kassenhit „Titanic“ noch einmal ins Kino: Starregisseur James Cameron. Quelle: dpa
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Hannover

Das Ärgerliche an einem Film über den Untergang der „Titanic“ ist, dass der Stoff partout nicht zur Fortsetzung taugt. Sonst hätte sich Hollywoodregisseur James Cameron wohl schon längst daran gemacht, die Geschichte der unsterblichen Liebe zwischen Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) fortzuschreiben. Genauso praktiziert er es ja momentan bei seinem Science-Fiction-Abenteuer „Avatar“: Gleich zwei weitere Filme um die blauen Riesen auf dem Planeten Pandora will Cameron nachlegen – sobald der begeisterte Abenteurer von seiner aktuellen Tiefseeexpedition im Marianengraben im Westpazifik wieder aufgetaucht ist.

Camerons „Titanic“ galt 1998 – bis der Regisseur mit „Avatar“ (2009) den eigenen Rekord knackte – als der erfolgreichste Kinofilm überhaupt. 1,5 Milliarden Dollar spielte das Untergangsmelodram ein, doch war es mit 200 Millionen Dollar Produktionskosten auch der bis dahin teuerste Film.

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Die Studiobosse von Twentieth Century Fox hatten damals bereits ihrem Ruin entgegengesehen. Cameron forderte immer mehr Geld und wurde und wurde trotzdem nicht fertig. Dann der Triumph: elf Oscars. Allein in Deutschland wollten 18 Millionen Zuschauer mit Rose und Jack schmachten, wenn sie sich am Schiffsbug küssen und Jack in den Atlantikwind brüllt: „Ich bin der König der Welt.“ Von da an war Leonardo DiCaprio ein Weltstar.

Nun hat Cameron pünktlich zum 100. Jahrestag der Titanic doch noch eine Lösung gefunden, um Honig aus seinem Blockbuster zu saugen: Er bringt den alten „Titanic“-Film ganz einfach noch einmal ins Kino, aufgepeppt als 3-D-Version (deutscher Start: 5. April). Camerons Kollege George Lucas macht mit seiner dreidimensionalen „Star Wars“-Saga ja gerade vor, wie das geht.

Lucas kann seine Wiedervorlage immerhin noch damit erklären, dass Raumschiffe in 3-D grundsätzlich schicker aussehen. Die zunehmende Zahl der dreidimensionalen Comebacks im Kino lässt sich aber auch als kreative Bankrotterklärung begreifen. Die Studios trauen sich immer seltener an originelle Stoffe. Es reicht den Produzenten offensichtlich auch nicht, alte Werke in neuen Variationen aufzubereiten. Hollywood wiederholt sich schamlos selbst. 3-D gibt den Filmemachern dabei ein schönes Spielzeug in die Hand.

Cameron hat seine Wiederholungstat so begründet: Die Jüngeren hätten sein Melodram auf der großen Leinwand verpasst. Nach dieser Logik ließe sich jeder Film alle zehn, zwanzig Jahre noch einmal ins Kino bringen – frühere Umsetzungen des „Titanic“-Stoffes vermisst allerdings auch niemand.

Rund zehn „Titanic“-Verfilmungen gab es, bevor Cameron seinen eigenen Eisberg in Stellung brachte. Der erste Film hatte bereits vier Wochen nach der Katastrophe in New York Premiere. Im zehnminütigen Werk „Saved from the Titanic“ stand eine Überlebende vom Schiff vor der Kamera: Dorothy Gibson, die praktischerweise Schauspielerin war. Sie zog für den Katastrophen-Stummfilm noch einmal dieselben Kleider an, die sie bei der Katastrophe getragen hatte.

Bemerkenswert auch die Geschichte um das von NS-Filmminister Joseph Goebbels persönlich in Auftrag gegebene Drama „Titanic – Tragödie eines Ozeanriesen“: Regie führte Herbert Selpin, und der äußerte sich bei den Dreharbeiten abfällig über die deutschen Siegchancen im Krieg und über die Wehrmacht. Sein eigener Drehbuchautor Walter Zerlett-Olfenius denunzierte ihn. Selpin starb 1942 in Gestapo-Haft. Angeblich war es Selbstmord.

Zur Premiere des „Titanic“-Films kam es in NS-Zeiten nicht mehr. Goebbels schien das zu bedenklich. Deutschland steuerte inzwischen auf seinen eigenen Untergang zu, da hätte die „Titanic“ falsche Assoziationen wecken können. Erst 1950 wurde der Film – gekürzt um die ursprüngliche antibritische Propaganda – in der Bundesrepublik aufgeführt.

Cameron hat sich nach eigenen Worten von Selpins Film inspirieren lassen. Vor allem aber setzte er aufs Romeo-und-Julia-Motiv. Rose reiste in der ersten, Jack in der dritten Klasse. Getrennt sind die beiden Liebenden durch die Gitter zwischen den Decks. Die in Reiche und Arme unterteilte Welt an Land spiegelte sich im gesellschaftlichen Mikrokosmos an Bord.

Der Hobbywissenschaftler Cameron hatte sich bei seinem Melodram schwer ins Zeug gelegt: Er organisierte in Zusammenarbeit mit dem russischen Forschungsschiff „Akademik Keldysch“ Tauchexpeditionen hinab zum Wrack. Eigens konstruierte, ferngesteuerte Mini-U-Booten lieferten noch nie gesehene Bilder aus dem Innern des Schiffs. Diese spektakulären Aufnahmen flossen in sein Kinodrama ein. Später brachte Cameron die Dokumentation „Die Geister der Titanic“ ins Kino.

Von seinem aktuellen Tauchgang zum tiefsten Punkt der Weltmeere im Marianengraben hat er nach eigenen Worten noch viel spektakulärere Aufnahmen mitgebracht. Die Bilder vom Meeresgrund in elftausend Meter Tiefe dienen ihm nun gewiss wieder als Inspiration für seine „Avatar“-Dschungelwelten. So schließt sich der Kreis in Leben und Werk des Abenteurers und Regisseurs James Cameron.

Zunächst einmal aber werden sich – jede Wette – vor allem ältere Zuschauer ins Kino aufmachen, um noch einmal zu schluchzen, wenn Céline Dion „My Heart will go on“ singt. Hoffentlich ist es noch so schön traurig wie beim ersten Mal.

Die 3-D-Version von „Titanic“ startet am 5. April in den deutschen Kinos.

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