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Kultur „Ein europäischer Islam ist möglich“
Nachrichten Kultur „Ein europäischer Islam ist möglich“
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20:26 08.10.2010
„Integration können wir von unseren Migranten nur erwarten, wenn wir selbst bereit sind, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.“
„Integration können wir von unseren Migranten nur erwarten, wenn wir selbst bereit sind, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.“ Quelle: dpa
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Angelika Neuwirth studierte Arabistik, Semitistik und Klassische Philologie. Seit 1991 hat sie den Lehrstuhl für Arabistik an der Freien Universität Berlin inne. 1994–99 war sie Direktorin des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut und Istanbul. Seit 2003 ist sie in Fellow-Projekte am Berliner Wissenschaftskolleg involviert. Wer an der Verleihung der Fritz-Behrens-Wissenschaftspreise an Angelika Neuwirth und den Ingenieur Kurosch ­Rezwan am 12. Oktober um 18 Uhr im Sprengel Museum teilnehmen will, kann sich bei der Stiftung telefonisch anmelden: (05 11) 81 20 33.

Sie haben einst ein „Orchideenfach“ studiert, das heute im Mittelpunkt der globalen Kulturkämpfe steht. Hat Sie das überrascht?

In der Tat waren orientalische Studien lange Zeit etwas Exotisches, womit sich nur eine kleine Zahl von Spezialisten beschäftigte. So zynisch es klingt, es waren die Ereignisse des 11. September 2001, die den Anstoß gaben, die nahöstlichen Studien auf eine ganz neue, breitere Basis zu stellen, sodass wir heute über neue Institutionen und mehr Mitarbeiter verfügen.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Sarrazin-Debatte?

Es ist mir unverständlich, wie in dieser medial so intensiv verfolgten Debatte das Kernproblem unangesprochen bleiben konnte: der europäische Islam, das heißt die große Chance, dass aus dem Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen eine neue Form des Islams, aber auch ein neues Selbstverständnis Europas erwachsen könnte. Integration können wir von unseren Migranten nur dann ernsthaft erwarten, wenn wir selbst bereit sind, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Ich erinnere hier gern an die Entstehung eines europäischen Judentums im 18./19. Jahrhundert, das sich im engen Austausch mit deutschen Gebildeten entwickeln konnte, die am Judentum aufrichtiges Interesse zeigten – man denke an Lessing mit seiner „Ring“-Parabel. Solches Entgegenkommen ist im Falle des heutigen Islams nicht zu bemerken. Die Sarrazin-Debatte wurde einseitig um das Objekt Migranten herum geführt, unsere eigenen Lernchancen blieben ausgeblendet. Sehr enttäuschend.

Was sind die Hauptirrtümer, die in unseren Debatten über den Islam im Umlauf sind?

Es gibt „den Islam“ nicht. Was wir mit den muslimischen Migranten vor uns haben, sind verschieden geprägte Individuen, die auf diese oder jene Weise mit den im Gastland vorgefundenen Verhältnissen fertigwerden müssen. Bei diesem Prozess sollten sie nicht ihre Identität verleugnen müssen, vielmehr sollten sie bei deren Neureflexion unterstützt werden.

Es wird immer wieder bezweifelt, dass der Islam mit den Werten unserer Verfassung kompatibel ist. Eine richtige Vermutung?

Der islamische Rechtskanon, die Scharia, ist – so wie er überliefert ist – mit den Werten unserer Verfassung genauso wenig kompatibel, wie jede andere vormoderne Rechtsform es wäre. Sie liegt ja auch mit einer einzigen Ausnahme keiner Verfassung eines nahöstlichen Staates als Basis zugrunde. Es ist einzelnen Denkern wie beispielsweise Tarik Ramadan zufolge die Aufgabe des europäischen Islams, vor allem durch das Verfahren der Außerkraftsetzung obsolet gewordene Vorschriften abzuschaffen. Andere Denker sind rigoroser und verlangen eine systematische Historisierung der Rechtsquellen des Islams. Der Sinn, nicht aber der Wortlaut der alten Normen soll für das heutige Denken maßgeblich sein.

Heute wird der Islam mit einem rigiden Puritanismus und mit Frauenfeindlichkeit in Verbindung gebracht. Entspricht das der islamischen Tradition?

Die islamische Tradition ist sehr breit. Im Zeitvergleich war sie über weite Strecken nicht puritanischer oder frauenfeindlicher als die westliche Kultur. Allerdings wurde mit der Öffnung des öffentlichen Raumes für die Frau, die in Europa im 17./18. Jahrhundert stattfand, im Nahen Osten bis ins 19. Jahrhundert gewartet. Auch setzte sie sich nicht überall durch, und vor allem kam es Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer fundamentalistischen Gegenbewegung, die einen gravierenden Rückschritt gegenüber den Errungenschaften des 19. Jahrhunderts markiert.

Islamkritiker lasten Steinigung, Ehrenmorde, Zwangsverheiratung der islamischen Religion an. Zu Recht?

Steinigung ist ein Fossil biblischer Tradition, das erst bei seiner Neuentdeckung durch die Fundamentalisten häufiger zur Anwendung kommt, von deren Anwendung schon der Koran abrät. Ehrenmord und Zwangsverheiratung sind einfach perverse Überinterpretationen patriarchaler Prinzipien, wie sie in patriarchalen Gesellschaften auch außerhalb des Islams gängig waren und sind. Sie haben mit islamischen Normen nichts zu tun.

Wo irren die islamistischen Fundamentalisten bei ihrer Interpretation des Korans?

Da, wo die Fundamentalisten aller Farben, christliche und jüdische wie islamische, irren: in dem Glauben, die heiligen Schriften seien den Buchstaben nach zu verstehen. Die gesamte Tradition hindurch wurde der Koran in vielfältiger Weise gedeutet, meistens seinem inneren Sinn gemäß. Sonst hätte es keine gesellschaftliche Entwicklung gegeben.

Gab es im Islam tatsächlich nie eine Phase der Aufklärung?

Es gab eine Reihe von Aufklärungen, die immer wieder Gegenbewegungen auslösten, nicht eine einzige wie in Europa. Die vielleicht bedeutendste im 8./9. Jahrhundert gilt noch heute vielen Reformern als Ausgangspunkt für ihre theologischen Zukunftsvisionen. Allerdings hat es keine systematische Säkularisierungsbewegung gegeben, Säkularisierung erfolgte ungelenkt und führte seit Ende des 19.  Jahrhunderts zu der heute bei Gebildeten in den nahöstlichen Städten längst vollzogenen Trennung von öffentlichem Leben und privater Religion. Diese Entwicklung zeichnet sich bei unseren Mi­granten deshalb nicht ab, weil diese oft aus eher traditionellen Kreisen kommen.

Hat die europäische Kultur dem Islam irgendetwas zu verdanken?

Die europäische Kultur als solche ist nicht zuletzt das Produkt des ständigen Austausches – man denke an die Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie im 13. Jahrhundert. Die Auseinandersetzung mit dem Islam schärfte erst den Blick für die eigene Identität. Das früheste Beispiel einer solchen Herausforderung ist der Koran selbst, der wie mein neues Buch „Der Islam als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang“ zeigt, in Auseinandersetzung mit spätantiken Traditionen entstand und später immer wieder zu Streitgesprächen herausforderte, die beiden Seiten halfen, ihre Positionen philosophisch und theologisch zu vertiefen. Der Islam in Europa ist nicht erst aus Algerien (nach Frankreich), aus Pakistan (nach England) oder aus Anatolien (nach Deutschland) gekommen. Er war bereits da, ist ein vitaler Teil unserer eigenen Tradition.

Halten Sie einen Euroislam für möglich?

Ein europäischer Islam ist nicht nur möglich, er ist ein Muss. Fördern können wir ihn, wenn wir die islamische Tradition ernst nehmen, durch das Gespräch mit Muslimen auf Augenhöhe und den Austausch über wünschenswerte Formen des Zusammenlebens. Ein Vorbild haben wir in der gemeinsamen Arbeit an einem europäischen Judentum vor fast 200 Jahren. Raten können wir den Muslimen nicht, wohl aber sie einladen, in Synergie mit uns eine Konsensform zu finden, die eine Erneuerung des Islams, aber auch Europas ermöglicht.

Interview: Karl-Ludwig Baader

Martina Sulner 08.10.2010
08.10.2010