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Kultur Erwin Strittmatters 100. Geburtstag
Nachrichten Kultur Erwin Strittmatters 100. Geburtstag
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18:45 13.08.2012
Inszenierte Idylle, fernab der Hauptstadt: Eva und Erwin Strittmatter. Quelle: dpa
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Hannover

Für viele Anhänger der DDR war der Erzähler Erwin Strittmatter, der heute vor 100 Jahren in Spremberg in der Lausitz geboren wurde, ein Säulenheiliger. Aus der Beschreibung der Natur und der Menschen in seiner brandenburgischen Heimat schöpfte er selbst Kraft, um die Zumutungen, denen auch SED-Genossen ausgesetzt waren, auszuhalten. Seit den siebziger Jahren mischte er kritische Töne über den real-sozialistischen Alltag in seine Prosa, ohne jedoch einen offenen Bruch mit der sozialistischen Kulturpolitik zu riskieren. Er blieb bis zu seinem Tod 1994 antiwestlich gestimmt und ließ viel Distanz erkennen, wenn es um bürgerliche Freiheiten und die deutsche Einheit ging. Mit dem Reformer Michail Gorbatschow verband Strittmatter keinerlei Hoffnung, in ihm sah er nur den „Totengräber des Sozialismus“.

Unter den Bedingungen der eingeschränkten Öffentlichkeit flogen Erwin Strittmatter in der DDR viele Leserherzen zu. Er besaß den Ruf, kein gelackter Autor zu sein. Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht Anfang der fünfziger Jahre zog er sich auf ein Vorwerk bei Gransee zurück und mied das Parkett der DDR-Hauptstadt. Er inszenierte sich als knochiger Sohn einfacher Leute und machte sich auch als Pferdezüchter einen Namen. Aus dieser Leidenschaft heraus schrieb er 1959 das Kinderbuch „Pony Pedro“, das Pflichtlektüre an allen DDR-Schulen wurde.

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Die Journalisten pilgerten ehrfürchtig auf sein bescheidenes Anwesen. „Der Weise vom Schulzenhof“ - so oder ähnlich waren viele Reportagen überschrieben. Hinter vorgehaltener Hand sprach man schon damals spöttisch vom „Schnulzenhof“, denn gemeinsam mit seiner Frau Eva Strittmatter, die selbst mit gefühlvollen Gedichten ein großes Publikum bediente („Ich mach ein Lied aus Stille“), zelebrierte Strittmatter den Einklang von körperlicher Arbeit und Dichtung, Familie und Sozialismus.

Als 1992 im Aufbau-Verlag der dritte Band von Strittmatters Romantrilogie „Der Laden“ herauskam, durchbrach die Auflage schnell die 100000er Schallmauer. Als sein Name nicht auf der „Spiegel-Bestsellerliste auftauchte, witterten viele DDR-Nostalgiker eine Verschwörung. Doch der Skandal war höchstens der, dass der Buchhandel in Leipzig, Rostock und Potsdam noch nicht in die Erhebungen einbezogen worden war.

1999 wurde „Der Laden“ vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen als dreiteilige Verfilmung einem gesamtdeutschen Publikum nahe gebracht. Dennoch war Strittmatter in Hannover oder München nicht gerade berühmt. Das änderte sich ein bisschen, als 2008 der Literaturwissenschaftler Werner Liersch unter der Überschrift „Strittmatters unbekannter Krieg“ eine Enthüllung in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ platzierte. Liersch stellte die These auf, dass der SED-Schriftsteller seine Militärbiografie im Zweiten Weltkrieg durch beschönigende Legenden systematisch vernebelt habe. Als Angehöriger des berüchtigten Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, das 1943 der SS unterstellt wurde, musste er viel drastischere Kriegserlebnisse gehabt haben, als er in seinen autobiografisch grundierten Romanen („Der Wundertäter“, „Grüner Juni“) andeutete. Große Teile der Öffentlichkeit sahen Günter Grass die Uniform der Waffen-SS nach; bei Strittmatter lag der Fall anders: Er war 15 Jahre älter als Grass, als er sich für Hitlers Eliteeinheit bewarb. Und er rückte auch nicht zu Lebzeiten mit einer Beichte heraus.

Im Lager der DDR-Nostalgiker brach ein Sturm der Entrüstung los. Sollte hier wieder ein treuer Wegbegleiter delegitimiert werden? Doch bald gab es auch nachdenklichere Stimmen. Der DDR-Germanist Dieter Schlenstedt räumte 2009 ein, Strittmatter habe sich offenbar in den verschiedenen Phasen seines Lebens mit Hilfe seiner Bücher „eine Art Wunschbiografie zusammengezimmert“. Er nannte ihn einen „doppelten Konvertiten“. Bauchschmerzen bekannte Schlenstedt vor allem mit Strittmatters zweiter Kehrtwende vom engagierten Kommunisten zum entpolitisierten und entideologisierten Fatalisten.

Der Aufbau-Verlag wie auch viele Linke mit DDR-Prägung zeigten sich zunächst zerrissen. Einerseits verbanden sie mit Strittmatters Romanen ihre eigene kulturelle Identität, andererseits gingen sie immer davon aus, dass die DDR - im Gegensatz zur Bundesrepublik - ein konsequent antifaschistischer Staat war. Wie nun umgehen mit Strittmatter, der als gesellschaftlich engagierter Literat für die sozialistische Umgestaltung geworben und wiederholt über Hitler-Soldaten im Zweiten Weltkrieg geschrieben, aber nie konkret über seine eigenen Verstrickung gesprochen hatte?

Es wurde viel gestritten und gemutmaßt. Aufklärung über Strittmatters wahre Rolle im Zweiten Weltkrieg versprach man sich von seinen Briefen und Tagebüchern, die aber seine Witwe unter Verschluss hielt. Nach ihrem Tod 2011 gelang es dem Aufbau-Verlag unter einem neuen Eigentümer, die Söhne des Schriftstellers davon zu überzeugen, die Dokumente wenigstens einer vertrauenswürdigen Biografin zur Verfügung zu stellen. Annette Leos Biografie ist pünktlich zur 100-Jahr-Feier erschienen und bestätigt anhand von Selbstzeugnissen, dass Strittmatter mehr in Kriegsverbrechen involviert war, als bisher bekannt.

Das heißt nicht, dass seine Literatur nichts taugt. Seine autobiografischen Romanprojekte „Der Wundertäter“ und „Der Laden“, in denen jeweils eine Alter-Ego-Figur durch die Wirren des 20. Jahrhunderts geschickt werden, haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Doch in seiner Kurzprosa findet sich die eine oder andere Perle.

13.08.2012
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