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Kultur Frankfurter Buchmesse lädt chinesische Regimekritiker aus
Nachrichten Kultur Frankfurter Buchmesse lädt chinesische Regimekritiker aus
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16:50 10.09.2009
Wieder ausgeladen: die investigative Umweltjournalistin Dai Qing. Quelle: afp
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Es handelt sich um die Schriftstellerin und investigative Umweltjournalistin Dai Qing und um den im amerikanischen Exil lebenden Lyriker und Verleger Bei Ling.

Protest gegen die Entscheidung der Buchmesse kam gestern unter anderem vom Schriftstellerverband PEN. Der Generalsekretär des Vereinigung, Herbert Wiesner, sagte: „Meine größte Sorge ist, dass wir uns jetzt erpressbar machen“. Wiesner meldete grundsätzliche Zweifel an Chinas Rolle als Ehrengast der diesjährigen Buchmesse an, die vom 14. bis 18. Oktober läuft und bei der traditionell auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben wird. „Vielleicht ist das Land für die Weltöffentlichkeit noch nicht reif“, meint Wiesner, der auf dem Symposium die Inhaftierung und Schikanierung chinesischer Autoren zum Thema machen möchte.

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Scharfe Kritik kam gestern auch von Hans-Joachim Otto, FDP-Kulturpolitiker im Bundestag und Vorsitzender des Bundestagskulturausschusses. „Die Ausladungen müssen sofort zurückgenommen werden“, fordert er. Die Buchmesseleitung hingegen verteidigt ihren Rückzieher. „Zugeständnisse sind unter Partnern unumgänglich“, sagte Buchmesse-Direktor Juergen Boos. „Die Chinesen sind die wichtigsten Teilnehmer. Und wir wollen mit ihnen, nicht bloß über sie sprechen“.

Der betroffene Schriftsteller Bei Ling sieht durch das Nachgeben der Buchmesse-Organistoren die Meinungsfreiheit gefährdet. Von der Messeleitung sei ihm mitgeteilt worden, dass er mit Rücksicht auf die offiziellen chinesischen Vertreter den bestellten Beitrag über Zensur und Selbstzensur nicht halten solle. Seine Kollegin Dai Qing möchte trotz der Ausladung am Symposium teilnehmen. „Da ich als Rednerin offensichtlich nicht mehr erwünscht bin, würde ich mich gegebenenfalls ins Publikum setzen und Fragen stellen“, sagte sie gegenüber dieser Zeitung.

Von der Rednerliste der Veranstaltung wurde die Autorin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees bereits gestrichen. Das Gastlandkomitee, das neben der Buchmesse und dem deutschen PEN-Zentrum als Veranstalter auftritt, hatte gedroht, seine zwölfköpfige Delegation zurückzuziehen, falls Dai auf dem Podium sitze, darunter den ehemaligen chinesischen Botschafter in Berlin, Mei Zhaorong, und Journalisten des Staatssenders CCTV.

Nachdem sich die für Zensur zuständige Pekinger Behörde für Presse und Publikation (GAPP) am Montag geweigert hatte, Dai das offizielle Einladungsschreiben der Buchmesse auszuhändigen, machte die 68-Jährige den vorangegangenen Email-Verkehr als Einladung geltend, was von der deutschen Botschaft in Peking anerkannt wurde. Die Autorin erhielt am Donnerstag ein Visum. Sie werde nun als Gast des PEN auftreten, sagt sie. Scheitern könnte ihre Reise höchstens noch, wenn die Volksrepublik ihr Flugticket stornieren oder sie anderwärtig abhalten würde.

Bei der Buchmesse zeigte man sich konsterniert über Dais Versuch, doch nach Frankfurt zu kommen. „Dann stürzt die ganze Veranstaltung garantiert in sich zusammen“, sagte Organisator Peter Ripken. „Wir wollten eine echte Debatte, aber ohne die chinesischen Teilnehmer würde die Konferenz zu einem Tribunal werden.“ Das chinesische Vorbereitungskomitee der Buchmesse stand am Donnerstag erneut nicht zu einer Stellungnahme zur Verfügung.

„Ich will in Frankfurt im Publikum sitzen und die offiziellen Vertreter fragen, warum es in der Volksrepublik nach 60 Jahren noch kein Presse- und Veröffentlichungsgesetz gibt“, sagte Dai. Die Journalistin wirft der Regierung vor, dass trotz scheinbar funktionierender Marktmechanismen und formal garantierter Presse- und Meinungsfreiheit noch immer der Propagandaapparat die Medien beherrsche. „In Frankfurt werden die offiziellen Vertreter sagen, dass China ein freies Land ist“, so Dai. „Aber solange ich und viele andere Schriftsteller daran gehindert werden, ihre Meinung zu sagen, kann von Freiheit keine Rede sein.“

Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse, mit dem die Volksrepublik sich als offenes und freies Land präsentieren will, stehe sie kritisch gegenüber.

„Was kann diese angebliche Kultur-Olympiade für die chinesischen Leser oder die Reform des Presse- und Verlagsgesetzes bringen?“ so Dai. „Für die gewöhnlichen Chinesen bringt das genauso wenig Verbesserungen wie Olympia 2008.“ Unter anderem wollte sie auf die Fälle der inhaftierten Regimekritiker Tan Zuoren, Liu Xiaobo und Hu Jia hinweisen. Dai hatte Anfang der Neunziger selbst zehn Monate im Gefängnis verbracht, weil sie 1989 als Ideengeberin für die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens galt.

Neben Dai Qing und Bei Ling hat die Konferenz noch einen weiteren prominenten Sprecher verloren. Der Pekinger Kulturwissenschaftler Wang Hui, der am Samstag den Hauptvortrag unter dem Titel „Die Krise der Modernität in Osten und Westen“ halten sollte, entschied sich, nicht nach Frankfurt zu reisen. „Ich wäre gerne dabei gewesen, aber aus organisatorischen Gründen wird das nicht klappen“, sagte Wang dieser Zeitung. Bei GAPP wird man darüber nicht traurig sein: Wang gilt als ein Vordenker der „Neuen Linken“, der scharf mit der Herrschaft der heutigen Regierung ins Gericht geht.

Von Bernhard Bartsch und Johanna Di Blasi