Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Gneisenau – Reformer und Streiter für die Wehrpflicht
Nachrichten Kultur Gneisenau – Reformer und Streiter für die Wehrpflicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:21 26.10.2010
August Neidhardt von Gneisenau
August Neidhardt von Gneisenau Quelle: Archiv
Anzeige

Zu Beginn des Jahres 1806 saß er, ein Mann von zweifelhaftem Adel und ohne eigenes Vermögen, als Hauptmann in einer schlesischen Provinzgarnison. Für seine Karriere konnte er nur noch auf die Beförderung zum Major hoffen. Und hätte nicht am 14. Oktober jenes Jahres Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee vernichtend geschlagen und so deren verrotteten Zustand wie auch den des Staates enthüllt, niemand würde heute noch den Namen August Neidhardt von Gneisenau kennen. Aber das Chaos von 1806 gab ihm seine Chance, er nutzte sie, und als Gneisenau 25 Jahre später starb, war er in den Grafenstand erhoben und zum Generalfeldmarschall ernannt worden. Zusammen mit Gerhard von Scharnhorst, Heinrich vom Stein und Karl August von Hardenberg gehört Gneisenau, der am 27. Oktober 1760 im sächsischen Schildau geboren wurde, zu den bedeutendsten preußischen Reformern.

Gneisenau hatte zwei prägende Erlebnisse, das erste davon 1782/83. Damals war er als Leutnant zusammen mit zwei Regimentern an die Briten vermietet worden, um in Amerika gegen die Aufständischen zu kämpfen. An Kriegshandlungen nahm Gneisenau zwar nicht teil, er analysierte aber den Sieg der Amerikaner: Die in Deutschland herrschenden Zwänge durch Standesunterschiede und die Leibeigenschaft waren in Amerika unbekannt, hier kämpften freie Männer um ihre Unabhängigkeit. Die Milizsoldaten hatten gegenüber den Berufssöldnern eine höhere Kampfmoral.

Das zweite prägende Erlebnis begann für Gneisenau, der jetzt preußischer Offizier geworden war, am 29. April 1807. Fast alle preußischen Festungen hatten vor Napoleon kapituliert. Als eine von wenigen hielt sich nur noch Kolberg an der Ostseeküste. Dorthin wurde Gneisenau als Festungskommandant geschickt, und an jenem Apriltag trat er in die Geschichte ein. Bestärkt durch den Bürgerrepräsentanten Joachim Nettelbeck hielt er die Festung bis zum Frieden von Tilsit im Juli. Die Verteidigung von Kolberg wurde zum preußischen Mythos. Gneisenau erklomm die Karriereleiter und begann, sein militärisches Reformprogramm umzusetzen. Er meinte, dass Napoleon sowie künftige Feinde nur durch die Einheit von Volk und Heer zu besiegen seien.

Gneisenau machte sich bei den Konservativen, die erkannten, dass er an der überkommenen Gesellschaftsordnung rüttelte, schnell Feinde. Mit Söldnerheeren war die erstrebte Einheit nicht zu erreichen, also musste die allgemeine Wehrpflicht her, die 1814 auch Gesetz wurde. Neben dem stehenden Heer sollte es als Reserve eine Landwehr geben – 1813 aufgestellt. Wenn es nach Gneisenau gegangen wäre, wären in den Einheiten die Offiziere sogar gewählt worden. Dies rührte an das Ernennungsrecht des Königs und den Standesdünkel der adeligen Offiziere. Gneisenau erreichte auch die Abschaffung der Prügelstrafe für die Soldaten. Am radikalsten aber war die Schaffung des Landsturms 1813, der, außerhalb von Heer und Landwehr stehend, nach spanischem Vorbild Guerillakrieg führen sollte. Dieser Gedanke der Volksbewaffnung und des Volkskrieges galt nun aber als so revolutionär, dass aus ihm nie Praxis geworden ist.

Seine Kritiker bezeichneten ihn als „Jakobiner“ und „Revolutionär“, was er aber stets von sich gewiesen hat. Als nach dem Sieg über Napoleon 1815 die Konservativen wieder in den Vordergrund rückten, wurde Gneisenau zusehends kaltgestellt. Seine Spur in der Geschichte aber ist geblieben.

Mit der allgemeinen Wehrpflicht in einer Zeit der nationalistischen Aufladung der Atmosphäre wurde ein neuer Typ Soldat geschaffen, dem man unerhörte Leistungen und Opfer abfordern konnte. Niemals hätten die Söldner des 18. Jahrhunderts solche Schlachten wie die von Verdun im Ersten oder von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg mitgemacht. Erst die Indoktrination von der Einheit von Volk und Heer machte dies möglich. Der Krieg verlor seinen Charakter als Mittel der Politik und wurde zum Existenzkampf auf Leben und Tod. War das Heer eins mit dem Volk, galt dies auch umgekehrt. Nicht per Zufall hat Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels kurz vor Kriegsende einen Durchhaltefilm in Auftrag gegeben, der sich um Kolberg drehte. Hier berichtet Gneisenau in einer Rahmenhandlung 1813 König Friedrich Wilhelm III. von den damaligen Ereignissen, worauf dieser seinen „Aufruf an mein Volk“ erlässt – und suggeriert wird, dass Gneisenaus Landsturm nun der Volkssturm sei.

Gneisenau veränderte mit seinem neuen Soldatentyp sowohl die politische als auch die militärische Welt. 1812 empfahl er die Strategie der verbrannten Erde auch im eigenen Land, um die Bewegungen des Feindes zu lähmen und sich dabei „nicht durch Rücksichten der Menschlichkeit von den zur Erreichung dieses Zwecks unerlässlichen Maßregeln abhalten zu lassen“. Spätestens nach der Völkerschlacht von Leipzig 1813, mit mehr als 100 000 Toten die erste Massenschlacht der Moderne, wurde Gneisenau, jetzt Generalstabschef von Blüchers Schlesischer Armee und deren eigentlicher operativer Kopf, zum Vernichtungsstrategen. Kein Kabinettskrieg, den die Soldaten aus dem Volk ohnehin nicht verstehen würden! Keine Kompromissverhandlungen mehr (über die Ergebnisse des Wiener Kongresses 1815 wird Gneisenau später heftig murren)! Auf, über den Rhein! „Nur in Paris können wir einen Frieden vorschreiben, wie ihn die Ruhe der Völker bedarf.“

Bis zum Ende der DDR haben sich in Deutschland zwei Armeen mit allgemeiner Wehrpflicht gegenübergestanden. Ohne ideologische Motivation ging es in beiden Fällen nicht. Der Nationalen Volksarmee sollte Hass eingeimpft werden (für sie wurde auch die von Gneisenau geforderte vormilitärische Ausbildung der Jugend betrieben). Bei der Bundeswehr wurde auf Hasspropaganda verzichtet, dafür aber die Verteidigung der freiheitlichen Werte propagiert. Wie weit diese Konzepte im postnationalistischen Zeitalter noch als motivierende Antriebskräfte getaugt hätten, muss dahingestellt bleiben – glücklicherweise, denn die Probe aufs Exempel ist ja nie gemacht worden.

Jetzt steht die Wehrpflicht in Deutschland vor dem Ende. Die klassische Aufgabe der Landesverteidigung wird eine Bundeswehr von weniger als 200 000 Mann nicht mehr erfüllen können, zumal ihr auch eine Landwehr in Gestalt von Reservisten fehlen wird. Gneisenaus Grundsatz der Einheit von Volk und Heer ist in der Bundesrepublik dahin transformiert worden, dass die Armee aus der Mitte der Gesellschaft kommen müsse. Das hat die Bundeswehr bisher auch getan, im Unterschied etwa zur Berufsarmee der USA. Es wird nun Aufgabe der politischen wie auch der Bundeswehrführung sein zu verhindern, dass der Marsch zurück ins 18. Jahrhundert nicht wieder in einer Volksfremdheit der Armee endet. Gneisenau hat manches nicht vorausgesehen und verhängnisvolle Entwicklungen angestoßen, aber vieles hat er auch richtig gesehen.

Ekkehard Böhme