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Kultur Götz Aly spricht über Antisemitismus
Nachrichten Kultur Götz Aly spricht über Antisemitismus
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12:43 21.04.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Götz Aly hat in Hannover aus seinem Buch vorgelesen.
Götz Aly hat in Hannover aus seinem Buch vorgelesen. Quelle: dpa
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Hannover

Der Saal im Haus der Region war überfüllt, Götz Aly wunderte das nicht. An anderen Orten, teilte er dem Publikum mit selbstbewusster Lässigkeit mit, sei das nicht anders, wenn er seine Thesen über die Rolle des Neids im deutschen Antisemitismus erläutert. Auf Einladung der Gedenkstätte Ahlem stellte der Historiker und Publizist sein Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden“ (Fischer, 22,95 Euro) vor.

In dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch erläutert er die Seelenlage einer verspäteten Nation. Sein Ausgangspunkt ist das Jahr 1800. Geschwächt durch die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges und der napoleonischen Kriege und politisch zersplittert, war das Land auch sozial und wirtschaftlich rückständig. Die deutsche Bevölkerung konnte, so Aly, mit den neuen Rechten (etwa der Gewerbefreiheit) nichts anfangen. Die Entwicklung habe bei breiten Schichten Angst und eine Neigung zu kollektivistischen Lösungen hervorgerufen.

Die Juden, deren Religionspraxis eine Auseinandersetzung mit den alten Schriften eingeschlossen hat, waren im Durchschnitt wesentlich gebildeter und flexibler als die Deutschen und stiegen so während des ganzen 19. Jahrhunderts in viel kürzerer Generationenfolge sozial auf. Vor allem in den höheren Bildungsanstalten (Gymnasium und Universität) reüssierten sie weit überdurchschnittlich.

Aly hat nun viele Zitate gesammelt, die vom einfachen Studenten bis zum Soziologen Werner Sombart stammen und eines zeigen: Man fürchtete die Konkurrenz und neigte zu Protektionismus - will heißen: zu einer Benachteiligung von Juden, wenn es um die Besetzung von Stellen ging. Dabei entwickelte sich eine verquere Verbindung von Minderwertigkeitsgefühlen und Stolz - „wir“ sind vielleicht langsamer, aber tiefer, die Juden schneller, dafür oberflächlich.

Aly betont, dass in deutschen Landen anders als in Großbritannien und Frankreich der rassistische Antisemitismus im 19. Jahrhundert keine Rolle gespielt habe. Aber es habe in allen Gruppen der Gesellschaft, auch bei der Linken oder den Protagonisten der Achtundvierziger Bewegung starke judenfeindliche Ressentiments gegeben.

Verschärft habe sich dann die Situation während der Weimarer Republik, weil durch die damalige erfolgreiche Bildungspolitik die deutsche Mehrheitsbevölkerung aufholte - denn Neid werde vor allem durch Nähe angestachelt. Aly sieht gerade in dieser Aufsteigerdynamik einen wichtigen Grund für die Entwicklung: An den Universitäten sei den Nationalsozialisten früher der Durchbruch gelungen als in der Restgesellschaft.

Anders als andere Wissenschaftler bezieht er seine eigene Familiengeschichte mit ein. Aly glaubt, dass seine Vorgehensweise die sonst üblichen Abwehrreflexe (es waren „die Nazis“, nicht mein Großvater) besser unterlaufen könne. Als „Geschichtspessimist“ glaube er nicht, dass wir besser seien als unsere Vorfahren und riet deshalb zur „Vorsicht sich selbst gegenüber“.

Kann der Neid aber den Holocaust erklären? Auf diesen Einwand aus dem Publikum verwies Aly darauf, dass sein Untersuchungszeitraum sich nur bis 1933 erstreckt. Zumindest habe ein weit verbreiteter „niedrigfrequenter Antisemitismus“ dem Staat größere Handlungsfreiheit verschafft. Einen weiteren Einwand, der Neid sei nicht typisch deutsch und in osteuropäischen Ländern wie Polen keineswegs schwächer gewesen, kann der Historiker nicht widerlegen. Einen empirisch gestützten Vergleich des Neidpegels zwischen verschiedenen Ländern hat Aly nicht vorgenommen.

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