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Kultur „Ich will durchlässig sein“
Nachrichten Kultur „Ich will durchlässig sein“
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21:16 22.09.2013
Hannah Herzsprungs neuer Film nach dem Bestseller „Der Geschmack von Apfelkernen“ startet am Donnerstag. Quelle: dpa
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Frau Herzsprung, beim Casting zu Ihrem ersten wichtigen Kinofilm „Vier Minuten“ haben Sie behauptet, Sie könnten Klavier spielen – und konnten es gar nicht. Würden Sie heute immer noch flunkern, um eine Rolle zu bekommen?
Glauben Sie mir, ich habe damals nicht bewusst gelogen. Das ist mir passiert. Ich wollte diese Rolle unbedingt! Als ich sie dann hatte, musste ich zum Klavier-Vorspielen. Sogar da habe ich erst noch so getan, als könnte ich spielen – und habe vor lauter Aufregung „Für Elise“ mit dem „Flohwalzer“ verwechselt.

Und dann?
Eine Klavierlehrerin hat mir glücklicherweise bestätigt, dass ich schnell lerne. Fünf Monate lang habe ich jeden Tag geprobt, auswendig zu spielen, ich kann leider keine Noten lesen.

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Also würden Sie jetzt nicht mehr flunkern?
Wenn man etwas so sehr will, passieren einem solche Dinge. Ich war mir in dem Moment über die Konsequenz nicht bewusst. Also könnte es auch wieder passieren.

Bei Ihrem aktuellen Film „Der Geschmack von Apfelkernen“ war Ähnliches nicht nötig, oder?
Nein, da gab es ein ganz normales Casting mit der Regisseurin Vivian Naefe und den Schauspielerkollegen. Ich finde Castings gut: Man bekommt ein erstes Gefühl dafür, ob und wie man mit dem Stoff und dem ganzen Film zurechtkommt.

Ihr Vater ist der Schauspieler Bernd Herzsprung. Sind Sie auf Film- und Fernsehsets groß geworden?
Überhaupt nicht. Mein Vater war viel unterwegs. Ich war als Kind nie am Set oder bei Theatertourneen. Aber als ich mehr von seinem Beruf mitbekam, wollte ich unbedingt auch schauspielern. Ich habe meinen Vater belagert. Er sollte mir eine Rolle besorgen!

Hat er?
Nein, da war er strikt. Ich bin selber losgezogen. Mit 15 habe ich meine erste Rolle in der ARD-Vorabendserie „Aus heiterem Himmel“ bekommen. Da musste ich mit meinem Vater sprechen: Ich durfte ja keinen Vertrag unterschreiben. Er hat mir gesagt: Meine liebe Tochter, merk dir eines: Solange du keinen Vertrag unterschrieben hast, hast du auch keine Rolle. Seine Bedingung war, dass ich auf jeden Fall Abitur mache.

Später haben sie Kommunikationswissenschaft studiert – und das Studium abgebrochen. Haben Sie das je bereut?
Nie. Nach „Vier Minuten“ wollte ich unbedingt meinen Traum vom Schauspielerberuf leben. Da erst recht.

Ihre Produzentin Uschi Reich hat über Ihr Spiel beim „Apfelkern“-Film gesagt, Sie würden Ihr Innerstes nach außen kehren. Was meint sie?
Wenn ich spiele, versuche ich, ganz offen zu sein. Ich bereite mich so genau wie möglich auf die Figur vor. Am Drehort will ich ganz durchlässig sein, da muss eine Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit spürbar sein. Da ist keine Hülle mehr, kein Schutz. Fange ich an zu denken, wird das kopflastig.

Kannten Sie Katharina Hagenas Roman schon vorher?
Ja, ich habe ihn verschlungen. Und liebte diese Leichtigkeit, aber auch die Erkenntnis darin: Man muss sich erst erinnern, um vergessen zu können. Und dann diese märchenhafte Elemente: ein Apfelbaum, der über Nacht blüht, rote Johannisbeeren, die weiß werden, als jemand in der Familie stirbt.

Es gab für die meisten größeren Rollen – also auch für Ihre Hauptfigur Iris – je drei Darstellerinnen in unterschiedlichen Altersstufen. War das nicht unglaublich kompliziert?
Wir haben uns für alle drei Schauspielerinnen wiedererkennbare Eigenarten ausgedacht: wie Iris immer wieder versucht, die Narbe auf ihrer Stirn zu verdecken, wie sie an ihrer Kette reibt. Das waren Kleinigkeiten, die wichtig waren.

Handelt es sich hier eigentlich um einen Frauenfilm?
Die Frage will ich gleich mal zurückgeben. Sie sind der erste Mann, mit dem ich darüber spreche.

Na ja, es sind die Frauen, die über das Schicksal der Familie entscheiden. Aber das heißt ja nicht, dass die Geschichte Männer nicht auch interessiert.
Finde ich auch! Die Romanthemen – Liebe und Tod und das Vergessen – interessieren Frauen vielleicht mehr. Familie aber betrifft jeden, also trifft der Film auch jeden. Und außerdem: Heißt es in Untersuchungen übers Kinoverhalten nicht, dass Frauen über die Filmauswahl entscheiden? Dann wollen wir mal hoffen, dass sie ihre Männer mit ins Kino schleppen.

Mögen Sie überhaupt Äpfel?
Sehr gerne! Und ich esse sie immer komplett – mit Gehäuse. Die Kerne schmecken tatsächlich ganz wunderbar nach Marzipan.

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