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Kultur Hannovers Galerien haben am Wochenende die Türen geöffnet
Nachrichten Kultur Hannovers Galerien haben am Wochenende die Türen geöffnet
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19:32 06.09.2009
Von Johanna Di Blasi
Blindes Sehen: Performance der Berliner Zeichnerin und Geigerin Julia Antonia in der Galerie Holbein 4. Quelle: Christian Burkert
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Zwischen „Leben“ und „Kunst“ liegen in der statistischen Häufigkeit der deutschen Worte noch eine Menge anderer Wörter wie „ebenso“, „Gedanken“ oder „gewiss“. Das hat Timm Ulrichs herausgefunden und in einer seriellen Arbeit („Die Distanz von Leben zu Kunst“, 1969/77) umgesetzt, die neben weiteren statistischen Arbeiten Ulrichs noch bis Donnerstag in der VHG Galerie zu sehen ist.

Beim alljährlichen Zinnober-Kunstvolkslauf, wo Hannovers Ateliers und Galerien am Wochenende wieder ihre Türen öffneten, lagen Kunst und Leben doch ziemlich nah beieinander, als der emeritierte Kunstprofessor mittags bei einem Catering-Happening in der VGH Galerie den mehr als 200 Besuchern persönlich Sekt ausschenkte. Als Kellner gejobbt habe er zwar noch nie, verriet der bekannte Konzeptkünstler, „aber am Steintor habe ich früher Softeis verkauft und in einem Hähnchenrestaurant die Tische abgeräumt.“

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In der Ateliergemeinschaft Ungerstraße 12 in einem Lindener Hinterhof riecht es würzig. Die Künstler und ihre Freunde essen an einem großen Tisch Spaghetti. Als einer von wenigen Besuchern, die es bei Wind und Regenwetter in diese Ecke geschafft haben, kommt man sich ein wenig wie ein Eindringling vor. Haften bleiben von den Arbeiten der Ateliergemeinschaft vor allem Hanno Küblers Dokumentationen moderner Wohnbautristesse. Die Öde der gesichtslosen Architektur wird gebrochen durch ein Netz aus Blättern, das wuchert wie Dornröschens Hecke und zugleich an abstrakte Werke Jackson Pollocks erinnert. Kübler ist zurzeit auch in der Schau „Boondocks“ im Kubus vertreten.

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …“ Schuberts „Erlkönig“-Vertonung erklingt in der Galerie Holbein 4 passend zum verfrühten Herbsteinbruch. Besucher, mit schwarzen und roten Schlafmasken ausgestattet, sehen erst mal gar nichts, aber hören dafür Geigenimprovisationen der Berliner Künstlern Julia Antonia. Dann nehmen die Leute die Masken ab – und die Künstlerin verhüllt ihre Augen. Sie zeichnet mit tastender Geste sogenannte „Blindporträts“ auf einen Paravent. Währenddessen ist es mucksmäuschenstill. Die Leute scheinen den Atem anzuhalten.

Eingeschlafen schien der Ausstellungsbetrieb des BBK Niedersachsen in dessen zentral gelegenen Räumen am Tiedthof. Doch Hildesheimer BBK-Mitglieder aktivierten den Ort jetzt anlässlich von Zinnober. Das Thema ihrer kleinen Schau, die noch bis 27. September läuft, lautet Arbeit. Mit sperrigen Besenobjekten spielt etwa der Objektkünstler Marc Bertram ironisch auf Forderungen von Hildesheimer Politikern an, Schüler sollten ihre Schulen selber reinigen. Auch junge Hildesheimer Poeten nutzten Zinnober für einen Gastauftritt in der Landeshauptstadt: Im Atelier von Esther Beutz in der Eisfabrik trugen sie experimentelle literarische Miniaturen vor.

„Zum Aktmalen die Treppe hoch“, heißt es im „Kopflos“-Atelier in der ehemaligen Bettfedernfabrik in Linden. Wie ein Altar aufgebaut ist das Sofa für die Aktmodelle, es ertönt Meditationsmusik. Hier treffen sich Künstler und Laien zum Aktzeichnen (Infos unter www.kopflos-ev.de). Ein paar Türen weiter arbeitet der Maler Bernhard Kock. Eine Lebenskrise habe ihn weg von der konkreten Kunst hin zur Gegenständlichkeit geführt, sagt er. In seinen traumartigen Bildern stehen Genrefiguren in Anoraks vor Eismeeren. Es sind moderne Nachkommen von Caspar David Friedrichs Gestalten.

Auch der 12. Zinnober-Kunstvolkslauf – Sponsor der 34.000 Euro teuren Veranstaltung war wieder die Nord/LB – war reich an Entdeckungen und Atmosphären; eine Gelegenheit, um Hannovers Kreativwerkstätten und Galerien kennenzulernen. Die Stadt meldete am Sonntagabend 12.400 Besuche (nicht Besucher) an 38 Orten – gegenüber 14.700 Besuchen im vorigen Jahr, als so viele wie nie zuvor gekommen waren.

Für viele Künstler, die von keiner Galerie vertreten werden, ist Zinnober eine der wenigen Gelegenheiten, gesehen zu werden und das eine oder andere Werk zu verkaufen. Die Galeristen, von denen einst die Initiative ausgegangen war, aber sehen die Veranstaltung mit gemischten Gefühlen. Die Stadt verteilt Kunstkauftüten und animiert zum Direktkauf in den Ateliers. Das gefällt den Galeristen nicht, die vom Zwischenhandel leben. Um gemeinsame Eröffnungswochenenden zu stemmen, wie es die Galerien in Berlin oder Köln tun, gibt es in Hannover aber nicht genug Händler. Deswegen machen die kommerziellen Galeristen doch bei Zinnober mit.