Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Hip-Hopper Cro auf dem Weg zum Erfolg
Nachrichten Kultur Hip-Hopper Cro auf dem Weg zum Erfolg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 18.04.2012
Von Felix Klabe
„Ich hab keinen Benz vor der Tür, keinen Cent für‘n Bier, doch ich spür, irgendwann wird das anders“: Der Panda-Mann Cro könnte recht behalten.
„Ich hab keinen Benz vor der Tür, keinen Cent für‘n Bier, doch ich spür, irgendwann wird das anders“: Der Panda-Mann Cro könnte recht behalten. Quelle: Delia Baum
Anzeige
Hannover

In zwei, drei Jahren ist für den Hip-Hop-Musiker Cro Schluss. Dann will er raus aus der Öffentlichkeit und etwas Gemütliches, Kreatives machen, erklärte der Stuttgarter jüngst in einem Interview. Das überrascht, denn Cros Debütalbum kommt erst im Sommer. Außer Auftritten im Vorprogramm der norwegischen Popmusiker Madcon hat Cro noch nicht viel Erfahrung auf der Bühne. Eine geplante Tour mit Deutschlands derzeit erfolgreichstem Hip-Hopper Casper sagte Cro sogar ab. Denn Fans hat er im Grunde schon genug. Im Internet scharen sich Jugendliche um den Stuttgarter. Seine Musik ist der Schulhofsoundtrack der jungen Menschen, mit denen er in sozialen Netzwerken geschickt kommuniziert. Dort gibt er sich nah und gesprächsbereit, belohnt seine Anhänger mit Gratismusik. Noch ist Cro ein Rapper zum Anschreiben, nicht zum Anfassen. Auf seiner Tour, die heute startet, will er das ändern und auch die großen Hallen füllen.

Zurzeit erfrischt Cro die Musiklandschaft als Gegenentwurf zum Gangster-Rapper, der das Bild des Hip-Hops in den vergangenen zehn Jahren überwiegend negativ geprägt hat. Der junge Musiker trägt Röhrenjeans, statt Hosen in Übergröße. Aggression und Wut sucht man bei ihm vergeblich - auch wenn er sich wie Aggro-Berlin-Vorzeigerüpel Sido zu Beginn seiner Karriere hinter einer Maske versteckt. Statt knöchernem Totenkopf, schmückt sich Cro mit dem flauschigen Antlitz eines Pandas. Und damit es nicht allzu niedlich wird, hat er dies mit einem Satanisten-Kreuz verziert.

Seinen Erfolg verdankt Cro dem Internet. Sein erstes Mixtape „Meine Musik“ stellte er Ende 2010 zum kostenlosen Herunterladen bereit. So wurde seine heutige Plattenfirma Chimperator auf ihn aufmerksam. Musiker Kaas, Mitglied der Gruppe Die Orsons und Künstler bei Chimperator, fragte im Frühjahr 2011 im Mikroblog Twitter: „Wer ist dieser Cro? Falls du das liest oder jemand ihn kennt, bitte melden.“ Der Kontakt kam zustande, Cro gefiel den Label-Chefs und unterzeichnete einen Plattenvertrag. Es folgte das zweites Mixtape „Easy“, das einen Vorgeschmack auf das kommende Album „Raop“ geben soll. Die Mixtapes spülten zwar kein Geld in die Kasse, aber steigerten Cros Bekanntheitsgrad immens.

Worauf sich Cro einlässt, weiß er genau: „Ich hab keinen Benz vor der Tür, keinen Cent für’n Bier, doch ich spür, irgendwann wird das anders“, schwäbelt der 21-Jährige in seinem Song „Kein Benz“. Bei Facebook konnte Cro rund eine halbe Million junger Nutzer für sich gewinnen. Wer mit ihm befreundet ist, wird regelmäßig mit neuen kostenlosen Songs belohnt. Das Video zum Lied „Easy“ wurde auf der Videoplattform YouTube bereits knapp elf Millionen Mal angeschaut. Tendenz steigend. Mittlerweile läuft es auch im Fernsehen und im Radio: Vor zwei Wochen stieg „Easy“ direkt auf dem zweiten Platz der Single-Charts ein.

Seine jungen Fans stehen darauf, was er zu sagen hat - und wie er es tut. Sein musikalischer Stil ist poppig, seine Texte witzig und überlegt - wie die der Fantastischen Vier oder Fettes Brot seit den neunziger Jahren. Seine Rhythmen und Melodien mischt er mit Takten aus Bobby Hebbs „Sunny“, Caesars „Jerk It Out“ oder Bloc Partys „Banquet“. Rap mit elektronischen Beats kombiniert mit gitarrenlastigen Indie-Rock-Anleihen - das Konzept ist neu und geht scheinbar auf. Cro trifft bei der Jugend nicht nur mit seinen Texten den richtigen Ton. Auch in sozialen Netzwerken pflegt er den Kontakt mit seinen Anhängern in der Jugendsprache, die auf den Schulhöfen Alltag ist: „oooaaw man! die Easy-Single ist in der dritten Woche auf Platz #5, das ist so verrückt!!! Danke ihr geilen!!“ Fast 5000 Fans gefällt dieser Eintrag. Mit Herzsymbolen entschuldigt er sich dafür, die Tour mit Rapper Casper - der jüngst mit dem Echo ausgezeichnet wurde - abgesagt zu haben. Offenbar kann er es sich leisten, kein Nebenact mehr zu sein. Selbst nicht beim derzeit erfolgreichen Deutschrapper Casper, der wie Cro in seinen Liedern auf genretypische Gewalt und Frauenfeindlichkeit verzichtet und von Kritikern spöttisch als Emo-Rapper bezeichnet wird.

Cros freundliche Texte und die Tatsache, dass der ausgebildete Mediengestalter und Betreiber eines Onlinemodeshops nicht von der Straße kommt, bringt ihm aber auch Kritik in der notorisch skeptischen Rapszene ein. Label-Kollege Tua, wie Kaas ein Orsons-Mitglied, gab in einem Interview zu, nicht der größte Cro-Fan zu sein. Er räumte aber ein, dass Cro „der richtige Typ zur richtigen Zeit“ sei.

Viele Internetnutzer geben sich nicht so diplomatisch, kritisieren den jungen Musiker in ihren Kommentaren: „Cro ist kein Mann. Es gibt keine Rapper in Röhrenjeans“, schreibt einer. Mit solcher Kritik geht Cro offensiv um und geht ab heute in enger Hose und Parka auf seine „Hip Teens Wear Tight Jeans“-Tour („Hippe Teenager tragen enge Jeans“).

Ob Cro in der Hip-Hop-Landschaft seinen Platz finden wird, bleibt offen - ob er das überhaupt möchte, auch. Die 19 Konzerte des Musikers waren jedenfalls bereits vor Tourstart ausverkauft - in vielen Städten bereits seit Monaten. Und Hip-Hop- und Soul-Musiker Jan Delay hat sich als Fan geoutet. Der Hamburger Musiker ist überzeugt: Cro ist die Zukunft des deutschen Hip-Hops. Diesen Satz hat man in der Vergangenheit schon häufig gehört.

Wenn Cro es schafft, mit seiner Musik die jungen Menschen aus dem Netz auch in die Konzerthallen zu locken, und er durch seine Maskerade, die ihm „ein Stück Privatsphäre erhält“, weiter im Gespräch bleibt, kann er tatsächlich viele Platten verkaufen.

In der vergangenen Woche wurde ihm das aber erschwert, seine Maske fiel. Nicht auf der Bühne, sondern im Internet - wo sonst. Das Jugendprogramm Dasding vom Südwestdeutschen Rundfunk hat ein Bild von Carlo, wie Cro im bürgerlichen Leben heißt, gefunden und im Internet veröffentlicht. Im Buch „Kerlekulte - Inszenierung von Männlichkeit“, das beim Archiv der Jugendkulturen vor zwei Monaten erschienen ist, ist Carlo nebst Interview abgelichtet. Auf die Frage, aus welchem Grund sich Cro aus dem Bild vom betont starken Rapper rausnimmt, erwidert er: „Ich bin auf jeden Fall nicht hart und auch kein Studenten-Rapper, eher ein Gute-Laune-Rapper und ein neutraler Mensch.“ Die Frage, wer für ihn ein richtiger Mann sei, beantwortet er mit einem klaren „Ich.“ Und bittet um die nächste Frage.

Heute spielt Cro im Musikzentrum in Hannover. Das Konzert ist ausverkauft.

Kultur Tagung Uni Hildesheim - Krankenhagen im Interview
Ronald Meyer-Arlt 21.04.2012
Kultur Spektakulärer Protest - Museum bei Neapel vernichtet Kunst
18.04.2012
Stefan Arndt 17.04.2012