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Kultur Hitzige Show-Debatte in der Kestnergesellschaft Hannover
Nachrichten Kultur Hitzige Show-Debatte in der Kestnergesellschaft Hannover
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08:00 30.10.2010
Von Johanna Di Blasi
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Es gibt Veranstaltungen, die werden besucht, und andere, die werden überrannt. Die erste Show-Debatte in der Kestnergesellschaft Hannover gehörte eindeutig der zweiten Kategorie an. Mehr als doppelt so viele Leute wie erwartet wollten am Donnerstagabend die Fetzen fliegen sehen. Und so gab es erst einmal Stühlerücken, bevor das Podium – Ost-„taz“-Gründer und Moderator Jürgen Kuttner, Marktkirchen­pastorin Hanna Kreisel-Liebermann, Modeprofessorin Martina Glomb, Kunstprofessorin Margitta Buchert, Marketingexperte Klaus-Peter Wiedmann und der Hildesheimer Literaturprofessor Stephan Porombka – loslegen konnte.

Heutzutage hängen Hunderte begeistert an Philosophenlippen (Richard David Precht), und Anti-Mafia-Streiter füllen mit „Performance-Lectures“ Theatersäle (Roberto Saviano jüngst in Berlin). Auch das agonistische Format der Show-Debatte kommt der neuen Lust am Live-Rede-Event entgegen – als Alternative zu aseptischen TV-Talks. Die Spielregeln sind ziemlich straff – und abgeleitet von den englischen Parlamentsregeln.

Moderatoren waren Alexander Johnston, der smarte Präsident des Debattierclubs Hannover (dunkles Sakko mit Goldknöpfen), und Jasmin Mickein von der Kestnergesellschaft (kesser Schulmädchenlook). Den Kunstbegriff fasste das Duo betont weit: „Vom Picasso-Nachdruck bis zur Diddl-Maus.“ Bevor Johnston mit dem Holzhammer den Professoren schlaggenau sieben Minuten Redezeit vorgab (ziemlich hart, da Professoren doch gern ausholen), musste eine „Fee“ (spontan aus dem Publikum gekürt) das Thema per Los ermitteln.

„Hat Kunst eine Aufgabe?“, war laut Feenorakel das Debattierthema des Abends. Dann durfte die Fee noch entscheiden, welches das Pro- und welches das Kontrateam ist. Teilnehmer von Show-Debatten müssen auch gegen die eigene Überzeugung Meinungen glaubhaft vertreten können; keine schlechte Übung gerade für deutsche Disputanten. Ihnen hat der in den USA lehrende Kulturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht kürzlich „nervende Rechthaberei“ vorgeworfen.

Das Proteam um Jürgen Kuttner saß links – was auch politisch passte. In rosigen Farben malte es als Aufgabe der Kunst: entzaubern, verzaubern, wiederverzaubern, über reine Funktionalität hinausgehen, transrational sein, Ratlosigkeit auslösen, Sehgewohnheiten irritieren, wehtun, „Spiegel der Gesellschaft“ sein, Adorno, Sie wissen schon ... Ungerührt holte der Hildesheimer Professor Porombka zum argumentativen Gegenhieb aus. Er warf dem Proteam „autoritär-antiautoritären Gestus“ vor und den Hang zu „Wohlfühl- und Konsenskunst“. „Kunst ist, was Aua macht, allerdings jenen, die die Kunst sozialdemokratisch vereinnahmen wollen.“

Jürgen Kuttner – im Schauspielhaus gerade mit der Kunst-Wut-Show „Kunst wird woanders gebraucht, als wo sie rumsteht“ präsent – schien tatsächlich provoziert. Er konnte sich aber mit dem Publikumspreis für den besten Redner trösten. Einmal jährlich soll es künftig in der Kestnergesellschaft Show-Debatten geben.