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Kultur Im Rheinterrassenvarieté
Nachrichten Kultur Im Rheinterrassenvarieté
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17:09 16.11.2009
Von Rainer Wagner
Barrie Kosky, der jetzt an der hannoverschen Staatsoper den neuen „Ring“ schmiedet, hat schon im „Rheingold“ ein paar Überraschungen parat – und eine kokette Verweigerung. Quelle: Thomas M. Jauk
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Fragen über Fragen. Prompt hat Richard Wagners Operntetralogie „Der Ring des Nibelungen“ eine eigene Deutungsindustrie geschaffen: wieso, weshalb, warum? Die etwas kindlicheren Gemüter sind schon mit dem Wie und Was zufrieden. Wem das Märchen wichtiger ist als der Mythos, der fragt gerne: Wer sind die Rheintöchter, und wo wohnen sie? Wie sieht Walhall aus? Wird es in der Fortsetzung eine Weltesche geben? Worin steckt Nothung, das Schwert?

Barrie Kosky, der jetzt an der hannoverschen Staatsoper den neuen „Ring“ schmiedet, hat schon im „Rheingold“ ein paar Überraschungen parat – und eine kokette Verweigerung. Im Programmheft verspricht der Regisseur, man werde sich am Ende der „Götterdämmerung“ fragen: „Wie zur Hölle sind wir nur hier gelandet?“ Das klingt nach einer Drohung, doch die einhellige Zustimmung zu seiner bilderreichen „Rheingold“-Produktion deutet an, dass ihm die Zuschauer auf dieser Höllenfahrt willig folgen werden.

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Es fängt schon gut an, wenn auch nicht musikalisch, weil das berühmte Vorspiel doch etwas brüchig und geheimnisarm tönt. Da bedauert man, dass es hier keinen Orchestergrabendeckel gibt, der für Bayreuther Mischklang sorgt, aber von dem wusste Richard Wagner auch noch nichts, als er sein „Rheingold“ komponierte. Der Klangkosmos aus tiefem Es-Dur baut sich nur sperrig auf, aber bald gewinnt das Staatsorchester an Fahrt. Generalmusikdirektor Wolfgang Bozic sorgt für musikdramaturgischen Pragmatismus, er dirigiert flüssig, setzt durchaus markante Akzente – und erntet am Ende doch (als Einziger) einige Buhs. Aber an die ebenso regelmäßig auftretende wie renitente kleine Fraktion der Bozic-Gegner dürfte er sich mittlerweile gewöhnt haben.

Widerspruch hätte man sich eher von kleinlichen Wagnerianern erwartet, doch die waren entweder nicht anwesend – oder vom Bühnengeschehen überrumpelt. Beispielsweise von der Idee, aus dem Bett des Rheins eine Art Rheinterrassenvarieté zu machen. Kosky und sein Ausstatterteam, Klaus Grünberg (Bühne) und Klaus Bruns (Kostüme), lassen hier Showgirls mit viel Federn zu Wagalaweia bildhafte Wogen wedeln. Die Rheintöchter (ansehnlich und gut anzuhören: Nicole Chevalier, Julia Faylenbogen und Mareike Morr) sind die Stars in diesem Etablissement. Und das Rheingold ist eine barbusige, goldfarbene Schöne, die Alberich später in einen Umzugskarton packt. Alberich (der famose Stefan Adam) tritt als Neger-Karikatur auf. Das ist nicht nur eine blanke Umsetzung des „Schwarzalben“, sondern mit dem Bildzitat aus den Minstrel-Shows auch eine (im Programmheft ausführlicher erklärte) Assoziation an Rassismus und Antisemitismus.

Wenig später wird der von allen Schönen abgewiesene Alberich sich die Farbe aus dem Gesicht wischen. Künftig ist er nur noch ein Heavy-Metal-Fan mit Sinn für Edelmetalle. Die „freie Gegend auf Bergeshöhen“ ist ein eher unfreier, weil beengter Badestrand. Dort lungern die Götter, dort wollen die Riesen ihren verdienten Lohn für die Hochbauarbeiten am Göttersitz Walhall abholen. Dass Fafner und Fasolt siamesische Zwillinge sind, ist erstens eine frappante Idee und macht zweitens neugierig, wie das denn szenisch gehen soll, wenn später Fafner (Young Myoung Kwon) seinen Bruder Fasolt (Albert Pesendorfer) erschlägt. Beide sind stimmlich und körperlich ungemein präsent – und der Totschlag ist ein schlagendes Bild.

Dass bei der Premiere der erkrankte Tobias Schabel als Wotan nur agieren konnte (er wurde vom kompetenten Renatus Mészár am seitlichen Bühnenrand stimmlich ersetzt) verringerte die Spannung des Bühnengeschehens kaum merklich. Zumal sowohl Khatuna ­Mika­beridze (Fricka) als auch Arantxa Armentia (Freia) selbst in High Heels souverän über die Klippen des Bühnenbilds und ihrer Partien turnten.

Nibelheim gleicht Dr. Frankensteins Labor, in dem Mime (ebenfalls eingesprungen: Torsten Hofmann) an der Nähmaschine den Nibelungenschatz auf Kante näht. Der Tarnhelm ist eher ein Borsalino. Wenn sich mit dessen Hilfe Alberich in einen Riesenwurm verwandelt, illustrieren wedelnde Männer, wie man Würmer vergrößert, aber diese kurze Onanie-Episode ist beim Flackerlicht eher zu ahnen als zu sichten.

Deutlicher wird später eine andere Nacktszene, wenn Erda (wohltönend aus dem Off von Okka von der Damerau gesungen) durch eine unbekleidete Urmutter verkörpert wird – ein Bild, das nicht anstößig ist, sondern würdevoll berührend. Und Walhall? Ist nicht zu sehen. Stattdessen rollen die Mitgötter Froh (Young-Hoon Heo) und Donner (Jin-Ho Yoo) erst einen Servierwagen mit Schampus und später eine Torte herein, die eher dem Lavesbau als einer Götterburg gleicht. Kein Wunder, dass der clevere Loge darüber sinniert, ob er wirklich mit „den Blinden blöd vergehen“ wolle. ­Robert Künzli gibt den Halbgott als halbseidenen Entertainer: Ganz und gar eine weitere überzeugende Rolle für Künzli, der in Hannover nicht nur, aber vor allem in Kosky-Inszenierungen glänzen konnte.

„Ihrem Ende eilen sie zu“, singt Loge am Schluss. Und weil der Anfang vom Ende so überraschungsreich war, wird man diesen Weg mit großer Neugierde weiter verfolgen ...

Wieder am 17., 19. und 28. November in der Oper Hannovers (nur Restkarten) und am 11. Dezember. Kartentelefon: (05 11)  99  99  11 11.