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Kultur Jan Delay war schon immer Popper
Nachrichten Kultur Jan Delay war schon immer Popper
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23:23 12.08.2009
Quelle: Steffi Loos/ddp
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Herr Delay, Sie laden zum Interview ausgerechnet ins Hamburger Hotel Atlantik. Udo Lindenberg wohnt hier seit 14 Jahren. Sind wir wegen Udo hier?

Ich bin nur wegen Udo hier. Er hat mir so viele Geschichten über dieses Hotel erzählt. Die Leute hier respektieren Künstler, haben nichts dagegen, wenn man raucht und trinkt. Sie schmeißen selbst ständig Partys. Ich mag den abgerockten Charme.

Können Sie sich vorstellen, auch in einem Hotel zu leben?

Ja, klar. Aber erst mit 60 Jahren wie Udo.

Wie viel Udo steckt im neuen Album?

Oberflächlich betrachtet wenig. Aber unter der Oberfläche schwingt in jedem Song Udo mit. Er war der Erste, der in meiner Sprache zu mir sang. Ich habe jedes seiner Worte aufgesogen wie ein Schwamm.

Auf Ihrem ersten Album haben Sie Reggae produziert, danach war Funk dran. Ihr neues Album heißt „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“. Das klingt nach erneutem Stilbruch, die Songs sind aber eher eine Fortsetzung des Funkalbums „Mercedes Dance“.

Wir haben schon immer einfach gute Tanzmusik gemacht. Als wir aber mit „Mercedes Dance“ auf Tour waren, haben wir gemerkt: Wow, wir sind eine richtige Band. Jetzt geht der Funk ab! Aus diesem Spirit heraus entstand das neue Album. Soul steht eher für eine Geisteshaltung, für die Seele der Musik. Wir machen Musik mit Herzblut. Jeder Punkrocker-Gothic-Heavy-Metal-Freak kann ein Soul-Bruder sein.

Sie werden für Ihr neues Disco-Album mit Prince, Curtis Mayfield und The Temptations verglichen. Zu viel der Ehre?

Nein, nicht zu viel der Ehre. Wir wollten das genauso. Ich wollte mindestens vier Songs, die klingen wie Johnny Guitar Watson und Chic. Ich hatte Lust auf derbe Bläsersätze und den fetten Sound der siebziger Jahre. Nur meine Stimme bleibt der Bruch.

Sie sollen nach Produzenten von Michael Jackson gesucht haben?

Wir haben im Netz einen Blog gefunden, in dem der Produzent von „Thriller“ genau beschreibt, wie damals das Schlagzeug aufgenommen wurde. Es gibt Fotos, auf denen man erkennt, wie die damals das Schlagzeug mit einer Matratze ausgekleidet haben, damit es richtig klingt.

Lag bei der Suche nach dem Jackson-Sound nicht ein Jackson-Cover nah?

Ich würde nie Michael covern. Das geht nicht. Das darf man nicht.

Sie haben auch Rio Reiser gecovert.

Ich cover nur Songs, die ich durch einen anderen Stil auf eine neue Ebene heben kann. „Für immer und dich“ von Rio hatte keine Bässe, keinen Groove; Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ keinen Reggae. Aber Jackson zu covern wäre ein Verbrechen. Da haben die Songs alles.

Ein Autor der Musikzeitschrift „Intro“ vergleicht Ihr Album mit der Musik von James Last und Barbara Schöneberger.

Digger, der bekommt noch seine Ohrfeige. Der ist doch nur enttäuscht, dass ich nicht mehr so subversiv bin.

Aber das Album hat nicht so viele politische Aussagen wie früher.

Stimmt. Und darum fragen mich von 400 Journalisten 395, ob ich nicht mehr politisch unterwegs bin. Auf dem neuen Album gibt es keine Songs wie „Söhne Stammheims“. Aber ich habe viele Themen einfach abgehakt und will mich nicht wiederholen. Außerdem drücken schwere Texte auf leichte Beats.

Werden Sie jetzt Popper?

Ich war schon immer Popper. Ich komm’ aus Hamburg-Eppendorf.

Sie könnten einen Aufkleber aufs Album drucken lassen mit der Aufschrift „Vorsicht, keine Politik“ wie einst „Vorsicht, kein Hip-Hop“ auf der Reggae-Platte.

Gute Idee. Und dazu ein Dreadlock-strähne. (lacht). Nein, es ist doch so: „Mercedes Dance“ war auch eine Platte zum Tanzen – und ich bin damit bei den Protesten gegen das G-8-Treffen in Heiligendamm aufgetreten. Das sagt doch alles. Außerdem fragen mich Journalisten immer, warum ich nicht mehr so politisch bin, statt mich zu Politik zu befragen.

Bitte. Welches Thema ist Ihnen denn derzeit wichtig?

Ich finde es zum Beispiel superpeinlich, dass „B.Z.“ und „Bild“ jetzt Ulla Schmidt wegen des Dienstwagens fertigmachen. Ausgerechnet die Zeitungen, die nie über unsexy Politikthemen berichten, wollen jetzt moralisch sein. Das sind Heuchler.

Welche Schlagzeile wollen Sie denn mal in einer Zeitung lesen?

Dass 95 Prozent der Deutschen wählen gehen und eine Meinung haben.

Gehen Sie wählen?

Ja, klar!

Früher haben Noch-nicht-Wähler ihre Balladen wie „Liebeslied“ mitgesungen, bis Sie es nicht mehr hören konnten 
und Lieder schrieben wie 
„Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“?

Die 15-Jährigen sind immer noch auf den Konzerten. Aber heute kann ich mich mit ihnen gut unterhalten.

Worüber denn?

Über Mode, Musik, alles. Die sind mit guter deutschsprachiger Musik und dem Internet aufgewachsen. Die haben Geschmackssicherheit und kennen sich aus. Und das vor allem, weil sie die Texte verstehen und wissen, worüber gesungen wird.

Sie werden also nicht bald auf Englisch singen und auf Welttournee gehen?

Nie! Es ist mir auch zu peinlich, Englisch zu singen. Da fühl’ ich mich halbnackt. Das geht nicht.

Udo hält es ja ähnlich. 
Was sagt der denn eigentlich zu Ihrem neuen Album?

Hat er noch nicht gehört. Nur die Single „Oh Jonny“.

Und?

Er hat ne SMS geschrieben: „Geht ja supergeil ab!“

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Jan Delay ... hört unter anderem auf die Pseudonyme Eizi Eiz, Boba Ffett, Curtis Icefield und Eißfeldt und heißt eigentlich Jan Phillip Eißfeldt.

Der 33-jährige Hamburger Rapper mit der markanten näselnden Stimme feierte 1998 mit der Band Beginner und dem Album „Bambule“ den Durchbruch und ist seit 2001 als Solo-Künstler erfolgreich. Nach dem viel gelobten Reggae-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ erreichte Delays Funk-Album „Mercedes Dance“ 2006 Platz eins der Albencharts.

Er nahm Songs mit Silbermond und Udo Lindenberg auf und gilt heute als einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Nun erscheint sein neues Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“.