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Kultur Jubel für „Lady Macbeth von Mzensk“
Nachrichten Kultur Jubel für „Lady Macbeth von Mzensk“
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19:23 22.10.2012
Von Rainer Wagner
Katerina Ismailowa (Kelly God) ist am Ende, ihr Leben nur noch Müll, denn ihr Liebhaber Sergej (Alexey Kosarev) ist ihrer überdrüssig geworden.
Katerina Ismailowa (Kelly God) ist am Ende, ihr Leben nur noch Müll, denn ihr Liebhaber Sergej (Alexey Kosarev) ist ihrer überdrüssig geworden. Quelle: Jauk
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Hannover

Erst kommt das Fressen. Und dann noch lange nicht die Moral. Schließlich geht es um eine unmoralische, wenn nicht gar amoralische Geschichte. Dennoch siegt am Ende das Gute: In der hannoverschen Staatsoper wird die Premiere von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ gefeiert. Einen guten Teil des Publikums hält es nicht auf den Sitzen, Titelheldin Kelly God und Dirigentin Karen Kamensek werden bejubelt, das Regieteam muss allerdings auch hörbare Buhs einstecken.

Dieses Stück ist nichts für schwache Nerven und für überempfindliche Ohren. Die Musik ist oft so grell wie die Handlung - und Hannovers Generalmusikdirektorin Karen Kamensek und das Niedersächsische Staatsorchester verschärfen das Klangbild noch. Das ist farbenstark, rhythmisch prägnant und kontrastreich. So wenig Mitleid der Komponist mit seinen Figuren hat, so wenig Nachsicht zeigt diese Interpretation. Aber wenn im letzten Bild doch Empathie durchscheint, dann tönt es auch aus dem Orchestergraben differenziert. Auch der von Dan Ratiu bestens präparierte Opernchor erweist sich in Ton und Tat als reaktionssicher.

Der 26-jährige Komponist hat in seiner zweiten Oper (nach der Satire „Die Nase“) das satirische Sittengemälde der literarischen Vorlage von Nikolai Leskow zu einem Klangmaskenspiel geformt. Wie er kenntnisreich die Musikgeschichte zitiert, ist für Kenner so reizvoll wie es die Querverweise auf Eigenes sind. Aber man muss das ebenso wenig wissen wie die Werkgeschichte, die ein plakatives Beispiel für totalitäre Kulturpolitik liefert. Wobei unwichtig ist, ob Diktator Stalin eine Aufführung der Oper in der Pause verließ, weil ihm das Stück nicht passte oder weil er (die Forschung streitet da noch) einen Politiktermin hatte. Die Folgen waren jedenfalls groß, stellten Schostakowitsch erst einmal ins Aus und provozierten eine etwas abgemilderte Zweitversion unter dem Namen „Katerina Ismailowa“.

Vor rund zwei Jahrzehnten gab es schon einmal eine große Welle der (Wieder-?)Entdeckung der Urfassung. Damals inszenierte in Hannover Friedrich Meyer-Oertel das Werk (und Hans Urbanek dirigierte). Auch diese Inszenierung war nicht zimperlich, aber Frank Hilbrich ist jetzt noch deutlicher und eindeutiger. Schließlich geht es um viel Sex und um noch mehr Crime. Wenn die Köchin Axinja von Bediensteten bedrängt wird, könnte man das laut Textbuch noch als sexuelle Belästigung einstufen, hier ist es eine veritable Vergewaltigung - und Christine Graham singt dabei auch noch eindringlich.

Zunächst aber hat Regisseur Hilbrich ein stummes Vorspiel erfunden, das am Ende ein Nachspiel hat und zwischendrin immer mal wieder die These illustriert, dass nicht edel sein kann, wer hungrig ist. Auf der leeren Bühne steht eine Tüte. Ein Mann, der im Rollenverzeichnis nicht ohne Grund als „der Schäbige“ steht, ergreift sie, leert sie (was genau an Essbarem sie enthält, ist von hinteren Plätzen nicht zu erkennen) und erbricht dann das gierig Verschlungene. Immer wieder taucht der von Edward Mout schillernd verkörperte Mann auf, er sammelt und verschlingt Ratten, und er fleddert am Ende noch Leichen.

Wenn sich der Vorhang öffnet, sehen wir ein holzgetäfeltes Wohnzimmer, das ein luxuriöses Gefängnis ist. Bühnenbildner Volker Thiele hat einen auch ohne Drehbühne drehbaren Würfel bauen lassen, das neben dem Wohn- und dem Schlafzimmer auch ein Treppenhaus und eine Lagerhalle birgt.

Auf einer Ledercouch langweilt sich Katerina Ismailowa. Die Kaufmannsfrau ist nicht nur vom Schicksal unbefriedigt. Schwiegervater Boris Ismailow (präsent und bedrohlich: Per Bach Nissen) wüsste dagegen schon ein Mittel, doch zu dem greift vor ihm der neu angestellte Sergej (Alexey Kosarev), der mit vitalem, in der Höhe etwas metallischem Tenorglanz verführt. Boris überrascht den Ehebrecher Sergej, lässt ihn auspeitschen - und wird dafür von seiner Schwiegertochter mit einem Pilzgericht vergiftet; bei so vielen Ratten liegt das Rattengift nahe.

Der erste Mord ist angeblich der Schwerste, der zweite - an Ehemann Sinowi (Ivan Tursic darf kurzfristig doch den Mann herauskehren) fällt Katerina Ismailowa nicht nur deshalb leichter, weil Liebhaber Sergej mithilft, die Leiche verschwinden zu lassen. Katerina und Sergej wollen heiraten, obwohl die Leiche noch nicht entdeckt ist und sie also auch keine Witwe sein kann, aber dann stößt der Schäbige auf der Suche nach Alkohol auf die Leiche.

Jetzt rächt sich, dass die Polizei nicht zum Fest geladen war. In Hannover beschweren sich die Polizisten darüber allerdings nicht auf der Wache, sondern im Hochzeitssaal, aber das muss nicht weiter irritieren, weil dies auch musikalisch eine höchst surreale Szene ist. Der Polizeichef (schön überzogen: Brian Davis) und seine Truppe agieren wie die Keystone Cops im frühen Hollywood, wozu Schostakowitschs Filmmusik trefflich passt.

Diese Musik ist nicht nur hier plastisch und drastisch, grotesk bis zur Karikatur. Wer nicht hinschauen will, kann einfach nur zuhören. Man weiß als Erwachsener, wie es steht, das ist alles auskomponiert. Man muss nur den Blechbläsern lauschen - und damit ist nicht nur das berühmt-berüchtigte postkoitale Posaunensignal gemeint, die der Partitur das Prädikat „Pornophonie“ einbrachten. Da war es eine griffige Idee, die elf Blechbläser der Bühnenmusik immer wieder hautnah ins szenische Geschehen einzubinden.

Es gibt keine Folklore, die Kostüme von Gabriele Rupprecht siedeln das Geschehen eher in einer Angestelltenhölle der sechziger Jahre an. Die Geschichte zielt trotz einer Popenkarikatur (schräg und agil: Michael Dries) nicht auf Russland ab, sondern auf ein apokalyptisches Niemandsland, durch das der Müll der Geschichte weht.

Einer Abfallhalde gleicht auch das Lager, das die Strafgefangenen im letzten Bild beziehen. Jetzt kann die grandiose Kelly God, die mit vollem Einsatz die Katerina Ismailowa nicht nur singt, sondern verkörpert, nach der Gelangweiltheit, der Gier und der Geilheit noch mehr Gefühl zeigen: Verzweiflung und tödliche Wut. Allerdings bringt sie nicht den abtrünnigen Liebhaber um, sondern die Teilzeitnutte Sonjetka (agil: Julie-Marie Sundal), für die ihr Sergej die Wollstrümpfe abgeschwatzt hat. Doch die sind nicht einmal für den Schäbigen gut genug.

Nicht nur dieses Bild bleibt im Gedächtnis. Hannovers Staatsoper ist nach der kurzen Umbaupause mit einem starken Stück in ihr Haus zurückgekehrt.

Die nächsten Vorstellungen am 26. Oktober und am 3. und 7. November.

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