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Nachrichten Kultur Keine Experimente beim Bayreuther "Tannhäuser"
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19:07 29.07.2012
Von Stefan Arndt
Das soll ihnen eine Lehne sein: Torsten Kerl als Tannhäuser (links) und Michael Nagy als Wolfram von Eschenbach.Bayreuther Festspiele Quelle: Enrico Nawrath
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Bayreuth

Es ist Punkt 13 Uhr, als der Porsche von Christian Thielemann auf den Parkplatz hinter dem Bayreuther Festspielhaus rollt. Drei Stunden später wird er drinnen, an seinem Pult ganz oben am „mythischen Abgrund“ des verdeckelten Orchestergrabens, den Einsatz zu Richard Wagners „Tannhäuser“ geben. Jetzt schlendert er lässig über den Platz und ruft einem Bühnenarbeiter ein kumpelhaftes „Hallo, wie geht’s dir?“ zu. Dass Thielemann sich hier ganz zu Hause fühlt, kann man sogar schon erkennen, bevor er aussteigt: Unter dem Berliner Kennzeichen prangt das Firmenschild des Bayreuther Autohauses, wo er den Wagen vor Jahren gekauft hat.

Trotzdem ist es keine Selbstverständlichkeit, den Dirigenten hier heute zu treffen. Erst im März war er für seinen Kollegen Thomas Hengelbrock eingesprungen, der seinen Vertrag mit der Festspielleitung nach der ersten Saison überraschend nicht verlängert hatte. Hengelbrock, der lange ausschließlich in der freien Musikszene gearbeitet hat, wollte die in Staatsorchestern üblichen Besetzungswechsel während der Proben und Aufführungen offenbar nicht akzeptieren.

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Für Musiker und Publikum bedeutet der Wechsel von Hengelbrock zu Thielemann eine Rückkehr zum Gewohnten. Während Hengelbrock den „Tannhäuser“ von Wagners Vorgängern - von Weber, Bellini und sogar Mendelssohn - verstanden wissen wollte, steht Thielemann für die deutsche Wagner-Tradition, die auch die frühen Werke des Komponisten als monumentale Klangkunstwerke begreift. Thielemann ließ also Hengelbrocks Noten im Orchestergraben kassieren und arbeitete mit den althergebrachten Stimmen. So wurden auch einige formale Dinge rückgängig gemacht, die im vergangenen Jahr für Unmut bei manchen Wagnerianern gesorgt hatten: Tannhäusers Preislied der Venus im ersten Akt etwa hat jetzt wieder die üblichen drei Strophen, was allerdings nur die beruhigen dürfte, die nicht wissen, dass auch Hengelbrocks Kürzung einst von Wagner selbst vorgenommen wurde.

Thielemanns Sicht ist also vielleicht etwas weniger aufregend - sie klingt aber hervorragend. Sein Wagner tönt saftig, kraftstrotzend, großartig. Schon in der Ouvertüre lässt er die Musik anstauen und wieder fließen, dass es eine Freude ist. Zugleich hält sich der Dirigent akribisch an alle Angaben in der Partitur - so leise wie bei ihm wird das Festspielorchester sonst nicht. Dass der Funke trotzdem nicht überspringen mag, liegt sicher eher an Sebastian Baumgartens spröder Inszenierung. Im vergangenen Jahr war der Regisseur, der im Juni Puccinis „Il trittico“ auf die Bühne der hannoverschen Staatsoper gebracht hat, mit seiner technokratischen Sicht auf das Stück auf ganzer Linie durchgefallen.

Nun hat er an vielen Details nachgebessert und so ein zumindest sehr durchdachtes und durchaus interessantes Konzept sichtbar gemacht. Die Biogasanlage, die das Bühnenbild des holländischen Künstlers Joep van Lieshout beherrscht, ist dabei etwas in den Hintergrund getreten. Man ahnt mehr, als dass man es sieht, wie Wagners Wartburg-Gesellschaft in einem geschlossenen System lebt, das Leben als Recycling begreift und alles Gefühl in einem gedrosselten Rausch erstickt.

Die Szenerie ist nur der (recht komplizierte) Hintergrund, vor dem Baumgarten eine überraschende Vielfalt der Charaktere in dem oft genug auf den Konflikt Hure/Heilige reduzierten Stück entdeckt. Bei Baumgarten ist der „Tannhäuser“ zugleich auch ein Wolfram-Drama und ein Venus-Drama, wenn er etwa die Göttin als Teil der Gesellschaft begreift und sie am Ende sogar ein Kind bekommen lässt. Der berühmte Wagner-Satz „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“, der nach der Geburt an der Wand aufleuchtet, bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

Kleinere Änderungen betreffen die Kostüme. Der Tenor Torsten Kerl hatte via „Bild“-Zeitung verkündet, er werde nicht in Unterhose auf der Bühne stehen. Nun trägt er im ersten Akt eine Schlabberhose. Stimmlich ist er keine große Verbesserung zu seinem glücklosen Vorgänger Lars Clevemann - allerdings ist er ein intelligenter Gestalter, der in der Rom-Erzählung den Papst in einer (Stimm-)Schärfe auftreten lässt, die beeindruckt. Michelle Breedt, die Stephanie Friede als Venus abgelöst hat, kann die Aufwertung ihrer Rolle auch stimmlich flankieren, während Camilla Nylund wie im vergangenem Jahr eine überzeugende Elisabeth ist.

Am Ende viel Applaus für die Sänger, rasende Begeisterung für Thielemann und ein schon etwas gezügelter Buh-Sturm für Baumgarten.

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