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Kultur Abschied von einem Aufrechten
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13:09 22.05.2014
Von Stefan Stosch
 Das Historiendrama „Jimmy's Hall“ könnte wohlmöglich der letzte Film von Ken Loach sein. Quelle: Guillaume Horcajuelo
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Cannes ohne Ken Loach? Das wäre ja so wie der Sherwood Forest ohne Robin Hood oder New York ohne Spider-Man. Welcher Aufrechte soll denn künftig für die da unten eintreten, die ungerechten Obrigkeiten ausgeliefert sind? Und doch hat der 77-jährige Brite angedeutet, dass das Historiendrama „Jimmy's Hall“ sein letzter Film sein könnte.

Erst einmal begegnen wir nun dem Iren Jimmy Gralton, den es wirklich gegeben hat. Anfang der dreißiger Jahre kehrte er aus Amerika auf den Bauernhof seiner Eltern zurück. Gralton wollte in seinem Dorf eine alte Tanzhalle wiedereröffnen - heute würden wir Kulturzentrum sagen. Doch das ist in den Augen der katholischen Kirche ein Werk des Teufels respektive des Kommunismus: Die Revolution steige von den Beinen in den Kopf auf, sagt der Pfarrer. Noch dazu hat Jimmy eine Vergangenheit als politischer Aktivist, deswegen musste er ja emigrieren.

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Die große Politik spiegelt sich wie so oft bei Loach im Kleinen. Die Geschichte mit ihren grünen Hügeln, radelnden Menschen und zockelnden Pferdefuhrwerke ist aber gar nicht so weit weg von heute. Loach appelliert an die Solidarität der arbeitenden Bevölkerung, so wie es - in ganz anderer filmischer Form - auch schon die belgischen Dardenne-Brüder ("Zwei Tage, eine Nacht") getan haben. Einmal hält Jimmy (Barry Ward) auf einem Pferdewagen eine Ansprache: Er brandmarkt die Gier, und das klingt erstaunlich aktuell.

Mit dem irischen Bürgerkriegdrama „The Wind that shakes the Barley“ gewann Loach vor acht Jahren die Goldene Palme. „Jimmy's Hall“ führt die Historie gewissermaßen fort, doch die Palmenchancen dieses sympathischen, aber ausrechenbaren Werks dürften begrenzt sein. Um so erfrischender fiel der dritte kanadische Wettbewerbsfilm - nach dem Besuch von Atom Egoyan und David Cronenberg - aus: Nesthäkchen Xavier Dolan, 25 Jahre alt, brachte mit „Mommy“ einen genauso wilden wie zärtlichen Beitrag nach Cannes. Es ist bereits der fünfte Titel in seiner Filmografie (zuletzt bei uns im Kino: „Laurence Anyways“). Eine ziemlich schrille Mutter kämpft um ihren gewalttätigen Teenager-Sohn, der schwer am ADHS-Syndrom leidet und dem die Abschiebung in eine geschlossene Anstalt droht.

Aber dies ist keine Kranken-, sondern eine Liebesgeschichte mit vor Energie sprühenden Darstellern (Anne Dorval, Antoine-Olivier Pilon). Dolan testet die Grenze zwischen normal und nicht ganz so normal unbefangen aus. Großes Glück kann jederzeit in heftige Aggression umschlagen. Der Regisseur lässt sich von seinem eigenen Schwung fortreißen, arbeitet mit Slowmotion, Mut zur Unschärfe und verschiedenen Leinwand-Formaten - ohne je die Geschichte zu verraten. Vielleicht sieht die Zukunft des Kinos genau so aus.

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