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Kultur Die heilige Maria
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00:15 23.03.2014
Von Stefan Stosch
Hungert sich für ihren Glauben zu Tode: Maria (Lea van Acken) in „Kreuzweg“. Quelle: Camino
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Hannover

Einmal steht Maria mit verschränkten Armen in der Sporthalle. Die anderen Schüler hopsen hinter ihr zur Musik herum und spotten über sie – die „heilige Maria“. Warum sie nicht mitmache, ob es ihr nicht gut gehe, fragt die Lehrerin besorgt, Maria sehe blass und dünn aus. Doch, sagt Maria, aber sie mache keinen Sport zur Musik von Roxette. Denn das sei Musik des Teufels.

Die 14-Jährige sagt das so selbstverständlich, dass man erst einmal glaubt, sich verhört zu haben. Dann aber wird langsam klar: Das ist kein Scherz. Und ein Mädchen, das so selbstbewusst spricht, wird seinen Weg unbeirrt weitergehen. Im Film „Kreuzweg“ von Dietrich und Anna Brüggemann ist es der Weg in den Opfertod.

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Maria (Lea van Acken) lebt in einer fundamentalistischen katholischen Familie. Hier sind Rock, Blues und Gospel „dämonische Rhythmen“, Kino und Schminke von Übel, ein Keks kann Sünde sein. Das wird Maria von ihrer etwas zu verbiesterten Mutter (Franziska Weisz) und dem smarten Priester (Florian Stetter) eingetrichtert. Maria sei eine „Soldatin Gottes“, sagt der Pfarrer.

Anfangs wirken solche Sätze fast wie Karikatur. Gibt es wirklich solche Glaubenswelten im Jahr 2014, mitten in Deutschland? Je länger der Zuschauer Maria begleitet, desto solider wirkt jedenfalls das Gefängnis, in dem der Teenager gefangen ist. Gewiss, es gibt den ein oder anderen Ausbruchversuch Marias, auch die Versuchung in Gestalt eines Jungen aus der Nachbarklasse, aber schnell erinnert sich Maria wieder ihrer soldatischen Pflichten.

Die Geschwister Brüggemann, zuletzt viel gelobt für die Studenten-WG-Komödie „3 Zimmer/Küche/Bad“, haben sich bei ihrem Film von der Piusbruderschaft inspirieren lassen. Man darf „Kreuzweg“ getrost als Gegenreaktion interpretieren: Alle suchen nach fanatischen Gotteskriegern in anderen Glaubenssystemen, die beiden entdecken den Fanatismus im heimischen Katholizismus. Und so schicken die Brüggemanns Maria auf einen Passionsweg von 14 Stationen, so wie ihn auch Jesus erlitten hat. Jede Station ist mit biblischen Zwischenüberschriften betitelt – von „Jesus wird zum Tode verurteilt“ bis „Jesus wird ins Grab gelegt“.

Filmisch setzt sich diese Konsequenz fort: Jede Station ist in nur einer Einstellung und ohne jeden Schnitt gedreht. Wir sehen die ernste Maria beim Familienausflug, in der Bibliothek, im Auto mit der Mutter, beim Firmunterricht mit dem Pfarrer oder eben im Sportunterricht. Jede Einstellung ist ein Tableau. Die Kamera verharrt an ihrem Platz, und wenn sie sich irgendwann doch mal bewegt, glaubt der Betrachter beinahe, einer kleinen Sensation beizuwohnen. Man fühlt sich an Ulrich Seidl erinnert („Paradies: Glaube“), auch an Hans-Christian Schmids „Requiem“, bei dem eine junge Frau Opfer religiösen Wahns wird. Die Brüggemanns gehen aber schematischer vor. Man weiß nicht so recht, ob darin nun filmische Selbstkasteiung steckt oder tatsächlich eine adäquate Form, um Marias Martyrium in einer religiös erstarrten Welt abzubilden. Ein Entkommen für die junge Frau ist jedenfalls undenkbar.

Der Clou: Maria ist nicht einfach passives Opfer, sie will sich partout opfern – dann, so glaubt sie, werde Gott dafür sorgen, dass ihr stummer Bruder Johannes endlich spricht. Und wie die Brüggemanns diese Geschichte auf der Intensivstation mit Hostie, Priester und Defibrillator auflösen, das hat tatsächlich etwas – Pardon – Teuflisches.

Auch wenn dem Film das Abgründige, Überraschende, fehlt, ist dem Geschwisterpaar letztlich doch eine erschreckende Studie über Frömmigkeit und Fanatismus gelungen. Christliche Werte wie Nächstenliebe oder Vergebung kommen darin übrigens nicht vor.
Frömmigkeit wird zu Fanatismus.

Regisseur in Hannover

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist am Montag, 24. März, im Kino am Raschplatz um 20.30 Uhr zu Gast.

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