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21:52 26.03.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Theodore (Joaquin Phoenix) hat sich in das neue Betriebssystem seines Computers verliebt.
Theodore (Joaquin Phoenix) hat sich in das neue Betriebssystem seines Computers verliebt. Quelle: Screenshot
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So läuft nur jemand durch die Welt, der verliebt ist. Mit diesem verzückten Lächeln im Gesicht, mit dieser Selbstgewissheit, auch mit dieser Unverwundbarkeit. Das Kuriose in Spike Jonze’ „Her“, einem der schönsten Liebesfilme dieser Saison, ist bloß: Man sieht zwei Kinostunden lang nur ihn, Theodore (Joaquin Phoenix), nie seine Freundin Samantha. Theodore spricht über einen Knopf im Ohr mit ihr, über eine auf sich selbst gerichtete Kamera hält er Kontakt.

Theodore lebt in einer gar nicht so fernen Zukunft, die beinahe schon unsere Gegenwart sein könnte. In dieser Welt sind die digitalen Systeme so weit vernetzt, wie es sich die großen Konzerne wünschen. Theodore streift durch ein propperes Los Angeles und lässt sich beim Warten auf die U-Bahn seine E-Mails vorlesen. Er beschaut sich die Nacktbilder eines schwangeren Starlets auf seinem Smartphone, die verblüffend real wirken. Oder er sucht in seinem Apartment auf einem riesigen Computerspiel immer und immer wieder den rettenden Fluchtweg von einem fremden Planeten.

Tja, und jetzt hat sich Theodore eben in das neue Betriebssystem seines Computers verliebt – Glücksgefühle, Eifersucht und Unsicherheiten inklusive. Das System verfügt über die Fähigkeit, menschliches Verhalten zu erlernen. Und es spricht, zumindest in der Originalfassung, mit der sexy Raspelstimme von Scarlett Johansson.

Als Zuschauer ist man bald schon verwundert, dass man sich über diese Liebe gar nicht wundert. Vielleicht ist die Beziehung ja nur eine logische Weiterentwicklung. Wir chatten mit Freunden im Netz, die wir nie zu Gesicht zu bekommen. Wir klicken „I like it“-Buttons an, als würden wir die Dinge tatsächlich mögen. Und dann ist da noch die – zugegeben: eher beschränkte – Computerstimme Siri, die uns im Alltag behilflich zu sein versucht. Warum also soll man sich nicht in eine Gesprächspartnerin verlieben, die einen besser versteht als ein Partner aus Fleisch und Blut?

Klar verbirgt sich hinter dem Liebesfilm „Her“, für den Regisseur Spike 
Jonze Anfang März den Oscar fürs beste Originaldrehbuch gewonnen hat, eine Attacke auf unsere digitale Welt. Aber dabei belässt es der amerikanische Filmemacher eben nicht, der sich schon früher aufs leicht Absonderliche spezialisiert hat („Being John Malkovich“, „Wo die wilden Kerle wohnen“). Jonze hält ausdrücklich am Konzept der romantischen Liebe fest, nur unter aktuellen Bedingungen.

Das wird klar, sobald man Theodore bei der Arbeit sieht: Er ist eine Art Cyrano de Bergerac des Internetzeitalters – wenn auch ohne zu große Nase oder andere auffällige Körpermerkmale. Sein eigentliches Erkennungszeichen ist gerade seine Unauffälligkeit. Man könnte ihn einen Nerd nennen, anfangs einen unglücklichen: Seine Frau (Rooney Mara) hat sich von ihm getrennt. Umso schönere Liebesbriefe schreibt er nun für Kunden, die diese Kunst nicht so gut beherrschen wie er. Und wie bei seinem berühmten französischen Vorgänger, erfunden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, scheint Theodore in seine Arbeit echte Gefühle zu investieren. Seine Briefe sind einerseits Fälschungen, andererseits aber mindestens so echt wie der ganze digitale Wahnsinn, von dem er umgeben ist.
Eine körperlose Liebe bringt allerdings gewisse Schwierigkeiten mit sich. Samantha schickt ihm eine Prostituierte, von ihr selbst ausgesucht, sozusagen als lebendigen Avatar ins Apartment. Die Frau (Olivia Wilde) soll das Praktische handhaben, spricht aber über Samanthas Stimme.

Die Sache geht fürchterlich schief – so wie sich ohnehin die Missverständnisse zwischen Theodore und Samantha häufen. Aber das passiert ja auch in der Liebe zwischen zwei realen Menschen, wenn die sich auseinanderentwickeln.
„Bin ich ein Freak?“, fragt Theodore irgendwann seine Nachbarin Amy (Amy Adams), als die Sache mit Samantha ernster wird. Und Amy antwortet: „Jeder, der sich verliebt, ist ein Freak.“

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