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Kultur "Kiss me, Kate" im Theater am Aegi
Nachrichten Kultur "Kiss me, Kate" im Theater am Aegi
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19:04 09.09.2012
Von Rainer Wagner
Sie können nicht miteinander – und nicht ohne einander: Ulrich Allroggen und Nicole Rößler.Landsberg
Sie können nicht miteinander – und nicht ohne einander: Ulrich Allroggen und Nicole Rößler. Quelle: Landsberg
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Hannover

Das Jahr 1948 war kein schlechtes Jahr (falls man nicht Spitzen-Bordeaux-Weine sammelt): Miles Davis erfindet im Royal Roost in New York den Cool Jazz, Jean-Paul Sartre stellt „Die schmutzigen Hände“ vor und Albert Camus den „Belagerungszustand“. Und im New Century Theatre wird Cole Porters Befehl „Kiss me, Kate“ befolgt - und das hat Folgen. Mit 1077 Vorstellungen war dieses musikalische Vexierspiel mit Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ eines der erfolgreichsten Musicals am Broadway.

Die Widerspenstige zähmte das Publikum bald auch in Europa. „Kiss me, Kate“ eroberte nach seiner deutschen Erstaufführung 1955 (die in Frankfurt der junge Christoph von Dohnanyi dirigierte) die Bühnen. Und sie überzeugt auch heute noch die Zuschauer, wie bei der Staatsoper-Premiere im hannoverschen Theater am Aegi zu erleben war.

Die hannoversche Staatsoper zeigt unter ihrem Chef Michael Klügl, dass sie auch das Leichte, Schnelle und Flotte beherrscht. Man holt sich ein paar Musicalprofis und setzt auf die Ressourcen des eigenen Ensembles sowie auf die Agilität von Chor und Ballett. Die Tänzer haben jedenfalls alle Füße voll zu tun in dieser Neuinszenierung - Kinsun Chans Choreografie setzt sie alle unter Dampf. Selbst wenn es später „Viel zu heiß“ ist, schont sich da niemand.

Wenn die Zuschauer in den Saal kommen, sind die Akteure schon da, dehnen und strecken sich. Die vom Theater so geliebte Theater-im-Theater-Situation spielt Regisseur Bernd Mottl lustvoll aus. Anja Jungheinrich hat ihm dafür ein auf den ersten Blick schlichtes, aber höchst effektvolles Bühnenbild gebaut: mit drehbaren Spiegelwänden und mit einem raffiniert naiven, zweidimensionalen Vorhangbild für die Shakespeare-Passagen. Für die Farbtupfer sorgen die Kostüme von Nicole von Graevenitz.

Bernd Mottl, der in Hannover schon erfolgreich die nicht mehr ganz frische „Fair Lady“ verjüngt hat, umgeht geschickt alle Fallstricke der Geschlechterrollendiskussion: Wen kümmert das Frauenbild, das Shakespeare in seiner Komödie entworfen hat, wenn es darum geht, ein Liebespaar zu zeichnen, das miteinander nicht kann und ohne auch nicht. Die Schauspieler Fred Graham und Lilli Vanessi haben sich einst geliebt und kommen jetzt über das Rollenspiel als Petruchio und Katharina wieder zusammen. Aber der Macho sollte sich keine zu großen Illusionen machen. Noch wichtiger als er scheint Lilli Vanessi die Bühnenluft zu sein.

Ulrich Allroggen, der in Hannover auch bei „Guys and Doll“ dabei war, gibt den Petruchio angemessen raubeinig charmant. Auch wenn er - vermeintlich - dominiert, die musikalisch reizvollere Aufgabe hat Nicole Rößler, die als Lilli und als Katharina nicht nur „So in Love“ sein, sondern auch mit den Männern abrechnen darf: Hier tritt der pointensichere Texter und Komponist Cole Porter treffsicher in die Fußstapfen der englischen Operettenkönige Gilbert und Sullivan - und Nicole Rößler passt genau in dieses Format. Julia Klotz als blondes Gift Lois Lane darf bekennen, wie sie es auf ihre ganz eigene Weise mit der Treue hält, und wird zur Belohnung von Gero Wendorff als Bill Calhoun schlagerträchtig angeschmachtet.

Roland Wagenführer ist als Harrison Howell der reiche, aber etwas langweilige Millionär, der Lilli nur ein Leben als gelangweilte Gattin bieten könnte. Edgar Schäfer (Baptista), Julie-Marie Sundal als aufgekratzte Garderobiere, Michael Chacewicz als ihr Berufskollege Paul sowie Eric Rentmeister und Frank Wöhrmann als Biancas Freier stehen für die Vielseitigkeit des Ensembles. Und da sind ja noch die beiden Ganoven, die mit „Schlag nach bei Shakespeare“ einen der Hits dieses an Melodien reichen Musicals anstimmen dürfen. Diese Nummer hat schon immer Komiker und Kabarettisten gereizt. Das hannoversche Duo Edward Mout und Daniel Eggert lässt es sich nicht entgehen, hier abzusahnen.

Und man versteht sie sogar. Das ist nicht selbstverständlich, weil eine der wenigen Schwächen des Abends die suboptimale Musikaussteuerung ist. Zumindest oben im Rang ist das Orchester zu laut, was nicht nur daran liegt, dass man hier die neuere Orchestration von Don Sebesky nutzt, die 1999 am Broadway dem Käthchen neue Luft verschaffen sollte. Dirigent Benjamin Reiners setzt damit auf Show, und das Staatsorchester macht auch mit fetzigem Sound mit, doch manche musikalische Pointe des gewitzten Cole Porter wird dabei überspielt.

Das Publikum amüsierte sich hörbar und applaudierte freudig, wenn auch nicht sehr andauernd.

Nur bis zum 3. Oktober im Theater am Aegi. Karten unter (0511) 99991111.

12.09.2012
09.09.2012