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Kultur Bill Murray – mein Freund, der Griesgram
Nachrichten Kultur Bill Murray – mein Freund, der Griesgram
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17:12 08.01.2015
Von Stefan Stosch
Nur kein Stress: Vincent (Bill Murray) lässt Oliver (Jaeden Lieberher) schuften. Quelle: Foto: Sony
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Was ist ein Heiliger? Alle in Olivers Schulklasse glauben, das zu wissen: jemand, der anderen Menschen Gutes tut. Aber passt auch dieser ungepflegte Typ in die Rubrik, der in Latschen und hässlichen Shorts missmutig durch die Gegend schlappt, für seine Mitmenschen nur Beleidigungen parat und überall Schulden hat und sogar die Notsituation seiner neuen, alleinerziehenden Nachbarin ausnutzt, um beim Babysitting ein paar Dollar extra abzukassieren? Kommt darauf an.

Regisseur Theodore Melfi legt in seinem Kinodebüt „St. Vincent“ alles darauf an, den guten Kern in diesem auf den ersten Blick so wenig einnehmenden Zeitgenossen zu entdecken. Verwunderlich beinahe, dass seine Komödie nicht in der Vorweihnachtszeit angelaufen ist, in der seit Charles Dickens die Resozialisierung von Widerlingen gelingt. Dieser Film schrammt am Süßlichen vorbei. Und dass dies halbwegs unfallfrei gelingt, ist vor allem einem zu verdanken: Hauptdarsteller Bill Murray, für den der Griesgram Vincent eine Paraderolle darstellt.

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Kaum ein anderer US-Schauspieler ist so witzig wie Murray - ohne dabei die Miene zu verziehen, wie wir spätestens seit „Lost in Translation“, aber auch aus Wes Andersons Filmen („Die Royal Tenenbaums“, „Die Tiefseetaucher“, „Grand Budapest Hotel“) wissen. In Murrays schauspielerisches Understatement mischt sich stets eine Prise Melancholie. Das gilt auch für seinen Vincent. In Vietnam hat Vincent Fürchterliches erlebt, seine Frau hat er an die Demenz verloren, und für die russischstämmige, schwangere Stripperin Daka (schön schrill: Naomi Watts in Hotpants) ist er der einzige Freund - so wie auch sie die Einzige ist, die er in sein vermülltes Haus hineinlässt, in der sonst nur eine weiße Katze schnurrt. Bis eben der zwölfjährige Oliver (Jaeden Lieberher) auftaucht und von seiner überarbeiteten Mutter Maggie (Melissa McCarthy) eher notgedrungen bei Vincent abgeladen wird.

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Oliver ist ein Hänfling, ein Außenseiter, und womöglich lässt er sich gerade deshalb von der Schroffheit des anderen Außenseiters nicht abschrecken. Zudem ist es cool, im Oldtimer-Cabriolet durch die Stadt zu düsen, beim Pferderennen zu wetten und abends an der Bar zu hocken. Nebenbei bringt Vincent seinem Schützling bei, wie er einem viel Stärkeren die Nase brechen kann - ein ungemein hilfreicher Tipp, wenn man es mit ätzenden Mitschülern zu tun hat. Allerdings darf Mama nichts von diesen kleinen Eskapaden erfahren.

Und dann stellt der Lehrer die Hausaufgabe, in einem Zeitgenossen einen Heiligen zu entdecken. Was dann passiert, ist klar, so wie alles klar ist in diesem Wohlfühlfilm. Manchmal tut der Regisseur auch einfach des Guten zu viel: Oliver etwa ist zu klug für sein Alter, mit seiner Abgeklärtheit steckt er jeden Erwachsenen in die Tasche.

Aber was soll’s? Wenn Oliver und Vincent gemeinsam die Stadt unsicher machen, dann ist da ein Dreamteam unterwegs. Es ist große Schauspielerkunst, wie es Bill Murray als Ekelpaket fertig- bringt, die Sympathien der Zuschauer zu erobern. Am Ende kommt man ein klein wenig glücklicher aus dem Kino, als man hineinging.

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