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16:22 18.09.2013
Von Stefan Stosch
Diese Frau führt ein Doppelleben: Katrine (Juliane Köhler) ist dabei, ihre biografischen Spuren in der DDR zu verwischen. Quelle: Farbfilm
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Hannover

Wir schreiben das Jahr 1990, die DDR ist Geschichte – und offenbar für eine Frau aus Norwegen gerade deshalb eine Gefahr: Sie reist aus Oslo nach Leipzig, sucht gleich hinter der Passkontrolle die Toilette auf, kommt unter einer schwarzen Langhaar-Perücke wieder aus der Kabine heraus. In dieser Verkleidung und in perfektem Deutsch macht sich die sichtlich nervöse Frau in verstaubten Archiven daran, Akten über ihr Leben zu vernichten. Es hat wohl in einem ostdeutschen Kinderheim begonnen.

Ein rätselhafter Beginn ist das in dem Film „Zwei Leben“. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch so gut wie nichts über Katrine (Juliane Köhler). War sie nicht eben noch eine glückliche Ehefrau in einem Häuschen am norwegischen Fjord? Doch weder ihren Mann Bjarte (Sven Nordin) noch ihre Mutter Ase (Liv Ullmann) hat sie in ihren Geheimtrip nach Leipzig eingeweiht. Wieso dieses Versteckspiel?

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In Norwegen taucht bald darauf ein deutscher Anwalt (Ken Duken) auf und stellt Fragen zu Katrines Vergangenheit, auf die sie mit wachsender Aggressivität reagiert. Der Anwalt will Katrine als Zeugin in einem Wiedergutmachungsprozess vor dem Europäischen Gerichtshof gewinnen, doch allmählich kristallisiert sich heraus: Er ist unvermutet auf Katrines dunkles Geheimnis gestoßen, das sie seit Jahrzehnten mit sich herumschleppt. Er könnte ihre Lebenslüge zerstören, die sich für sie längst wie die Wahrheit anfühlt.

Manches in Georg Maas’ Film klingt womöglich nach Räuberpistole. Aber so einfach ist es nicht. In seinem von deutscher Seite für den Oscar nominierten Thriller beruft sich Maas auf die Tragödie der „Lebensborn“-Kinder. In der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg wurden geschätzte 11.000 Kinder von norwegischen Müttern geboren, die deutsche Soldaten als Väter hatten. Etwa 250 Kinder verschleppten die Nazis nach Deutschland, viele ins SS-Heim Sonnenwiese in Sachsen. Nach 1945 wuchsen sie in der DDR auf.

Katrine flüchtete in den Sechzigern aus dem Mauer-Land und tauchte als junge Erwachsene bei ihrer Mutter auf. Jedenfalls lautet so die offizielle Version von Katrines Biografie.

Maas („NeuFundLand“), 1960 in Aachen geboren, vermengt die Verbrechen von gleich zwei Unrechtssystemen. Düstere Stasi-Männer (Rainer Bock) wirken unbehelligt in Norwegen und verfügen noch immer über Katrines Schicksal. Sie morden sogar, um die Wahrheit zu vertuschen. Das ist ein bisschen dicke, vor allem aber simpel.

Zudem ächzt der Film unter der komplizierten Konstruktion mit den vielen historischen Zwischenstopps. Aber dann hat der Regisseur die Zuschauer endlich dort, wo er sie haben will: So wie Katrines Familie müssen auch sie sich entscheiden, ob sie in dieser Frau eine Täterin oder ein Opfer sehen wollen. Hatte Katrine überhaupt eine andere Wahl? Oder hätte sie schon längst reinen Tisch machen und den Neuanfang wagen müssen?

Der Regisseur schaut in die Gesichter von Katrine und Ase. Er beobachtet Katrines flehentliches Entsetzen und genauso Ases Unverständnis, das sich langsam in Wut und Hass verwandelt. Katerine ist nicht ihre Tochter.

„Zwei Leben“ hat nicht ganz die Eleganz und auch nicht die Wucht, mit der ein anderer deutscher Oscar-Kandidat vor sechs Jahren aufwartete: 2007 gewann Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem gut erfundenen Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ die Trophäe.

Seitdem setzt die deutsche Auswahlkommission für den Auslands-Oscar gerne auf historische Stoffe – zuletzt im Vorjahr auf Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“. Mitte Januar wird sich zeigen, ob die Amerikaner auch diese insgesamt spannende Kino-Geschichtsstunde goutieren: Dann benennt Hollywood die fünf Kandidaten für die engere Oscar-Wahl.

Konstruiert, aber spannend: Thriller, tief verwoben in der deutschen Geschichte. Kino am Raschplatz

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