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Kultur Kurt Tucholsky und der lange Atem
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12:10 08.04.2012
Gerhard Kraiker arbeitet an der kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Kurt Tucholsky.
Gerhard Kraiker arbeitet an der kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Kurt Tucholsky. Quelle: dpa
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Oldenburg

Ausdauer ist in der Literatur sehr wichtig. Gerhard Kraiker weiß das nur zu gut. 1991 begann der Politologe mit weiteren drei Herausgebern die Arbeit an der kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Kurt Tucholsky (1890-1935). Den Schlusspunkt 20 Jahre später erlebte nur Kraiker, seine Kollegen starben in der Zwischenzeit. „Ich bin da nur so reingerutscht“, erzählt der 74-Jährige rückblickend über die Arbeit.

Der Politologe mit Schwerpunkt Gesellschafts- und Staatstheorien hatte sich an der Gesamtausgabe der Werke und Briefe Carl von Ossietzkys (1889-1938) hervorgetan. Die sechs Bände über den Schriftsteller sorgten für ein vielbeachtetes Echo. Die 22-bändige Gesamtausgabe der Werke Tucholskys, des meistgelesenen politisch-satirischen Autors der Weimarer Republik, packte die Universität Oldenburg als Folgeprojekt an.

Es gehört zu den Eigenheiten von Gesamtausgaben, dass sie die Wissenschaftler bis an die Grenzen der Belastbarkeit führen. Sie rauben Nerven, verschlingen Mitarbeiter und drohen immer wieder am Versiegen des Geldflusses zu scheitern.

„Ich wollte längst den Ruhestand, einen Hund, ein behagliches Leben in Ostfriesland“, sagte Tucholsky-Mitherausgeberin Antje Bonitz einmal der „Welt“, während sie trotz Altersteilzeit noch Kommentare schrieb und Texte Korrektur las.

Wie ihre Kollegen Dirk Grathoff und Michael Hepp erlebte sie die Präsentation des Mammutwerks nicht mehr. „Ihr Leben war die Tucholsky-Ausgabe“, sagt Kraiker über Bonitz. Nach der Übergabe des letzten Textbands an den Verlag starb sie im Sommer 2010.

Gesamtausgaben leben von Leidenschaft und Geduld

Ähnliche Erfahrungen wie in Oldenburg haben Forscher auch am Deutschen Literaturarchiv in Marbach gemacht. Dort wird sogar seit 1967 an der ersten historisch-kritischen Gesamtausgabe zum Dichter Eduard Mörike (1804-1875) gefeilt. „Wir sind mit der Arbeit voraussichtlich in drei Jahren fertig“, sagt Wissenschaftler Albrecht Bergold. Mit langem Atem soll die Ausgabe bis dahin auf 27 Bände wachsen - geplant waren einst 15.

Gesamtausgaben leben von der Leidenschaft und der Geduld der Herausgeber. Tucholsky etwa wurde für Kraiker regelrecht zu einem Gefährten. „Man vertieft sich in seine Beziehungen zu den Frauen, sein Verhältnis zur praktischen Politik und zu seinen Freunden.“

Die Strahlkraft Tucholskys ergibt sich Kraiker zufolge aus seiner scharfen Beobachtungsgabe. „Die Romane wie „Schloss Gripsholm“ oder „Rheinsberg“ imponieren mir nicht so sehr. Da halte ich andere für wesentlich größer wie Thomas Mann, Robert Musil, Marcel Proust oder Franz Kafka“, sagt Kraiker. „Seine Stärke liegt in der Glosse, der Kommentierung des Alltagsgeschehens und der Beobachtung der Gesellschaft.“

Dennoch hat es Tucholsky in den Regalen der Buchhändler schwer. „Das Interesse an den Heroen der 20er Jahre hat nachgelassen. Das ist nicht mehr vergleichbar etwa mit den 68ern, die noch die Frage beschäftigt hat, woran die erste deutsche Republik gescheitert ist und wie man die Fehler vermeiden kann“, erzählt Kraiker. „In diesem Zusammenhang waren Reflektoren der Weimarer Republik wie Ossietzky oder Tucholsky sehr im Zentrum. Da hatte man ein großes Publikum, heute interessiert das eher Literaturwissenschaftler.“ 

jhf/dpa

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