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Kultur Leonardo DiCaprio ist FBI-Gründer „J. Edgar“
Nachrichten Kultur Leonardo DiCaprio ist FBI-Gründer „J. Edgar“
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23:07 19.01.2012
Von Stefan Stosch
Foto: Der Überwacher genießt die Öffentlichkeit: Leonardo DiCaprio als FBI-Chef J. Edgar Hoover.
Der Überwacher genießt die Öffentlichkeit: Leonardo DiCaprio als FBI-Chef J. Edgar Hoover. Quelle: Warner Bros.
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Am Ende tut einem der Mann beinahe leid, ein kleines bisschen jedenfalls. Und das will schon etwas heißen bei einem wie J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio). Jahrzehntelang hortete der Gründungsdirektor des Federal Bureau of Investigation (FBI) in seinem Giftschrank belastendes Material gegen die eigene Regierung und verteufelte alles als kommunistisch, was links und liberal war. Acht US-Präsidenten und 18 Justizminister überstand Hoover in seinem Amt, und manche sagen boshaft: Sie hätten unter ihm regiert.

Und doch erweckt sein Ende in Clint Eastwoods „J. Edgar“ ein Hauch von Mitgefühl: Die Leiche Hoovers liegt am 2. Mai 1972 noch in dessen Schlafzimmer, und Präsident Richard Nixon schickt sich gerade an, öffentlich ein paar Krokodilstränen über einen seiner angeblich „engsten Berater“ zu vergießen, da schwärmen Nixons Leute auch schon aus, um nach Material zu fahnden, das dem Präsidenten gefährlich werden könnte. So einsam stirbt jemand, der immer das Beste für sein Land wollte – und dem dabei jedes Mittel der Überwachung recht war.

Es ist eine Leistung von Clint Eastwood in seiner mehr als zweistündigen Kinobiografie, den FBI-Chef nicht als menschliches Scheusal dastehen zu lassen. Eastwood liefert ein vielschichtiges Bild, lässt Hoover aber auch nichts durchgehen. Eastwoods Hang zur Vollständigkeit wirkt sich bisweilen sogar nachteilig aus: Wie in einer überlangen Geschichtsstunde spult er die Biografie Hoovers in Rückblenden ab, der sein Leben einem jungen Agenten in die Schreibmaschine diktiert. Dramaturgisch ist dies nicht das originellste Werk des 81-jährigen Regisseurs, und doch ergibt sich am Ende das schlüssige Psychogramm eines verklemmten Machtmenschen.

Hoover begann seine Karriere 1917 im Justizministerium und erwies sich bereits in dieser Zeit als genialer Stratege, wenn es um die Ausweisung von angeblichen Landesfeinden ging. Später baute er das FBI zu einer schlagkräftigen Bundesbehörde aus, wendete moderne Polizeitaktiken an, richtete eine zentrale Datei für Fingerabdrücke ein – und stellte öffentlichkeitswirksam Gangster wie John Dillinger, Machine Gun Kelly oder den Entführer des Lindbergh-Babys.

Ebenso ließ er jedoch in großen Stil Andersdenkende ausspionieren. Zu seinen verhassten Gegnern zählten der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King, Eleanor Roosevelt (die Witwe des einstigen Präsidenten Theodor Roosevelt) oder auch die beiden Kennedy-Brüder. Vor Erpressung schreckte Hoover nicht zurück, wenn es seinem Machterhalt dienlich war. Mit größter Selbstverständlichkeit lässt er im Film Justizminister Robert F. Kennedy wissen, dass er von der jüngsten Bettgeschichte des Präsidenten John F. Kenntnis habe. Dieses Wissen machte Hoover unantastbar.

Im Kern geht es Eastwood aber nicht um eine Abrechnung: Er sucht nach Hoovers persönlichen Antriebskräften – und stößt auf ein Muttersöhnchen, das zeitlebens gegen seine homosexuelle Neigung kämpfte. Hoover kam allen auf die Schliche und machte sich deren vermeintlichen und tatsächlichen Schwächen zunutze, nur sich selbst gegenüber fand er nie zu einer tieferen Ehrlichkeit.

Mit seinem persönlichen Assistenten Clyde Tolson (Armie Hammer) verband ihn zeitlebens eine Freundschaft, die in diesem Film nicht über das Platonische hinausgeht. Die beiden dinierten täglich zusammen, fuhren in den Urlaub – doch traute sich Hoover nie mehr als ein scheinbar absichtsloses Händchenhalten mit seinem Getreuen. Einmal kämpfen die beiden gegen- oder auch miteinander, rollen in Bademänteln über den Teppich – und Tolson drückt für einen Moment seinen Mund gegen den Hoovers. Das war’s dann auch schon. Den Hass auf alles Homosexuelle hatte sich Hoover von seiner Mutter (Judie Dench) einimpfen lassen. Als sie stirbt, streift er versuchsweise ihr Kleid über, um sich sogleich für diese Undiszipliniertheit zu hassen.

So steckt in „J. Edgar“ auch eine persönliche Tragödie. Hoover traute sich nicht zu lieben, und er wurde nicht von seinem Land in dem Maße geliebt, wie er es verdient zu haben glaubte. Hoover ist in der Darstellung von Eastwood und seines Drehbuchautors Dustin Lance Black („Milk“) sowohl ein Idealist als auch ein Ideologe – das war eine gefährliche Mischung für die Menschen in seinem Umfeld und letztlich auch für die USA.

Die eigentliche Sensation ist Leonardo DiCaprios Vorstellung als FBI-Chef. Über vier Jahrzehnte lang verkörpert er Hoover und verwandelt sich dabei vom energischen jungen Mann in einen massigen 77-Jährigen, dem die Wangen so sehr im Gesicht hängen wie einst Marlon Brando als „Der Pate“. Entweder bekommt Leonardo DiCaprio für diesen Auftritt den Oscar, oder – wahrscheinlich noch – seine Maskenbilder werden Ende Februar in Los Angeles auf die Bühne gebeten.

Starker Mann ganz schwach: Kluger Biografiefilm. Cinemaxx Raschplatz, Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar.

18.01.2012
18.01.2012