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06:15 18.04.2012
Foto: Tatjana Bulava (hinten links) gab im Lichthof der Universität den Takt an. Sinnliches war aber auch Thema theoretischer Überlegungen.
Tatjana Bulava (hinten links) gab im Lichthof der Universität den Takt an. Quelle: Steiner
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Hannover.

Heute haben Sie eine philosophische Erfahrung gemacht.“ Mit diesem - angesichts der gerade überstandenen komplizierten Begriffsgrübeleien auf dem Podium - tröstlichen Resümee entließ der hannoversche Philosophieprofessor Paul Hoyningen-Huene das Publikum, das gerade der Diskussion „Welche Vernunft? - Vier Plädoyers“ im Lichthof der Leibniz Universität gefolgt war. Dieser Satz dürfte allerdings für viele der siebzig Veranstaltungen des dritten Festivals der Philosophie in Hannover gelten: Die Philosophie, so zeigten die Debatten und Vorträge in immer neuen Anläufen und Variationen, bietet keine Antworten, die man wie Glaubenssätze übernehmen könnte. Sie vermittelt eher die Kunst des permanenten Nachfragens.

So führte denn die Fragestellung, welche Vernunft - ob nun die „reine“, die „historische“, die „dialektische“, die „instrumentelle“ oder die „zynische“ - uns Orientierung zu geben vermag, immer wieder zu der grundlegenden Frage zurück, was denn Vernunft überhaupt sei.

Zur Klärung hatte Gesprächsleiter Hoyningen-Huene vier Referenten unterschiedlicher Profession zu „Plädo-yers“ befragt. Als Professorin der Philosophie erläuterte Annemarie Pieper die Aufgabe der Vernunft mit einem organischen Körpermodell. Bei der Vernunft gehe es darum, etwas zu „vernehmen“, im doppelten Sinn: einmal wie ein Detektiv Zeugen zu vernehmen und Zustände zu untersuchen, dann im Sinne von registrieren: Sie müsse die Stimmen von Hand (reine Schaffenskraft), Herz (Gefühl), Bauch (sinnliche Bedürfnisse) und Kopf (Verstand) vernehmen und übergeordnete Aspekte vertreten.

Dabei gebe es keine „Rangordnung der Körperregionen“, und Übergriffe Einzelner müssten zurückgewiesen werden - sie sprach dabei anschaulich vom drohenden „Terror des Bauches“ (Konsumismus) oder dem „Terror des Herzens“ (Gefühligkeit). Aber auch die Vernunft selbst könne entarten und in einen „Allmachtswahn“ verfallen.

Dass verstärkt das Ganze wieder in den Blick genommen werden muss, unterstrich der hannoversche Architekturtheoretiker Joachim Ganzert. Begrenzte Wahrnehmung von Teilaspekten führe zu beschränkter Ästhetik. Er gibt der Weisheit den Vorzug vor einer rationalistisch eingeschränkten Wissenschaft, die zur binären Logik neige. Thomas Leinkauf, Philosoph aus Münster, verlangte, dass alle möglichen Aspekte der Vernunft in Betracht gezogen werden müssten. Vernunft sei auf eine komplexe Einheit gerichtet, dabei zugleich analytisch. Es gehe um die Vermittlung des Gegensätzlichen, ohne die Gegensätze einzuebnen. Der Journalist Patrick Bahners, bis vor Kurzem Kulturressortleiter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ging von seiner individuellen Bildungsgeschichte aus und erläuterte, welche philosophischen Gewährsleute für ihn plausibel argumentieren - ein Hinweis auch für die Laien im Publikum, sich zunächst einmal einen zuverlässigen (Ein-)Führer in die Philosophie zu suchen.

Hoyningen-Huene, als Moderator auch Anwalt des Publikums, ließ die abstrakten Überlegungen am praktischen Alltagsbeispiel erproben - mit der skurrilen Frage, wie und ob es überhaupt vernünftig sei, „nach Göttingen zu fahren“. Und so kam - als ein wichtiges Verfahren der Philosophie - die „Abwägung“ (Bahn oder Auto) ins Spiel und die Suche nach der „Angemessenheit“ des Handelns. Dabei sei man nicht nur auf rein rationale Kriterien angewiesen, hieß es, sondern könne auch auf historische oder Lebenserfahrungen zurückgreifen. Bahners machte noch einmal deutlich, dass individuelle Abwägungen nicht ausreichen, weil die Frage sich wieder anders stelle, bedenke man, dass vielleicht sehr viele gleichzeitig „nach Göttingen“ fahren. Einig war man sich, dass vom Streben der Vernunft nach einer ganzheitlichen Sicht keineswegs Perfektion zu erwarten sei.

Wie das so ist bei philosophischen Debatten: Der Gesprächsverlauf erinnert nicht an einen Fluss, sondern an ein Delta, das mit ungeschultem Auge nicht so leicht überblickt werden kann. Da ist es dann eine schöne Erfahrung, wenn man sich einmal auf die Entwicklung eines zwar komplexen, aber in sich logischen Gedankengangs einlässt.

Nachdem die Veranstaltungsregie mit Tangomusik (Tatjana Bulava am Akkordeon) und Tanz die Sinnlichkeit feiern lassen hatte, konnte - gleichsam daran anschließend - am selben Ort der international renommierte, an der Stanford-Universität lehrende Romanist und Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht seine Interpretation der Aufklärungstradition erläutern. Er will dem Sinnlichen und Erotischen, dem Konkreten und Körperlichen wieder Raum geben. Und berief sich dabei auf Leben und Werk von Diderot, Goya, Lichtenberg und Mozart.

Gumbrecht setzte sich von der „preußisch-deutschen“ Aufklärung ab und verwies auf die vor allem nach dem Krieg lauter werdende Kritik an dem Weltverlust und der Abstraktheit der Aufklärungstradition. In einer Situation, in der uns die Zukunft eher gefährlich (Klimakatastrophe) als offen erscheint, breite sich die Gegenwart aus, die zudem von Vergangenheit „überflutet“ (es wimmelt allenthalben von Jubiläumsfeiern) werde.

In unserer von elektronischen Medien bestimmten abstrakten Welt entwickele sich das Bedürfnis nach Intensität, Körperlichkeit und „Präsenz“. Stärker diskutiert werde auch die Überlegung, ob wir mit der „Entzauberung der Welt“ nicht zu weit gegangen seien. Wäre eine „vernünftige Wiederverzauberung“, eine Ästhetisierung des Alltags denkbar?

Am Beispiel Diderots zeigt Gumbrecht das Nebeneinander von systematischer Beschreibung der Welt und erotischer Prosa, bei Lichtenberg gebe es naturwissenschaftliche Genauigkeit neben dem genauen Blick auf das Singuläre und Konkrete - in den „Sudelbüchern“.

Das könne man, meint Gumbrecht, aus dieser Tradition der Aufklärung lernen: Intensität, Erfüllung stelle sich bei ihr gerade durch die Spannung von Abstraktem und Konkretem her.

Nach Angaben der Organisatoren fanden es 7000 Besucher auch beim dritten Festival der Philosophie spannend, sich mit geistigen Spannungen auseinanderzusetzten. Nun denkt man daran, die Veranstaltung auf die Metropolregion auszudehnen.

Karl-Ludwig Baader

Stefan Arndt 15.04.2012