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Kultur Mittwoch startet das Masala-Festival in Hannover
Nachrichten Kultur Mittwoch startet das Masala-Festival in Hannover
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19:46 04.05.2010
Quelle: Ralf Decker (Archiv)
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Wenn man Weltmusik beispielhaft erklären sollte, könnte man kühn auf den 1. Mai in Hannover verweisen. Mitten auf dem Klagesmarkt konnten Besucher am vergangenen Wochenende kulinarische Köstlichkeiten aus Iran, Chile, Afrika und Indien probieren und sich über die miesen Arbeitsbedingungen in Mexiko genauso informieren wie über die drohende Todesstrafe für den schwarzen Journalisten Mumia Abu Jamal in den USA oder die Siedlungspolitik Israels. Politische Überzeugungstäter diskutierten multilingual zwischen Bratwurst- und Bierständen, andere tanzten oder lauschten ver.di-Chef Frank Bsirske, der den „Raubtierkapitalismus“ anprangerte.

Es ist diese Mischung aus politischem Interesse, der Lust am Entdecken von Lebenswelten jenseits des Kartoffelsuppentellerrandes und dem Respekt für andere Kulturen, die das Fest zum 1. Mai prägt. All das sind auch Zutaten, die den selten konkretisierten Begriff Weltmusik ausmachen. Die 1.-Mai-Bands RotFront, Black X und das Eldorado Groove Orchestra, die die Masala-Festival-Organisatoren zum Auftakt vor dem eigentlichen Start am heutigen Mittwoch eingeladen hatten, scherten sich wenig um Definitionen: Sie spielten Weltmusik, fertig.

Weltmusik im puristischen Sinne ist kein echtes Musikgenre, sondern eher ein hilfloser Begriff, der traditionelle Musik zusammenfasst und gern mit weiteren weichen Bauchgefühl-Vokabeln wie etwa „Flair“ garniert. Auch das ist nicht wirklich richtig, denn die aktuelle Weltmusik speist sich aus der Kombination länderspezifischer Musik und modernen Popelementen. Weltmusik ist kultureller Ausdruck für Globalisierung bei gleichzeitiger Betonung der kulturellen Wurzeln. Weltmusik ist auch plattdeutscher Gesang über die Nordseeküste, die über das Internet zu haben ist. Weltmusik ist geballte Vielfalt.

Gut, dass es Christoph Sure gibt, der seit 1995 zusammen mit Gerd Kespohl das Masala-Festival in Hannover organisiert und für Orientierung sorgt. Jahr für Jahr stellen sie Vertreter der so wenig fassbaren Musikrichtung vor. 4000 Künstler aus 85 Ländern haben sie schon an 22 Orten vom Pavillon bis zur Schloss Marienburg präsentiert. Das Masala-Festival gehört seit 15 Jahren mit Konzerten, Workshops und Weltmarkt zu den größten Weltmusik-Veranstaltungen Europas. Doch gibt es die Weltmusik viel länger als das Festival oder den Begriff.

Wenn Weltmusik die Vereinigung von moderner Musik mit traditionellen Elementen bezeichnet, war schon die Kombination des brasilianischen Samba mit Cool Jazz in den fünfziger Jahren oder die Zusammenkunft von Sitar-Spieler Ravi Shankar und Beatle George Harrison Weltmusik. In den sechziger Jahren holten sich Jazzmusiker wie John Coltrane Inspiration aus Asien und Afrika, der italienische Liedermacher Fabrizio De André verband in den Achtzigern exotische Klänge mit seinem Gesang im Genueser Dialekt, und der Yes-Keyboarder Patrick Moraz kombinierte 1976 bei seinem Album „The story of I.“ brasilianische Rhythmen mit Rock und modernen Klassikelementen. Weltmusik ist offenbar schon immer Teil der Musikgeschichte gewesen. Doch erst Peter Gabriel machte den Begriff populär.

1982 veranstaltete Gabriel das erste „World of Music, Arts and Dance“-Festival (WOMAD) in England, ein Fest, dem viele WOMAD-Festivals auf der ganzen Welt folgten und bei dem sich erfolgreiche, aber weltweit eher unbekannte Musiker präsentierten. Youssou N’Dour wurde entdeckt, der bald auch in Deutschland im Duett „Seven Seconds“ mit Neneh Cherry die Charts stürmte. Als immer mehr Käufer nach den Platten von Gabriels Label „Real World“ und den Weltmusikern fragten und sie vergebens zwischen Pop und Rock suchten, setzten sich die Vertreter von Plattenfirmen in London zusammen und einigten sich auf den Begriff „World Music“. Die Weltmusik etablierte sich mit Alben und Songs von Paul Simon, Mory Kanté und dem Projekt „One World One Voice“ 1990, bei dem mehr als 50 Musiker wie Afrika Bambaataa, Ryuichi Sakamoto und Sting gemeinsam an einem Musikstück arbeiteten.

Als 1994 das WOMAD-Festival in Hamburg eingestellt wurde, nutzten die hannoverschen Weltmusik-Freunde Gerd Kespohl und Christoph Sure die Chance. Seit 1972 gab es Abende für afrikanische Musik im Kulturzentrum Pavillon. Bis zu 1500 Besucher kamen zur „Tohuwabohu“-Reihe. Beim Masala-Festival sollen aber nicht nur afrikanische oder südamerikanische Musiker vorgestellt werden, sondern Künstler aus der ganzen Welt. „Wir lassen keine Musiker auftreten, die nur Folklore konservieren, sie müssen schon ihre musikalische Herkunft um moderne Musik anreichern“, sagt Sure.

Dass durch die zunehmende Vermischung von traditioneller Musik mit einer immer ähnlicher strukturierten Musikindustrie eine Art weltweite Massenmusik entsteht, glaubt Sure nicht. „Im Gegenteil, Weltmusik wird immer differenzierter“, sagt der Festivalmacher. Die Musiker würden vielleicht ähnliche Rhythmen übernehmen, aber noch mehr auf Eigenheit Wert legen. Dadurch käme es zu immer neuen Kombinationen, zu noch mehr Vielfalt. Nachzuvollziehen sei dies von heute an beim 16. Masala-Festival. Vielleicht ja auch 2011 am 1. Mai auf dem Klagesmarkt. Das Eröffnungskonzert am Mittwoch um 20 Uhr im Pavillon bestreitet Amparo Sánchez aus Spanien.

Das Festivalprogramm

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