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Kultur „Mommy“: Alleinerziehend und überfordert
Nachrichten Kultur „Mommy“: Alleinerziehend und überfordert
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07:30 13.11.2014
Der Sohnemann und seine verrückte Mommy: Steve (Antoine-Olivier Pilon) und Diane (Anne Dorval).
Der Sohnemann und seine verrückte Mommy: Steve (Antoine-Olivier Pilon) und Diane (Anne Dorval). Quelle: Weltkino
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Es gibt einige traurige Momente in „Mommy“ – aber auch einen Augenblick des puren Glücks: Einmal unternimmt das ungewöhnliche Trio einen Ausflug. Die wie immer auf jugendlich getrimmte Mommy, ihr von ADHS gepeinigter und unberechenbarer Teenager-Sohn und die sprachgestörte Nachbarin Kyla rollen durchs spätsommerlich-warme Quebec. Alle Aggressivität, alle Sorgen und Ängste fallen an diesem sonnigen Nachmittag von den dreien ab. Und dann macht Steve (Antoine-Olivier Pilon) etwas Unglaubliches, was einer Kinofigur gar nicht zusteht: Er breitet die Arme aus und schiebt die Ränder der bis dahin beinahe quadratischen Leinwand auseinander. Steve verändert tatsächlich das Bildformat!

Es ist, als wollte er die ganze Welt umarmen und endlich Freiheit für sich, seine Mutter Diane (Anne Dorval) und Kyla (Suzanne Clement) einfordern. Der Kinozuschauer reibt sich verwundert die Augen.
Das Glück hält jedoch nicht lange an im bereits fünften Langfilm des gerade einmal 25-jährigen kanadischen Wunderregisseurs Xavier Dolan, von dem zuletzt der Psychothriller „Sag nicht, wer du bist!“ bei uns in den Kinos lief. Bald schon zieht sich die Leinwand in „Mommy“ wieder zusammen, die Personen wirken erneut wie eingesperrt in dem ungewöhnlich beengenden Format, das dem eines Stummfilms ähnelt. Immer wieder sind die Figuren nur angeschnitten zu sehen, so wenig Platz lässt der Bilderrahmen.

Aber wir haben in diesem grandiosen Moment der Formatveränderung gesehen, dass sich das gute alte Erzählkino immer noch neu erfinden lässt – wenn nur ein Regisseur den Mut hat, Form, Inhalt und Gefühle zusammenzudenken. Dolan testet in „Mommy“ ebenso Slow Motion und Unschärfe, ohne je seine Geschichte an technische Tricks zu verraten.

Die Jury beim Filmfestival in Cannes sah das im Mai genauso: Sie vergab an das Nesthäkchen im Wettbewerb den Jurypreis – beziehungsweise die eine Hälfte davon. Die andere ging an den Kinoveteranen Jean-Luc Godard, 83 Jahre alt, der ja auch immer noch nach neuen Ausdrucksformen in seinen Filmen sucht. Viel symbolischer geht es nicht: Dolan ist nun mal die große Hoffnung des schwächelnden Autorenkinos und irgendwie auch ein würdiger Nachfolger der Nouvelle Vague.

„Mommy“ wirkt innerhalb der Filmografie des Kanadiers wie eine Wiedergutmachung, wie ein verspätetes Liebesgeständnis: In seinem Debütfilm „I Killed My Mother“ (2009) erzählte er die autobiografisch gefärbte Geschichte vom Mutterhass eines Jugendlichen. „Ich glaube, mit ,Mommy’ versuche ich, sie zu rächen“, hat Dolan in Cannes gesagt.

Dieses Mal hat er die Sicht der alleinerziehenden Mutter eingenommen. Die lebensfrohe, zu Widerstand gegen die Zumutungen ihrer Mitmenschen jederzeit bereite, aber stets finanziell klamme Diane ist überfordert vom Alltag mit Steve. Seit dem Tod des Vaters neigt er zu Jähzorn und Aggressivität. Nun hat ihr Sohn auch noch Feuer in der Caféteria seines Internats gelegt und einen Mitschüler schwer verletzt. Steve fliegt von der Schule, Diane muss allein mit ihm zu Hause klarkommen.

Zudem droht am Horizont ein neues Gesetz, das kanadische Eltern zwingt, ihre Problem-Kinder in staatliche Obhut zu geben. „Mommy“ spielt in einer nahen Zukunft, die aber sehr gegenwärtig wirkt.
Sowieso ist „Mommy“ keine Kranken-, sondern eine traurig schöne Liebesgeschichte mit vor Energie sprühenden Darstellern (die beiden Schauspielerinnen waren auch schon in „I Killed My Mother“ dabei). Dolan spielt mit den Grenzen zwischen normal und nicht ganz so normal – er scheint sich zu wundern, warum eine Gesellschaft so wenig Abweichung von der Norm verträgt.

Bei Steve und Diane kann Nähe jederzeit in heftige Aggression umschlagen – und umgekehrt. Steve geht seiner Mutter in einem Moment an die Kehle und beschimpft sie als „Schlampe“, um ihr im nächsten wieder hemmungslos um den Hals zu fallen. Diane scheint dabei niemals an die Grenzen ihrer Liebe zu kommen. Sie ist das, was man wohl ein Muttertier nennt – was aber keinesfalls heißt, dass sie nicht wütend zurückkeifen würde.

Aber nun braucht Diane Hilfe. Gut, dass sie mit der neuen Nachbarin Kyla jemanden gefunden hat. Kyla, eine traumatisierte Lehrerin, freundet sich mit Steve an. Beide helfen sich gegenseitig. Kyla findet ganz allmählich ihre Sprache wieder, Steve entpuppt sich – zumindest zeitweilig – als wahrer Charmebolzen, und seine Mutter kann endlich wieder arbeiten gehen, ohne zu Hause Schlimmes zu befürchten. Drei Außenseiter(innen) tun sich zusammen und trotzen der Gesellschaft.

Ob diese Geschichte glücklich enden kann? Unwahrscheinlich: Das Kunststück mit der in die Breite gezogenen Leinwand gelingt Steve jedenfalls nur einmal.

Von Stefan Stosch

01.11.2014
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