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Kultur Mozarts „Hochzeit des Figaro“ als intelligente Unterhaltung gefeiert
Nachrichten Kultur Mozarts „Hochzeit des Figaro“ als intelligente Unterhaltung gefeiert
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18:21 12.09.2009
Von Rainer Wagner
Neuinszenierung von Mozarts "Hochzeit des Figaro" an der Niedersächsischen Staatsoper. Quelle: Karin Blüher (Archiv)
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Weil das auch auf die Handlung von Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ zutrifft, hat sich Regisseur Ingo Kerkhof für seine Neuinszenierung an der Niedersächsischen Staatsoper eine Theaterprobensituation ausgedacht.

Noch während der Ouvertüre kommen die Solisten auf die Bühne, nehmen auf Stühlen Platz, die an einer Theaterbühnenwand stehen. Denn zwei Türen braucht man für das (Ver-)Wechselspiel im zweiten Akt dann doch. Ansonsten gibt es noch einen Konzertflügel vorne links und einen Garderobenständer vorne rechts. Dass Bühnenbildnerin Anne Neuser so sparsam war, dürfte die Kassenwarte der Staatsoper freuen – so bleibt mehr für den bevorstehenden Wagner-„Ring“ übrig.

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Neu ist dieses Theater-im-Theater-Spiel nun wirklich nicht, aber das macht nichts. Man muss das Rad nicht täglich neu erfinden. Hauptsache, es läuft rund. Und es hilft, etwas zu transportieren. Beispielsweise die Handlung. Das gelingt dieser Aufführung ganz vorzüglich: Weil die Sänger in blendender Spiellaune sind und weil diese Inszenierung ihnen dabei genügend Freiraum gibt. Dass der Weg immer mal wieder Richtung Rampe führt, erleichtert die Koordination mit dem konzentriert agierenden Dirigenten Rainer Mühlbach. Der sorgt mit dem straff aufspielenden Staatsorchester für Drive, für Durchsichtigkeit, die zum Theaterspiel passt.

Die Inszenierung jongliert gekonnt mit der Versuchsanordnung, der Nacherzählung und der Charakterzeichnung. Wer das Stück mit all seinen Verwicklungen und Verstrickungen kennt, hat seinen Spaß daran, mit wie wenig Mitteln man diesen „tollen Tag“ heraufbeschwören kann. Schließlich hat der Komödien­autor Beaumarchais in seinem Stück, das die Vorlage für da Pontes Opern­libretto lieferte, diesen „folle journée“ im Stücktitel vorangestellt.

Und auch, wer diese Tollerei nicht ganz so gut kennt, findet sich schnell zurecht, weil die Scharniere der Handlung gut geölt werden. Da quietscht nichts, da klemmt nichts. Außer beim hormongeschüttelten Cherubino, den Monika Walerowicz besonders in der Aria sehr umtriebig skizziert. In seiner Arietta im zweiten Akt ist er dann schon ratloser. Kein Wunder nach den Verführungen, denen er im Zimmer der Gräfin ausgesetzt wird. Allein das erotische Verwirrspiel, das die Gräfin und ihre Dienerin Susanna hier mit dem Burschen treiben, lohnt den Besuch dieser Aufführung.

Manchmal merkt man den Ehrgeiz des Regisseurs, mit dem Motto „Weniger ist mehr“ zu siegen. Manchmal aber auch die Angst vor der Erzählroutine. Dann holt er Gags aus dem Zylinder. Dann singt der Chor der Landleute im Opernhausparkett, dient der Orchestergraben als Garten, in den Cherubino springt und aus dem der Gärtner Antonio (mit Tuba) heraufsteigt. Ein Affenkostüm kommt vor – und wenn Barbarina (angemessen anrührend: Anke Briegel) ihr „Ich habe sie verloren“ singt, scheint das mehr zu sein als nur eine Nadel ...

Dass Doktor Bartolo abendfüllend auf Krücken balancieren muss, gehört wohl auch zur Abteilung „Wir setzen mal einen drauf“. Aber Young Myoung Kwon macht das akrobatisch gekonnt und lässt sich davon nicht beim Singen irritieren: Seine „Vendetta“-Arie hat Gewicht. Und als Antonio darf er ja mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.

Dass auch eine Marcellina typgerecht besetzt ist (Katja Beer mischt die angemessene Portion Zickigkeit mit ein) und Basilio ein gelenkiger Intrigant (Jörn Eichler singt auch noch den Richter Don Curzio), spricht für das Niveau des Hauses, das obendrein für fast alle Rollen Zweitbesetzungen parat hat. Aber natürlich steht und fällt jede „Figaro“-Aufführung mit dem Protagonisten-Quartett. Da steht die hannoversche. Und zwar sehr gut da. Tobias Schabel ist ein auch stimmlich profunder Figaro, ein Mann, der zwar nicht ganz so clever ist, wie er selber glaubt (und der von der Kopfbedeckung seiner Braut schwärmt, obwohl die doch ganz andere Reize zur Schau stellt). Wenn er dem Grafen ein Tänzchen androht, Cherubino veralbert und die Männersolidarität der Gefoppten einklagt: Schabel singt souverän und ist präsent. Das trifft noch mehr auf Ania Vegry (vormals: Wegrzyn) zu, deren Susanna so keck ist, wie ihr Pferdeschwanz wippt. Ihre Stimme hat an Wärme, an femininem Timbre und an dunkleren Farben gewonnen, das wertet die Figur auch stimmcharakterlich auf. Ihre Susanna ist ein Augen- und Ohrenschmaus.

Jin-Ho Yoo gibt dem Grafen, der immer wieder gerne von fremden Tellern nascht, virilen Nachdruck. Adelshochmut bleibt dabei eher Behauptung, erotomanisches Platzhirschgetue nimmt man ihm leichter ab. Und wenn er sich mit seiner – nur vermeintlich untreuen – Gräfin handgreiflich auseinandersetzt, ist die Grenze zwischen Gewalt und Gier gefährlich nahe. Da ist, auch das eine Pointe des Abends, noch Feuer in der Glut. Denn in dieser Gräfin lodert es. Arantxa Armentia ist eigentlich gegen den Typ besetzt. Zumindest gegen jenes Rollenbild, das die Gräfin als valiumgedämpfte resignierende Frau zeichnet. Armentias Gräfin aber ist eine Schwester Donna Elviras oder Elettras.

Auch das sorgt für Spannung an einem hochmusikalischen Opernabend der intelligenten Unterhaltung. Entsprechend animiert reagiert das Publikum, es gibt viele Lacher und Arienapplaus, am Ende einhelligen Beifall und gar Ovationen im Stehen für alle. Weitere Vorstellungen am 13., 18., 24. September sowie 14. und 27. Oktober, Karten­telefon: (05 11) 99  99  11  11.