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00:15 17.05.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Elegant und makellos: Nicole Kidman als Grace Kelly.
Elegant und makellos: Nicole Kidman als Grace Kelly. Quelle: dpa
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Der Besuch aus der Nachbarschaft hat bereits vor Wochen in unmissverständlichen Ton abgesagt: Die monegassische Fürstenfamilie ist über den Film „Grace von Monaco“ wenig amüsiert. Sie wolle keinesfalls an der Eröffnung des Festivals teilnehmen, ließen die Grimaldis verlautbaren. So geht der pompöser Auftakt in Cannes heute Abend allein mit Hollywood-Adel über die Bühne, angeführt von Nicole Kidman, die eben jene Grace Kelly spielt.

Nachvollziehen lässt sich die Missstimmung von Fürst Albert und seinen Schwestern Stéphanie und Caroline schon: Die Familie kommt nicht eben gut weg. Nach der Lesart dieses Films definiert die Gemahlin aus Amerika die Gefangenschaft im Goldenen Mittelmeer-Käfig in schlimmster Not zur Rolle ihres Lebens um, um ihre Kinder nicht zu verlieren und um seelisch nicht vor die Hunde zu gehen. Ihr dauerrauchender Ehemann Rainier III. (Tim Roth) zeigt nur dann Gefühle, wenn er über die Pläne des französischen Präsidenten in Rage gerät, seinen Operettenstaat zu annektieren. Derweil reißt Reeder-Milliardär Aristoteles Onassis (Robert Lindsay) Zoten, Maria Callas (Paz Vega) schmettert Arien, und Mitglieder der Grimaldi-Sippe üben sich hinter dicken Schlossmauern in stümperhaften Intrigen.

Gewiss, als Warnung wird zu Beginn von Olivier Dahans Drama, das heute schon in unseren Kinos startet, ein Schriftzug eingeblendet: Die Geschichte sei fiktiv und lediglich inspiriert von realen Ereignissen. Aber dann dümpelt auf Archivaufnahmen doch der Ozeandampfer SS Constitution vor Monacos Küste heran, mit dem Hollywoodstar Grace Kelly anno 1956 anreiste, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ein neues als Fürstin Gracia Patricia von Monaco zu beginnen. Später werden auch noch Bilder von der Hochzeit gereicht. So weit ist die Historie also nicht weg.

Nach diesem Film hat Albert es allein Hollywood zu verdanken, dass er heute noch über 36 000 Landeskinder und zwei Quadratkilometer teuerstes Pflaster herrschen darf. Er sitzt auf dem Thron, weil seine Mutter Grace so selbstlos war, auf die Fortsetzung ihrer Hollywood-Karriere zu verzichten – und weil der väterliche Freund Alfred Hitchcock später diskret Tippi Hedren für die Rolle in „Marnie“ besetzte.

Eigentlich wollte der Master of Suspense (schön eierköpfig: Roger Ashton-Griffiths) seine bevorzugte Blondine für den Psychothriller anwerben. Schließlich hatte er mit ihr schon drei Filme gedreht – „Bei Anruf Mord“, „Fenster zum Hof“ und „Über den Dächern von Nizza“. Und auch Kelly wünschte sich wohl nichts mehr als für ihren zwölften Film vor die Kamera zurückzukehren.

Aber ließ sich die Kinorolle einer „frigiden Klemptomanin“ mit der einer Fürstin im wirklichen Leben vereinbaren? Ihr Mann und auch Kellys einziger Vertrauter auf europäischem Boden, Priester Tucker (Frank Langella), sagen im Film jedenfalls nein.

Eine gewagte Interpretation

Tatsächlich hat Kelly vor dieser Zerreißprobe gestanden, und sie gehorchte der Staatsräson. Hier wird ihr Entschluss als persönliches Opfer deklariert, um Monaco vor den engstirnigen Franzosen zu retten: Nur weil Kelly zu großer Form als Fürstin aufläuft, lässt sich De Gaulle erweichen, keine Panzer in das Paradies für französische Steuerflüchtlinge einrollen zu lassen.

Das ist eine gewagte Interpretation, die das schöne Bild von Prinz Charming und seiner Hollywood-Schönheit bröckeln lässt. Kelly erarbeitet sich ihre Glaubwürdigkeit für den Part als oberste Monegassin mit Benimmunterricht und viel Selbstdisziplin. Das Märchen ihres Lebens war gar keines. Gleichzeitig soll der Film aber als Liebesgeschichte anrühren. Beides zugleich funktioniert nicht. Egal wie elegant und makellos Nicole Kidman als Grace Kelly übers Parkett schwebt, sie bleibt doch eine Sphinx, die ihre eigenen Rätsel nicht lösen kann. „Echte Liebe ist Verpflichtung“ – so ein Satz lässt sich nur schwer spielen.

Der Franzose Dahan hat in „La Vie en Rose“ (2007) Édith Piafs Leben verfilmt und Marion Cotillard zum Oscar verholfen. Darauf sollte Kidman nicht hoffen in diesem in nostalgischen Sechziger-Jahre-Look getauchten Film, zumal ihr Regisseur von dem heißen Eisen die Finger lässt: Wie kam es zum tödlichen Unfall der Fürstin 1982, um den sich Verschwörungstheorien ranken? Immer wieder werden enge Serpentinen ins Bild gerückt. Das Cabriolet der Fürstin kommt sogar ins Schlingern, als sie in ihrer Verzweiflung einmal das Gaspedal durchdrückt.

Aber das sind reine Ablenkungsmanöver. Dem Regisseur reicht es, wenn die Fürstin ihre Ehe rettet. Dabei wäre das tödliche Finale ein viel dankbarer Stoff für einen Film gewesen, der im Stil eines Groschenromans daherkommt.

Für das Festival von Cannes ist so viel Lokalkolorit trotzdem ein prima Auftakt. Aber nun wird es Zeit, sich auf wichtigere Filme zu konzentrieren.

Grace Kelly und Cannes

Leben und Filme sind bei Grace Kelly kaum zu trennen: Einmal hält Hitchcocks Wagen in „Grace of Monaco“ an einem Aussichtspunkt: Ein grandioser Blick aufs Fürstentum wird ihm zur Würdigung anempfohlen – Hafen, Kathedrale, Oper, Mittelmeer. Doch Hitchcock winkt ab. Er kennt den Anblick schon: In „Über den Dächern von Nizza“ (1955) stoppt Grace Kelly als draufgängerische Frances ihr Cabriolet an ganz ähnlicher Stelle und ruft dem ehemaligen Juwelendieb „Die Katze“ alias Cary Grant zu: „Haben Sie je einen schöneren Ort auf der Welt gesehen?“. Zu diesem Zeitpunkt kann Kelly nicht ahnen, dass sie bald schon als Fürstin dort unten einziehen wird.

Später rast Frances mit dem Gentleman-Dieb auf dem Beifahrersitz über die Serpentinenpisten, auf denen Kelly später sterben wird. Und Frances küsst den Ex-Räuber zum ersten Mal in der Nobelherberge Carlton, wo nun, während des Festivals, die Werbebanner für künftige Hollywood-Attraktionen flattern.

Verwundert reibt sich der Cannes-Gänger dieser Tage die Augen: Was weiß das Kino über das Leben?

Die Dreharbeiten zu „Über den Dächern von Nizza“ fanden 1954 statt. Ein Jahr später lernte Kelly den Fürsten kennen. Und wo? Am Rande des Filmfestivals von Cannes: Im Mai 1955 repräsentierte sie dort den US-Beitrag „Ein Mädchen vom Lande“ und ließ sich eher widerwillig zu einem PR-Termin in Monaco überreden. Der Fürst kam mehr als eine Stunde zu spät. Gemeinsam besichtigten sie Palastgärten und Privatzoo (mit Tiger!). Bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film „Die oberen Zehntausend“ (1956) trug Kelly Rainiers Verlobungsring – vor der Kamera.

Ihr 7200 US-Dollar teures Hochzeitskleid wiederum sponserte das Hollywood-Studio MGM. Im Gegenzug durfte das Studio eine exklusive Dokumentation über die Zeremonie drehen.

Die Verhandlungen über den Heiratsvertrag waren nach Kellys Worten härter als die für MGM-Rollen. An der Bemerkung könnte was Wahres dran sein: Einem Fruchtbarkeitstest musste sie sich nur für ihr privates Engagement in Monaco unterziehen. In Hollywood verhandelte sie über dicke Gagen, in die Heirat musste sie eine Mitgift von zwei Millionen Dollar einbringen.

sto

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