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Kultur Nikolaus Harnoncourt wird 80
Nachrichten Kultur Nikolaus Harnoncourt wird 80
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18:22 04.12.2009
Von Stefan Arndt
Nikolaus Harnoncourt
Nikolaus Harnoncourt Quelle: afp
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Nikolaus ante portas! Es ist gerade einmal 20 Jahre her, dass man es bei den Salzburger Festspielen als schwere Bedrohung empfunden hat, wenn Nikolaus Harnoncourt auch nur vor der Tür stand: 1988 leitete der Dirigent, der am Sonntag 80 Jahre alt wird, am Abend vor der Eröffnung der Festspiele ein Open-Air-Konzert auf dem Salzburger Residenzplatz – und brachte damit das gesamte nachfolgende Programm ins Wanken. Harnoncourts Solist, der Pianist Friedrich Gulda, sagte empört seine umfangreich geplante weitere Teilnahme bei den Festspielen ab, nachdem die Festivalleitung um den greisen Herbert von Karajan unablässig gegen Harnoncourt und seine spezielle Art, Musik zu machen, polemisiert hatte. Das Konzert auf dem Residenzplatz ging so als Gegenveranstaltung zur kommerzialisierten Hochglanzkultur der Karajan-Ära in die Festivalgeschichte ein.

Man muss sich an diesen Skandal erinnern, um zu begreifen, welches revolutionäre Potenzial Harnoncourt, der längst der prominenteste Künstler nicht nur der Salzburger Festspiele ist, noch vor Kurzem hatte. Denn heute erscheint es ganz normal, wenn Musiker historische Fakten aus der Entstehungszeit der Kompositionen berücksichtigen, wie Harnoncourt es vorgeführt hat. Die Phrasierungen sind seither lebendiger und vielfältiger geworden, Vibrato wird nicht mehr pauschal auf jeder Note angewandt, und oft spielt man Werke der Barockzeit in kleinerer Besetzung und mit anderen Instrumenten, als das zum Standard avancierte Orchester der Romantik sie bereithält. Selbst das kleinste Opernhaus hat deshalb inzwischen Naturtrompeten im Schrank, und jeder Kirchenchor weiß um die Bedeutung der richtigen Deklamation. Das meiste von dem, was Harnoncourt dem erstaunten bis entsetzten Publikum in den sechziger und siebziger Jahren präsentierte, ist heute zum musikalischen Gemeingut geworden: In diesem Sinne ist Nikolaus Harnoncourt der mit Abstand einflussreichste Dirigent des 20. Jahrhunderts.

Umso erstaunlicher ist es, dass er den Weg auf das Dirigentenpodest nicht wie die meisten Dirigenten seiner Generation über eine Kapellmeisterlaufbahn gefunden hat, sondern zuerst einen Platz davor einnahm: 1952 trat er seine Stelle als Cellist bei den Wiener Symphonikern an – sein Chef war ausgerechnet sein späterer Gegenspieler Herbert von Karajan.

Bereits im Studium beschäftigte sich der junge Cellist aber mit Musik der Barockzeit, die längst aus dem Repertoire verschwunden war. Dieses Interesse war zwar exotisch, aber kein Alleinstellungsmerkmal: Seit Felix Mendelssohn haben sich Interpreten immer wieder für vergessene Komponisten der Vergangenheit eingesetzt. Und in dem aus dem Exil zurückgekehrten Paul Hindemith, der auch bei den Göttinger Händel-Festspielen eine wichtige Rolle spielte, fand Harnoncourt ein prominentes Vorbild. Schon 1949 gründete er mit seiner späteren Frau und zwei Studienfreunden ein Gambenquartett – eine Besetzung mit Instrumenten, die mit dem Ende der Barockzeit praktisch verschwunden waren. Um weitere historische Instrumente wiederzubeleben, die Harnoncourt leidenschaftlich sammelte, erweiterte er die Gruppe zum Orchester. Unter der Leitung von Hindemith gab das 1954 sein erstes Konzert. In der Folge leitete Harnoncourt, der akribische Quellenforschung am Notentext betrieb, das Ensemble vom Cellopult aus. Seit 1957 spielt das Orchester unter dem Namen Concentus Musicus Wien – und ist bis heute regelmäßig in Konzerten und auf neuen CDs zu hören. Erst Jahre später trat Harnoncourt im Züricher Opernhaus zunächst für einen Monteverdi-, dann für einen Mozart-Zyklus als Dirigent vor ein Orchester. Die Aufführungen zählen zu den berühmtesten der jüngeren Operngeschichte und eröffneten ihm den Weg zu allen europäischen Spitzenorchestern.

Auf einer der Neuaufnahmen, die jetzt zum Geburtstag des Dirigenten erschienen sind, ist noch einmal der Concentus Musicus zu hören: „Wacht auf, ruft uns die Stimme“ und zwei weitere Bach-Kantaten sind dabei Harnoncourts eigenen Einspielungen aus der berühmten Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten aus den siebziger und frühen achtziger Jahren gegenübergestellt. Verblüffend ist, wie wenig sich die einst als schockierend empfundenen Aufnahmen von den modernen unterscheiden, sieht man davon ab, dass die Knabenstimmen von einst nun Frauenstimmen gewichen sind. Die Einspielungen widerlegen ein gebetsmühlenartig wiederholtes Kritikerurteil, nach dem Harnoncourts Interpretationen heute weniger kantig und scharf (manche sagen sogar: rechthaberisch oder überartikuliert) als früher seien. Das Gegenteil ist der Fall: Der Duktus der Sprache, der mutige Schwung der Melodien und die Freude an harmonischen Reibungen sind heute eher noch markanter als vor 30 Jahren.

Überraschend ist auch die zweite Neuveröffentlichung: Gershwins „Porgy and Bess“ hat man bisher vergeblich im Repertoire des Dirigenten gesucht. Dabei kennt Harnoncourt das Stück schon sehr lange: Sein Vater bekam 1935 die Partitur von seinem Bruder zugeschickt, der Direktor des New Yorker Museum of Modern Art und ein Freund von Gershwin war. Nikolaus hörte „Summertime“ vom Vater am Klavier, als Bach in seinem Elternhaus noch keine Rolle spielte.

Noch einmal hat Harnoncourt akribisch Urtext und Skizzen der „American Folk Opera“ studiert und eine neue Notenausgabe erstellt. Seinen Aufführungen von Barockmusik fügt Harnoncourt viele Verziehungen hinzu – bei Gershwin verfährt er genau andersherum: Er treibt dem Spiel des Chamber Orchestras of Europe all die jazzigen Schleifer und Schüttler aus, die „Porgy and Bess“ in der Aufführungstradition zugewachsen sind, und lässt die grelle Instrumentation und Harmonik für sich selbst wirken. So rückt er das oft als Musical (miss-)verstandene Stück wieder in die Nähe der modernen Oper. Und wie immer bei Harnoncourt ist das plausibel – schließlich war Bergs „Wozzeck“ bei der Komposition Gershwins Vorbild. Es wäre kein Wunder, wenn auch dieses Stück des 20. Jahrhunderts bald nicht mehr anders zu hören ist, als Harnoncourt es sich vorgestellt hat.