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Kultur Norweger dirigiert Mahlers „Auferstehungssinfonie“
Nachrichten Kultur Norweger dirigiert Mahlers „Auferstehungssinfonie“
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08:27 17.09.2012
Von Rainer Wagner
Eivind Gullberg Jensen konzentrierte sich stark auf die Dramaturgie der „Auferstehungssinfonie“, auf die Disposition der Emotionen. Quelle: dpa
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Hannover

Wer zum Licht entschweben will, der tut gut daran, einen etwas längeren Anlauf zu nehmen. Schon deshalb war es eine kluge Entscheidung der NDR Radiophilharmonie, Gustav Mahlers in jeder Hinsicht großformatige „Auferstehungssinfonie“ nicht im Großen Sendesaal, sondern im noch viel größeren Kuppelsaal aufzuführen.

Das Niedersächsische Staatsorchester hat vor Jahren schon vorgeführt, dass Mahlers 2. Sinfonie mit ihren Fern(orchester)wirkungen, ihrer Klangentfaltung und dem Raumgefühl im Kuppelsaal besser zur Geltung kommt. In der Staatsoper hatte 1995 der damalige Generalmusikdirektor Christof Prick das Stück in knapp 80 Minuten durchgepeitscht. Sein Nachfolger Shao-Chia Lü ließ sich 2003 im Kuppelsaal deutlich mehr Zeit, ohne die immer ganz mit Spannung füllen zu können.

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Eivind Gullberg Jensen aber dürfte jetzt mit der NDR Radiophilharmonie den Rekord für die ausladendste (wenn auch nicht unbedingt ausschweifendste) Interpretation aufgestellt haben. Mit einer Spieldauer von gut 40 Minuten für den Finalsatz stellt er selbst Leonard Bernstein in den Klangschatten, ohne allerdings dessen Emphase und dessen Empathie zu erreichen.

Erstaunlicherweise tun sich etliche hochbegabte junge Dirigenten mit Mahler schwer (wie unlängst in einem Konzertmitschnitt der „Auferstehungssinfonie“ auch Andris Nelsons mit seinem Orchester aus Birmingham belegte). Ist Mahler schon zu sehr Standardrepertoire geworden, muss er nicht mehr erobert, erlebt und erlitten werden? Eivind Gullberg Jensen konzentrierte sich jedenfalls stark auf die Dramaturgie des Stücks, auf die Disposition der Emotionen. Und das Orchester eroberte den Klangraum erstaunlich professionell: Da hat man im Kuppelsaal schon traditionsreichere Sinfonieorchester weniger profund erlebt.

Schon das einleitende Unisono der Kontrabässe und der Celli (das bei Weitem nicht jedem Orchester so gelingt) setzt markante Akzente, liefert das Fundament für ein angemessen markantes Allegro maestoso. Selbst in den Klangeruptionen und den Schlagzeugexplosionen bleibt der Klang (zumindest im ersten Rang des Kuppelsaals) transparent. Eiving Gullberg Jensen stellt die Durchhörbarkeit in den Vordergrund, auch wenn dadurch mancher Abgrund der Partitur nur wie ein Konstruktionsmerkmal erscheint. Dass das lyrische Atemholen im Kopfsatz dann mehr nach Sibelius als nach austriakischer Idylle tönt, ist eine aparte Verfremdung. Das Andante moderato lässt Gullberg Jensen angemessen entspannt musizieren: Die Streicher servieren ihr Motiv ebenso „gracioso“ wie fein ausgestochen.

Der dritte Satz, diese Umspielung des Wunderhorn-Liedes „Des Antonius von Padua Fischpredigt“, wird mit einem Lächeln, aber ohne forcierte Ironie serviert. Danach das „Urlicht“ zu entzünden ist eine heikle Aufgabe. Dieses Lied muss schlicht, aber eindringlich vorgetragen werden. Das aber gelingt der Altistin Charlotte Hellekant nur sehr bedingt. So verständlich es ist, dass Gullberg Jensen verstärkt skandinavische Künstler aus seiner Heimat mitbringt (die man sonst kaum kennengelernt hätte), in diesem Falle überzeugt das nicht. Die Schwedin Charlotte Hellekant hat ein sehr gutturales Timbre und eine eigenwillige Vokalfärbung, da liegt dann der „Mönsch in höchster Pein“. Die norwegische Sopranistin Ina Kringelborn liefert immerhin ein paar spannende Intonationsreibungen mit den versammelten Chören, hat aber auch eine undankbare Partie, die sich oft nur partiell aus dem Gesamtklang lösen darf.

So bleibt das Finale vor allem eine Sache der immer noch hoch konzentrierten NDR Radiophilharmonie und des Chorpanoramas, das hinter dem Orchester aufgebaut ist. Wenn „der Herr der Ernte geht“, um die einzusammeln, die starben, dann klingen Mädchenchor und Knabenchor Hannover, der Johannes-Brahms-Chor, der Norddeutsche Figuralchor und der Bachchor zusammen, als würden sie immer gemeinsam auftreten (was sehr für die Leistung der Chorleiter spricht).

Auch wenn das Misterioso nur begrenzt ausgespielt wird, die Spannung ist da. Und entlädt sich nach einem Moment des Innehaltens in großer Zustimmung. Ein starker Saisonauftakt.

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