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Kultur Oliver Stones „Wall Street“ als Fortsetzung in den Kinos
Nachrichten Kultur Oliver Stones „Wall Street“ als Fortsetzung in den Kinos
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16:40 23.10.2010
Von Stefan Stosch
Wer misstraut hier wem? Jacob (Shia LaBeouf, von links), Bretton James (Josh Brolin) und Gordon Gekko (Michael Douglas).
Wer misstraut hier wem? Jacob (Shia LaBeouf, von links), Bretton James (Josh Brolin) und Gordon Gekko (Michael Douglas). Quelle: 20th Century Fox
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Die amerikanische Börsenwelt versucht umzudenken. An der Havard Business School kursiert der Vorschlag, die künftigen Manager einen Eid schwören zu lassen, so ähnlich, wie ihn auch Ärzte leisten. Für die angehenden Wall-Street-Broker soll die Formel lauten: „Ich verpflichte mich, von Korruption, unfairem Wettbewerb und Geschäftspraktiken Abstand zu nehmen, die der Gesellschaft schaden.“

Der Eid lässt tief blicken, denn es stellt sich die Frage: Wie haben die Broker bislang gearbeitet? Die Antwort darauf hat ein fiktiver Börsianer mit protzig-roten Hosenträgern, energischem Kinn und grenzenlosem Ego schon 1987 geliefert. Er hieß Gordon Gekko, war die Hauptfigur in Oliver Stones Film „Wall Street“, und sein Credo lautete: „Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier ist gesund ... Gier in allen seinen Formen – nach Leben, Geld, Liebe, Wissen – war unentbehrlich für den Aufstieg der Menschheit.“

Wie hervorragend dieser Gekko der Wirklichkeit entnommen war, haben wir beim Zusammenbruch der Banken vor drei Jahren erlebt, dem Auslöser der Wirtschaftskrise. Regisseur Stone („Platoon“, „Nixon“, „World Trade Center“) fand, dass sein Antiheld noch immer so aktuell sei, dass er tat, was er noch nie in seiner langen Karriere getan hat: Er drehte eine Fortsetzung: „Wall Street 2 – Geld schläft nicht“.

Wieder wird Gekko von (dem inzwischen an Krebs erkrankten) Michael Douglas gespielt. Wir sehen Gekko zu Beginn, wie er aus dem Gefängnis entlassen wird, wo er wegen Insiderhandels einsaß. Am Ausgang nimmt er sein altes Handy in Empfang. Schwer und groß wie ein Ziegelstein ist das Ding. Besser lässt sich kaum zeigen, wie lange Gekkos große Zeit schon vorüber ist. Aber er findet schnell wieder Anschluss.

Gekkos Predigt hat jetzt einen neuen Text: Er prangert die Verantwortungslosigkeit an den Börsen an. Das Spekulantentum sei die Mutter allen Übels, sei eine Massenvernichtungswaffe, eine Krankheit, ein Krebs. Die Gier, so Gekko, sei inzwischen überall, und sie sei legal.

Gerne hört man dem Mann zu. Für einen Moment ist man versucht zu glauben, dass Stone es tatsächlich wieder geschafft hat, den richtigen Experten zur richtigen Zeit zu präsentieren. Doch bald schon stellt sich die Erkenntnis ein: Wir haben all das schon mal gehört, was Gekko verkündet, aus unzähligen Leitartikeln und Börsenbüchern. Gekko ist nur noch ein müder Rufer unter vielen.

Das ginge vielleicht noch in Ordnung, die ausgesuchte Eleganz und smarte Boshaftigkeit eines Michael Douglas ist etwas für Genießer. Doch nutzt Oliver Stone die Wirtschaftswelt lediglich als Fassade. Gewiss, es geht auch darum, den gewissenlosen Finanzhai Bretton James (Josh Brolin) zur Strecke zu bringen, der seine Broker-Ausbildung noch definitiv ohne Ethikeid abgeschlossen hat. Doch den Kern dieses Films bildet eine biedere Familiengeschichte.

Gekko hat eine Tochter, Winnie (Carey Mulligan, bekannt geworden durch „An Education“), die dem Vater den Tod ihres Junkie-Bruders anlastet und deshalb nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte. Winnie hat auch einen Freund, Jacob, gespielt von Jungstar Shia LaBeouf (quasi der Nachfolger für Charlie Sheen aus dem Originalfilm), seinerseits Broker, aber einer der neuen Generation. Jake handelt mit „ethischen Papieren“, er setzt auf alternative Energien. In „Wall Street 2“ geht es vornehmlich darum, die Familie samt Schwiegersohn miteinander zu versöhnen.

So muss sich Gekko mindestens ebenso sehr um seine persönliche Krise kümmern wie um die an der Börse. Insgeheim kocht er zwar auch noch sein eigenes finanzielles Süppchen, aber das ist eher eine Alibi-Beschäftigung. Und außerdem weiß Stone genau: Ein durch und durch integrer Gekko käme einem Verrat an der Figur gleich. Von diesem Geschäftsmann ging immer schon eine erotische Ausstrahlungskraft aus, nicht obwohl, sondern weil er der Fiesling ist. Dennoch gerät Gekko ernstlich in Gefahr, seine Fans zu enttäuschen. Der Mann kennt plötzlich Skrupel – und fängt an, über die wahren Werte im Leben zu sinnieren.

Die erste Drehbuchfassung von „Wall Street 2“ entstand, als die Dimension des Zusammenbruchs an Börsen und Banken noch gar nicht recht abzusehen war. Vermutlich musste der finanzpolitische Wahnsinn das Vorstellungsvermögen eines noch so phantasiebegabten Hollywood-Drehbuchautors überfordern. Auch daran könnte es liegen, dass dieser Film so harmlos wirkt – mögen sich über die Wolkenkratzer-Silhouetten Manhattans dank Computertricks auch wild gezackte Bilanzkurven legen.

Vielleicht lässt sich Gordon Gekko mit seinem reichen Erfahrungsschatz künftig als halbwegs geläuterte Havard-Koryphäe einsetzen, die sich um die ethische Neuausrichtung des Nachwuchses kümmert. In einer aus dem Ruder gelaufenen Finanzwelt, die auch nach dem Crash wenig dazugelernt zu haben scheint, wirkt Gekko wie ein Fremder.

Ab Donnerstag im Kino.