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Kultur And the Oscar goes to...
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16:17 03.03.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Hauptdarstellerverkettungen: Matthew McConaughey (Dallas Buyers Club) beobachtet Cate Blanchett (Blue Jasmine), wie sie versucht, sich aus dem Kleid von Lupita Nyong'o (12 years a slave) zu befreien.
Hauptdarstellerverkettungen: Matthew McConaughey (Dallas Buyers Club) beobachtet Cate Blanchett (Blue Jasmine), wie sie versucht, sich aus dem Kleid von Lupita Nyong'o (12 years a slave) zu befreien. Quelle: dpa
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Hollywood

Das Wichtigste sind die Bilder, die in der Nacht der Nächte um die Welt gehen. Da kann es gar nicht symbolträchtig genug zugehen. Und deshalb steht da Sidney Poitier im Dolby Theatre zu Hollywood auf der Bühne – Poitier, der große, alte Mann des schwarzen Hollywood, 87 Jahre auf den Schultern, erkennbar zerbrechlich, aber wie stets die Würde und Eleganz in Person. Er, der 1964 als erster Schwarzer den Hauptdarsteller-Oscar gewann (für „Lilien auf dem Felde“), soll nun den Regie-Oscar überreichen. Und die Chancen sind gut, dass den erstmals ein schwarzer Filmemacher bekommt.

Doch dann steht nicht der Name Steve McQueen in dem versiegelten Umschlag – sondern der von Alfonso Cuarón, der in diesem Moment mit seinem Weltraumdrama „Gravity“ endgültig in die Schwerelosigkeit abhebt. Die Auszeichnung war am frühen Montagmorgen die insgesamt siebte für seinen Film, in dem die Zuschauer an der Seite von Sandra Bullock durch die Stille und Weite des Alls trudeln. Cuaróns visionäres Spektakel hatte zuvor schon tüchtig in den technischen Disziplinen abgeräumt, der Mexikaner selbst die Trophäe für den besten Schnitt gewonnen.

Aber da war ja noch der Oscar für den besten Film, und für den hatte Hollywood den größten schwarzen Heroen der Jetztzeit angeheuert – Will Smith. Und dieses Mal lagen die umsichtigen Oscar-Organisatoren richtig, Hollywood schrieb Geschichte: Steve McQueen gewann mit seinem Sklavendrama „12 Years a Slave“ die Trophäe für den besten Film. Die rund 6000 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences waren den langen Weg zur Gleichheit endlich zu Ende gegangen. Unglaubliche 86 Jahre hat es gedauert, bis ein schwarzer Regisseur – ein Brite, kein Amerikaner – den Oscar in Händen hielt.

McQueen („Hunger“, „Shame“) erzählt die wahre Geschichte von Solomon Northup, der Mitte des 19. Jahrhunderts als freier Mann im Staat New York lebte und auf die Plantagen des Südens verschleppt wurde. So schonungslos und brutal hat wohl noch niemand das Schicksal eines Sklaven geschildert. In früheren Siegerfilmen zum Thema Rassismus spielte stets auch die weiße Perspektive eine Rolle („In der Hitze der Nacht“, „Miss Daisy und ihr Chauffeur“), hier bleiben wir an der Seite Solomon Northups.

McQueen erinnerte in seiner Dankesrede, wie bedrückend aktuell sein Film sei: Er widmete den „Preis allen Menschen, die jemals unter Sklaverei gelitten haben, und den 21 Millionen Menschen, die noch heute darunter leiden“. Und weiter: „Jeder verdient es, nicht nur zu überleben, sondern zu leben.“ Das sei das wichtigste Erbe Northups.

Dann drehte er sich um und machte einen gewaltigen Luftsprung, der einem Gummiball zur Ehre gereicht hätte. Zuvor hatte „Slave“-Schauspielerin Lupita Nyong’o für den wohl tränenseligsten Moment des Abends gesorgt. „Mir ist bewusst, dass mir so viel Freude in meinem Leben dank so viel Schmerz im Leben von jemand anderem widerfährt“, sagte die 31-jährige Kenianerin, die gleich mit ihrem ersten Leinwand-Auftritt den Nebenrollen-Oscar gewann. In diesem Augenblick war ein neuer Star am Hollywood-Himmel geboren (den dritten Oscar für den Film gab es für das von John Ridley adaptierte Drehbuch).

Der große Verlierer des Abends hieß David O. Russell. In zehn Kategorien war sein verspieltes Gaunerstück „American Hustle“ nominiert, am Ende ging es leer aus. Und Russell war nicht der Einzige: Ebenso hatten Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio mit ihrem Testosteron-gesättigten Börsen-Kracher „The Wolf of Wall Street“ das Nachsehen.

Für das Aidsdrama „Dallas Buyers Club“ blieben die Darsteller-Preise für Matthew McConaughey und Jared Leto – beide waren schwer abgemagert in ihre Rollen gegangen, so viel körperliche Hingabe liebt Hollywood. Cate Blanchett, das Psycho-Wrack aus „Blue Jasmine“, siegte erwartungsgemäß – und ebenso erwartungsgemäß erwähnte die Geehrte die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren (wie stets abwesenden) Regisseur Woody Allen mit keinem Wort.

Vielleicht wäre die Verteilung der goldenen Ritter in einem schwächeren Oscar-Jahr eine andere gewesen. Aber bei der 86. Ausgabe konnte Hollywood aus dem Vollen schöpfen. Es war, als wollte sich Hollywood dem grassierenden Serienwahn der Studios entgegenstemmen und beweisen, dass es noch immer packende Geschichten erzählen kann. Der einzige echte Blockbuster unter den Favoriten war „Gravity“ (200 Millionen Dollar Kosten, gut 700 Dollar Kassenumsatz) – und bei dem handelt es sich eben nicht um eine der üblichen Comic- oder Fantasy-Verfilmungen.

Ob Hollywood künftig nun wieder mehr Mut für persönliche Filme aufbringt? Oder war an diesem Abend nur eine Scheinblüte in Panik-Zeiten zu bewundern? Das US-Kino lernt gerade, sich daran zu gewöhnen, dass Amerika nicht mehr der Nabel der Filmwelt ist. Die größten Geschäfte werden im Ausland gemacht. Und die Konkurrenz rüstet nach: In China entsteht gerade für acht Milliarden Dollar das größte Filmstudio weltweit.

Da konnte es nicht schaden, das die angenehm bissige Gala-Moderatorin Ellen DeGeneres – schönster Spruch: „Entweder ‘12 Years a Slave’ gewinnt, oder ihr seid alle Rassisten“ – großzügig Rubbellose im Saal verteilte. Gedacht waren die für die Verlierer dieses erfrischenden Oscar-Abends, und die griffen grinsend zu.

Die preisgekrönten Oscar-Filme

7 Oscars:

  • „Gravity“ (Regie, Kamera, Filmmusik, Tonschnitt, Tonmischung, Filmschnitt, Spezialeffekte)

3 Oscars:

  • “12 Years a Slave“ (Film, Nebendarstellerin, Adaptiertes Drehbuch)
  • „Dallas Buyers Club“ (Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Make-up/Frisur)

2 Oscars:

  • „Die Eiskönigin - Völlig unverfroren“ (Filmsong, Animationsfilm)
  • „Der große Gatsby“ (Produktionsdesign, Kostümdesign) 

1 Oscar:

  • „Blue Jasmine“ (Hauptdarstellerin)
  • „Her“ (Originaldrehbuch)
  • „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ - Italien (nicht-englischsprachiger Film)
  • “20 Feet from Stardom“ (Dokumentarfilm)
  • „The Lady in Number 6: Music Saved My Life“ (Dokumentar-Kurzfilm)
  • „Mr. Hublot“ (Animations-Kurzfilm)
  • „Helium“ (Kurzfilm)
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