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Kultur Pilgerreise wird zu Erfolgsroman
Nachrichten Kultur Pilgerreise wird zu Erfolgsroman
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19:55 16.07.2012
Von Heinrich Thies
In "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" erzählt die britische Autorin Rachel Joyce die Geschichte einer Pilgerreise. Quelle: Rii Schroer
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Hannover

Lange Fußmärsche haben es in sich. Schon lange vor Hape Kerkeling sind aus Pilgerreisen erfolgreiche Leseabenteuer hervorgegangen. Der Filmregisseur Werner Herzog zum Beispiel machte sich 1974 auf den Weg von München nach Paris, um eine schwer kranke Freundin zu besuchen. So ähnlich ist die Ausgangslage auch in dem Debütroman der britischen BBC-Autorin Rachel Joyce. „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ handelt von einem Rentner, der von Südengland zu einem 1000 Kilometer langen Fußweg bis zur schottischen Grenze aufbricht, um eine Krebskranke zu retten. Ohne Handy, Bank- und Landkarte.

Als Harold Fry den Brief der einstigen Arbeitskollegin Queenie aus dem Hospiz erhält, gibt es für den früheren Brauereivertreter kein Halten mehr. Der alte Mann lässt alles zurück, was seinem Leben bisher Halt gegeben hat: seine meist schlecht gelaunte, putzsüchtige Frau Maureen, seinen öden, aber geordneten Alltag. Und das alles für eine Frau, die er 20 Jahre nicht mehr gesehen hat; eine Frau, die „God Save the Queen“ rückwärts singen kann. Anfangs sieht es nicht so aus, als ob er es schafft. Fry quält sich über die Straßen, leidet an Blasen und Kreislaufproblemen, stöhnt über Regen und Kälte. Dabei blickt er zurück auf die Konflikte mit seinem Sohn David und auf seine schal gewordene Ehe. Doch je mehr er sich von seiner Frau entfernt, desto näher kommt er ihr. Ähnlich ergeht es auch der zurückgebliebenen Maureen.

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Der Fußmarsch in den Norden wird zu einem langen Weg der Selbsterkenntnis, begleitet von extremen Stimmungsschwankungen, von Erschöpfung und Euphorie, von Verzweiflung und neuer Zuversicht. „Man muss die Dinge loslassen, von denen man glaubt, dass man sie unbedingt braucht“, stellt der Pilgerer fest. Aber das ist nur eine Zwischenbilanz. Schwere Schuldgefühle bedrängen Fry. Der alte Wanderer sieht sich als schlechten Ehemann und noch mieseren Vater: „Versagen war das einzige, worin ich gut war.“

Gleichwohl macht ihn sein Aufbruch zum Idol. Die heldenhafte Pilgerreise erregt Aufsehen im ganzen Land. Unversehens wird aus dem einsamen Wanderer ein umjubelter Star mit großem Anhang. Aber auch das ist nur eine Zwischenstation.

Rachel Joyce, die bisher vor allem Hörspiele geschrieben hat, ist mit diesem Roman ein wunderbares Buch gelungen. Mit seinen anrührenden Charakteren, seinen originellen Detailschilderungen und seiner zarten Poesie entfaltet die Pilgerreise einen erzählerischen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dabei geht es nicht nur ums Laufen. Es geht um Liebe und Tod, um Schuld und Vergebung und um ein tragisches Geheimnis. Die Landschaft wird zum Seelenspiegel, der Fußmarsch mit seinen Schmerzen, Irrwegen und unverhofften Glücksmomenten zu einer Allegorie des Lebens. Buchstäblich ein Wettlauf auf Leben und Tod.

Rachel Joyce: „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“. Aus dem Englischen von Maria Andreas. Krüger. 384 Seiten, 18,99 Euro.

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