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Kultur Premiere bei Movimentos in Wolfsburg
Nachrichten Kultur Premiere bei Movimentos in Wolfsburg
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19:21 19.04.2012
Von Stefan Arndt
Sehnsuchtnach Japan?Szene aus Sidi Larbi Cherkaouis Produktion „TeZukA“.Glendinning
Sehnsucht nach Japan? Szene aus Sidi Larbi Cherkaouis Produktion „TeZukA“. Quelle: Glendinning
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Hannover

Der Mann ist nicht von Pappe. Vielmehr scheint er aus Papier zu sein. Er bewegt sich zumindest genauso wie das Blatt in der Hand der Frau neben ihm. Bequem ist das nicht. Faltet die Frau das Blatt, klappt auch der Mann blitzschnell zusammen. Nichts scheint ihm zu schwierig: Er rollt sich ein, wendet sich hin und her, streicht sich glatt und knüllt sich sogar zusammen. Doch dann, nach fünf verblüffenden Minuten Papierakrobatik im Wolfsburger VW-Kraftwerk, wird es zu viel. Die Frau zerreißt das Blatt - und dem Mann scheint das Herz stehen zu bleiben.

Es ist eine von vielen erstaunlichen Szenen aus Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie „TeZukA“, die nun als deutsche Erstaufführung bei Movimentos zu sehen ist. Der Belgier wird derzeit hoch gehandelt in der Tanzszene - vielleicht, weil er nicht so recht dazu passt. Man sieht auf den ersten Blick, dass Cherkaoui sich nie für Ballett interessiert hat, ohne das Tanztheater doch eigentlich kaum denkbar ist. Er begeisterte sich vielmehr für Diskotheken und MTV, beschäftigte sich mit Breakdance und Hip-Hop. Solche und viele andere Elemente sind auch seinen Arbeiten anzusehen, die aus allen möglichen Elementen zusammengesetzt sind. Seine elf Tänzer sind deshalb nicht einfach nur Tänzer, sondern auch Schlangenmenschen, Kampfsportartisten oder Breakdancer. Nur eins sind sie nicht: ein homogenes Ensemble. Selbst in Gruppenszenen bleiben sie Individualisten, perfekt synchrone Bewegungen gibt es so gut wie nie.

Vielfältig wie die Akteure sind auch die einzelnen Szenen, die Cherkaoui für sein neues Stück entworfen hat. Geklammert wird alles durch die Idee einer Hommage an Osamu Tezuka, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Pionieren der japanischen Manga-Comics zählte. Ein Erzähler erinnert daran, dass Tezukas Mangas aus dem Geist der Katastrophe entstanden sind. Ohne die Atombomben von Hiroschima und Nagasaki hätte es seine Bildergeschichten nicht gegeben. Sie erzählen von den entsetzlichen Unglücken durch unbeherrschbare Technik. Und davon, wie man sie übersteht. Es sind die populären Mythen einer traumatisierten Gesellschaft. Die Tsunami-, Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan hat Cherkaoui im vergangenen Jahr auf dieses Thema gebracht. Seine Konfliktverarbeitung ist kein düsteres Requiem, sondern bei aller Traurigkeit immer auch leicht, bunt und voller Hoffnung.

Für diese paradoxe Vielschichtigkeit beschränkt sich der Choreograf nicht auf den Tanz allein. Es gibt eine Gruppe japanischer Musiker, die auf traditionellen Instrumenten zusammen mit Geige und Klavier eine wunderbar suggestive, melancholische Musik spielen. An einem Tisch am Bühnenrand tuscht ein Kalligraf kunstvolle Schriftzeichen. Vor allem aber gibt es viele zart gezeichnete Videos, die auf einer Leinwand oder eilig ausgerollten Papierbahnen zu sehen sind. Die Tänzer scheinen in die Projektionen eingreifen zu können. Sie werfen sich etwa dunkle Wolken zu wie Kinder einander einen Luftballon. In weichem Bogen schwebt die Wolke von einer Hand zur anderen, steigt höher und höher, wird runder und nimmt schließlich die Farbe der aufgehenden Sonne an. Am Ende wirkt der rote Ball wie das Zentrum der japanischen Flagge: So leicht kann sich die Not in Hoffnung und Stolz verwandeln.

Oft sind auch Szenen aus Tezukas Comics an den Leinwänden zu sehen. Mal reihen sich einzelne Bilder zu einem kleinen Stück im Stück, mal ragen ganze Comicseiten überlebensgroß über den Tänzern auf. Einmal scheint eine dieser Seiten umzukippen und den Menschen davor unter sich zu begraben: Das Buch verschlingt seinen Leser. Die Szene ist eine Verbeugung vor der Bildmacht des japanischen Comiczeichners, von dem der Belgier Cherkaoui seit seiner Jugend fasziniert ist. Und sie ist ein Ausweis für die überbordende Bühnenphantasie eines Choreografen, für den der Tanz keine Grenzen kennt.

Noch einmal Freitag und Samstag, jeweils um 20 Uhr, in der Wolfsburger Autostadt. Kartentelefon: (0800) 288678238.

19.04.2012
19.04.2012
Felix Klabe 18.04.2012