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Kultur Schauspiel Hannover präsentiert Spielplan unter neuer Intendanz
Nachrichten Kultur Schauspiel Hannover präsentiert Spielplan unter neuer Intendanz
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10:55 24.04.2009
Der neue Intendant des Schauspiels Hannover: Lars-Ole Walburg Quelle: Ralf Decker
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Die Stücke

Ein großes, weißes, unbeschriebenes Blatt“ war Hannover für Lars-Ole Walburg. Jetzt wird es beschrieben. Mit 31 Premieren. Unter anderem mit Stücken, die hannoversche Geschichte und Geschichten widerspiegeln. Gleich die erste Produktion „Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels“ greift am 26. September das Schicksal des Arbeitslosen Hans-Peter Z. aus Hannover auf, der im Dezember 2007 auf einem Hochsitz im niedersächsischen Solling den selbstgewählten Hungertod starb. Obwohl diese siebentägige „Autopsie einer Auslöschung“ eine Novität ist, zählt das Theater erst die Hannover-Revue „Götter, Kekse, Philosophen“ als Uraufführung - die erste von insgesamt neun Uraufführungen, zu denen noch drei Deutschlandpremieren kommen. Dass über Wilhelm Busch auch nach den Jubiläen des vergangenen Jahres noch nicht alles gesagt ist, will der in Hannover bereits wohlbekannte Theatermacher Ruedi Häusermann mit seinem musikalischen Theaterabend „Aber Nein! - Noch leben Sie!“ zeigen, dessen Untertitel als Programmansage taugt: „Odeanbusch“. Stadt- und Zeitgeschichte vereint schließlich das Theaterprojekt „Trollmanns Kampf - Sinti Stadt Hannover“ von Björn Bicker und Marc Prätsch. Es erzählt von Johann „Rukelle“ Trollmann, dem deutschen Meister im Mittelschwergewicht, dem die Nazis erst den Titel und später das Leben nahmen, weil er ein Sinto war.

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Neben so viel Lokalem soll das große Ganze nicht übersehen werden. Chefdramaturgin Judith Gerstenberg kündigt Stücke an, die helfen sollen, „die Welt zu ordnen“. Das beginnt mit Grimmelshausens „Simplicissimus Teutsch“ und führt über Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ in einer Neuerzählung von Lukas Bärfuss zu Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit I-V“, die Soeren Voima für die Bühne bearbeitet.

Hausherr Lars-Ole Walburg kombiniert in der ersten Premiere im Schauspielhaus (am 1. Oktober) Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ mit Ilja Ehrenburgs Text „Das Leben der Autos“. Mit Tschechows „Der Kirschgarten“, Ibsens „Ein Volksfeind“, Garcia Lorcas „Yerma“ und Euripides' „Alkestis“ sind die mehr oder minder modernen Klassiker vertreten. Und als Familienstück gibt es „Timm Thaler oder das verkaufte Lächeln“ von James Krüss. Wobei Heidelinde Leutgöb vom Jungen Schauspiel Hannover hofft, dass die Eltern von heute, die sich noch an diese Fernsehserie ihrer Jugend erinnern, auf den Spuren ihrer Kindheit zu dem Stück zurückkehren und ihrerseits die eigenen Kinder mitbringen.

Das Stichwort Film wird groß geschrieben werden, nicht nur, weil etliche der neuen Schauspielregisseure Filmerfahrungen haben, weshalb die Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino weiter ausgebaut werden soll. Thomas Vinterbergs „Das Fest“ war ursprünglich ebenso ein Film wie Anders Thomas Jensens „Adams Äpfel“ - beide Dänen gehören zur „Dogma“-Gruppe. Gilberts Adairs „Träumer“ und Anthony McCartens „Superhero“ wurden bereits verfilmt, und „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ ist ein „quasi-maoistisches Lehrstück“ nach dem Dokumentarfilm von Harun Farocki.

„Helden des 20. Jahrhunderts“ werden in einem „Hysterienspiel mit Puppen“ vorgeführt, Swetlana Alexijewitsch erzählt „Vom Ende des roten Menschen“. Und wenn auch die anderen Menschen alle verschwunden sind, bleibt immer noch „Die Welt ohne uns“ - in einem „botanischen Langzeittheater“ will das Schauspiel Hannover in fünf Jahren vorführen, wie sich die Natur die Welt zurückerobert, wenn die Menschheit nicht mehr stört: Rekultivierung statt Kultur.

Die Akteure

Lars-Ole Walburg, Hannovers neuer Schauspielintendant, will sein Theater „zu einem unverwechselbaren Ort“ machen. Da ist es gut, ein unverwechselbares Team zu haben. Vier Dramaturgen sowie die Chefin des Jugendtheaters gehören zum Leitungsteam von Walburg, der viel als freier Regisseur gearbeitet hat und in Hannover seine erste Intendanz beginnt. Chefdramaturgin ist Judith Gerstenberg, sie kommt vom Burgtheater in Wien, wo sie seit 2006 als Dramaturgin tätig war, davor war sie Dramaturgin in Basel, Zürich und auch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Unterstützt wird sie von Volker Bürger (bisher Dramaturg in Graz, München und Mannheim) von Christian Tschirner, der nicht nur Dramaturg, sondern auch Regisseur und Schauspieler ist, und von Aljoscha Begrich, der als Bühnenbildner gearbeitet hat - und dem Vorstand eines ganz besonderen Museums angehört: des Berliner Graffitimuseums.

Um das Jugendtheater kümmert sich Heidelinde Leutgöb, die das bereits unter der Intendanz von Wilfried Schulz getan hat. Ansonsten gibt es nicht viele Konstanten: 27 Schauspieler kommen neu nach Hannover, nur fünf Darsteller aus dem alten Ensemble hat Lars-Ole Walburg übernommen: Philippe Goos, Wolf List, Sven Mattke, Thomas Jansen und Esther-Maria Barth. Ansonsten sind alle neu - und die meisten sind jung.

Wenn ein Theater unverwechselbar werden will, braucht es starke Handschriften. Eine soll Soeren Voima liefern. Walburg hat ihn als festen Hausautor nach Hannover geholt. Andere soll das Regieteam entwickeln. Hausregisseure sind Florian Fiedler, der 2004 von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt wurde, und Tom Kühnel, der zusammen mit Robert Schuster das Frankfurter Theater am Turm leitete. Kühnel arbeitet gern mit der Puppenspielerin Suse Wächter zusammen - die auch für das Schauspiel Hannover einige Produktionen anbieten wird.

Für viele Bühnenbilder wird Kathrin Krumbeim verantwortlich sein. Sie kommt als Ausstattungsleiterin nach Hannover - angefangen hat sie bei der freien Hildesheimer Gruppe „Theater Mahagoni“.

Die Orte

Hannovers Theater wird ein bisschen größer, denn es bekommt eine neue Spielstätte. Im fünften Stock, gleich unterm Dach des Schauspielhauses, wird die bisherige Probebühne zur echten Bühne. Eine Zuschauertribüne mit 200 Plätzen ist hier vorgesehen, über das Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie soll man die neue Spielstätte erreichen. Ihr Name: „Cumberlandsche Bühne“.

„Neue Stücke, Projekte und Adaptionen“ will der neue Intendant hier zeigen. Früher gab's die zeitgenössische Dramatik vor allem im Ballhof, aber der ist jetzt Spielort des Jungen Schauspiels, dessen Aktivitäten weiter ausgebaut werden sollen. Das historische Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie findet Lars-Ole Walburg zu schön, um es durch Bühnenbilder vollzustellen. Hier soll es nur noch kleine Produktionen ohne Bühnenbild geben.

Neue Spielorte will man auch in der Stadt finden: Auf dem Kröpcke wird ein Hochsitz aufgebaut - wie der, auf dem im Dezember 2007 ein Arbeitsloser verhungert ist. Und in der Tellkampfschule soll mit jugendlichen Darstellern „komA“ gespielt werden, ein Stück über Amokläufe in Schulen.

von Rainer Wagner und Ronald Meyer-Arlt

Ronald Meyer-Arlt 21.04.2009
20.04.2009