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Kultur Schiller wird 250
Nachrichten Kultur Schiller wird 250
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20:23 06.11.2009
Echt: Schiller-Locke. Quelle: Nico Herzog
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Er war über Generationen hinweg der populärste aller deutschen Dichter. Sein Nachruhm übertraf selbst den seines Dioskuren Goethe: Friedrich Schiller, geboren am 10. November 1759 als Sohn eines herzoglich württembergischen Offiziers in Marbach am Neckar; gestorben nach jahrelangen schwersten Leiden (deren Unheilbarkeit er als studierter Mediziner früh absehen konnte) am 9. Mai 1805 als Hofrat, Professor, Freiherr und landes-, ja, europaweit gefeierter Schriftsteller in Weimar.

Und er war nicht nur der ruhmreichste, sondern mit Sicherheit auch der meist­zitierte unserer Poeten: Seine griffigen Sentenzen sind sprichwörtlich geworden, ob’s nun um die zimmermannsersparende „Axt im Haus“ geht oder den heimtückischen „Dolch im Gewande“. Gar nicht zu reden von den „Weibern“, die zu „Hyänen“ werden, wenn „rohe Kräfte sinnlos walten“.

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Seine Dramen, von den „Räubern“ über den „Fiesko“ und den „Don Karlos“, die „Maria Stuart“ und die „Jungfrau von Orleans“ bis hin zum „Wilhelm Tell“, beherrschten die deutschen Bühnen, obwohl Schiller, der Schreibtischimaginator, die fremdländischen Schauplätze seiner Werke nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte und sie stets nur, wie er seinen Lesern einmal klagte „durch die Fernröhre“ betrachten musste. Tantiemen, die ihn heute zum reichen Mann gemacht hätten, gab es zu seiner Zeit nicht: So hatte er zeitlebens um seinen Unterhalt zu kämpfen und kam nie aus Deutschland hinaus.

An den deutschen Schulen, wo man das Schiller-Wort vom „Trieb zum Vaterlande“ besonders hochhielt, stand sein Werk dafür dauerhaft im Zentrum, zumal seine Gedichte, vor allem die volltönenden (im Wettstreit mit Goethe entstandenen) Balladen wie „Der Taucher“, „Der Handschuh“ oder „Die Kraniche des Ibykus“. Und fast bis in unsere Tage hinein gehörte es zum Pflichtpensum jedes Schulabgängers, das „Lied von der Glocke“ auswendig zu können.

Mit heute schwer vorstellbarem Aufwand und Enthusiasmus wurden im 19.  Jahrhundert aber auch allerorten zum Dichtergeburtstag die „Schiller-Feiern“ zelebriert. Mochte der boshafte Philosoph Friedrich Nietzsche den Hochverehrten auch noch so hämisch als „Moraltrompeter von Säckingen“ schmähen – gegen die allgemeine Schiller-Begeisterung vermochte er nichts.

Im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert wurde der Umgang mit Schiller allerdings merklich nüchterner. Zwar stand sein literarischer Rang nie infrage, doch aus den heißen Herzen der Leser rückte Schiller mehr und mehr heraus – hinauf aufs Podest des Edelklassikers. Und als Friedrich Dürrenmatt im Schiller-Jahr 1959 in seiner legendären Dankrede zum Schiller-Preis gestand, er gehe dessen „Dramen meistens höflich aus dem Wege“, erkenne aber an, dass Schiller über alle „Regeln, Kniffe, Möglichkeiten aufs Genaueste Bescheid“ wisse und seine Schlusspointen („Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich“) genau wie seine Effekte so einsetze, wie es „Hollywood nicht besser und dicker könnte“, da erntete er eher schmunzelnde Zustimmung als empörte Aufschreie. Doch dann kam, aus Anlass seines 200. Todestages, 2005 das nächste Schiller-Jahr: Plötzlich war Schiller wieder allgegenwärtig. Und wie! Bändeweise erschienen neue Schiller-Biografien, -Monografien, -Hagiografien, Theater fokussierten ihre Spielpläne, Magazine ihre Titelgeschichten, Politiker ihre Reden auf Schiller. Mehrere TV-Anstalten produzierten Spielszenen, worin Schiller als rothaariger Rebell gegen den Drill der Karlsschule aufbegehrt; in Stuttgart als Militärarzt desertiert; in Mannheim als Theaterdichter engagiert (und dann gefeuert) wird; in Rudolstadt mit Line und Lotte poussiert, den schönen Schwestern v. Lengefeld; in Jena, nun mit Lotte verheiratet, eine (anfangs unbesoldete) Geschichtsprofessur erhält; und schließlich für die letzten drei Jahre seines Lebens nach Weimar zieht, in die Nähe Goethes. Kurz gesagt: Sämtliche Medien der Nation schienen im Zeichen jenes Satzes zu stehen, den Goethe in seinem Nachruf auf den verstorbenen Freund gleich dreimal untergebracht hatte: „Denn er war unser!“

Allein, wie Schiller schon 1795 erkannte: „Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen.“ Der Hype ist erschöpft, die Eventmanager haben die Sache, wie sie’s nennen, „abgefeiert“, und da das jetzige Schiller-Jahr wohl ein bisschen dicht am vorigen liegt, gerät die Feier seines 250. Geburtstags spürbar bescheidener.

Zwar wird in Marbach an Schillers Geburtstag das Nationalmuseum nach zweijähriger Sanierung wiedereröffnet – und wird einen ganzen Flügel dem Leben und Werk des Nationaldichters widmen. Aber sonst? Die TV-Sender beschränken sich auf Wiederholungen; Schillers Groß­biograf Rüdiger Safranski konzentriert sich in seinem neuen (natürlich wieder pünktlich zum Fest fertiggestellten) Buch auf den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe; das Literaturarchiv in Marbach widmet sich den schwäbischen Wurzeln des Meisters, die Landesbibliothek Hannover seinem Dramenexposé „Die Prinzessin von Celle“. Und vielleicht ist solche Begrenzung auch ganz gut so.

Vielleicht sollte man dieses Dichter-Jubiläum wirklich zum Anlass nehmen, einfach mal an den etwas abgelegeneren Stellen in Schillers Werken zu stöbern und dabei Texte zu entdecken, die man nicht unbedingt aus der Schule kennt oder die einem nicht sofort einfallen, wenn der Name Schiller fällt. Seine erzählende Prosa zum Beispiel: „Das Spiel des Schicksals“ etwa oder sein Romanfragment „Der Geisterseher“, in dem er seinem Lieblingsgedanken nachhängt, „in der Geschichte des Menschen“ sei „kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen“.

Oder man merkt bei genauem Hinlesen, wie aufregend bisweilen seine „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sein können. Seine privaten Briefe sowieso und nicht bloß, wenn er darin wettert, ein Poet müsse, um zu wirken, „die Leute“ notfalls „inkommodieren, ihnen ihre Behaglichkeit verderben, sie in Unruhe und Erstaunen setzen“. Beim Studium seiner Gedichte wiederum ließe sich staunend feststellen, dass Schiller selbst als Lyriker mitunter witzig, ja, selbstparodistisch sein konnte – wie in seiner „Bittschrift“ als „Haus- und Wirtschaftsdichter“, wenn er sich beim Dichten des „Don Karlos“ abquält und ihm die Fürstin Eboli in ihrem „süßlichen Liebesrausche“ nicht gelingen will, weil in der benachbarten Waschküche gerade wieder ein nasser Strumpf gegen die Wand „klatscht“: „Und weg ist Traum und Feerei! / Prinzessin, Gott befohlen / Der Teufel soll die Dichterei / Beim Hemderwaschen holen.“

Womöglich begegnet man aber auch dem unerbittlichen Rezensenten Schiller, der, beispielsweise, in seinem Aufsatz „Über Bürgers Gedichte“ die Lyrik seines Göttinger Kollegen aufs Schärfste abkanzelte und dann in einer Nachschrift, als Gottfried August Bürger Widerworte gewagt hatte, knapp dekretierte: „Schüchtern trete der Künstler vor die Kritik.“

Kann freilich auch sein, dass man beim (Jubiläums-)Gang durch Schillers Œuvre auf ganz Vertrautes stößt und sich darin festhakt. So, wenn er in seinem großen Poem „An die Freunde“ die Wirklichkeit mit der Kunst konfrontiert, wie sie bloß „auf den Brettern, die die Welt bedeuten“ sinnvoll zu machen sei. Da ist Friedrich Schiller ganz bei sich selber: „Alles wiederholt sich nur im Leben, / Ewig jung ist nur die Phantasie; / Was sich nie und nirgends hat begeben, / Das allein veraltet nie.“

von Heiko Postma

Letzte Briefe, echte Haare

Der Satz, der da am Eingang des schmucklosen Gebäudes steht, ist so etwas wie eine Visitenkarte. Ein Zitat des Politologen Dolf Sternberger: „Archive sind Dämme, die wir wider den Tod bauen, wider den zweiten Tod, den Tod des Gedächtnisses“, ist dort zu lesen. Der hohe Ton ist schon angemessen, denn das Stadtarchiv Hannover ist gewissermaßen eine Schnittstelle von Verwaltung und Poesie; in seinen Kellern verwahrt es von Amts wegen Spuren der wichtigsten Geistesgrößen – darunter einzigartige Relikte von Schiller.

Kabelstränge ziehen sich unter der tristen Betondecke entlang. Neonlicht hinter feuerfesten Kellertüren. Es riecht nach Archiv im Archiv. „In den Rollregalen hier haben wir fast zehn Kilometer Schriftgut“, sagt Archivleiter Karljosef Kreter. Säuberlich sortierte Vergangenheit. Dann öffnet er einen der Tresore an der Wand. Auf schwarzen Kästen darin steht „Goethe“, „Herder“ oder „Knigge“. Zielsicher greift Kreter nach „Schiller“ – und hält ein bewegendes Dokument in der Hand. Den letzten Brief eines Todgeweihten, verfasst in charakteristischer Handschrift auf Quartformat.

Schiller, erst 46 Jahre alt, schrieb in Weimar am 25. April 1805 an seinen Freund Christian Gottfried Körner. Eine Zeitung hatte einige Monate zuvor schon eine Falschmeldung vom Tode des ewig kränkelnden Dichters in die Welt gesetzt. „Die Natur hilft sich zwischen 40 und 50 nicht mehr so als im 30sten Jahr“, schrieb er. „Indeßen will ich mich ganz zufrieden geben, wenn mir nur Leben und leidliche Gesundheit bis zum 50 Jahr aushält.“ Eine vergebliche Hoffnung, vielleicht auch eine düstere Vorahnung: Kaum zwei Wochen später, am 9. Mai, starb Schiller.

In seinem letzten Brief scheint noch einmal viel von dem auf, was sein Leben geprägt hatte: die lange und enge Verbindung zu Körner, der ihn unterstützt hatte, als er Hilfe brauchte. Die eigene Krankheit. Die Beziehung zu Goethe („war sehr krank an einer Nierencholik“). Und jene Ruhelosigkeit, die ihn unermüdlich arbeiten ließ, als wüsste er, dass ihm nur wenig Zeit bliebe: „Ich bin zwar jezt ziemlich fleißig, aber die lange Entwöhnung von der Arbeit und die zurückgebliebene Schwäche lassen mich doch nur langsam fortschreiben“, schrieb er.

Dass der Brief hier im Archiv liegt, ist der bürgerlichen Sammelleidenschaft des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Damals trug der Schulsenator Friedrich ­Culemann immense Kunstschätze zusammen – und Autografen prominenter Persönlichkeiten. Als er 1886 starb, war sein Haus in der Osterstraße längst eine Touristenattraktion, eine Art Privatmuseum. Seine Erben verkauften die Sammlung für die immense Summe von 600 000 Reichsmark an die Stadt.

„Er war ein eher konservativer Sammler“, sagt Archivleiter Kreter. Culemann hatte es auf Schriftstücke von Größen abgesehen, die im Bildungskanon seiner Zeit ihren festen Platz hatten. Maria ­Stuart, Napoleon oder Friedrich der Große zum Beispiel, Leibniz, Beethoven oder Mozart. Und natürlich Schiller, der im 19.   Jahrhundert in einer Weltrangliste deutscher Dichter noch vor Goethe rangiert hätte. Dank Culemann zählt die ­Autografensammlung des Archivs heute zu den wichtigsten Deutschlands. Der Sammler war getrieben von dem Wunsch, seinen Idolen in Gestalt ihrer Relikte so nahe wie möglich zu kommen. Am handgreiflichsten gelang dies mit einer Locke des leibhaftigen Schiller. Die hellen Haarsträhnen des Heroen, anmutig auf schwarzem Samt hinter Glas, waren ein Prunkstück seiner Sammlung. Im Stahlschrank liegt die Schiller-Locke nur wenige Zentimeter von einer Goethe-Locke.

Wie genau Culemann an die Haare­ware kam, ist unklar. Möglicherweise half ihm sein Kontakt zu Bernhard Rudolf Abeken, dem Lehrer der Schiller-Kinder, die Locke zu ergattern. Schiller war nie in Hannover. Was ihn nicht daran hinderte, einen Brief aus Hannover zu schreiben. Ein fingiertes Dokument: Nach einem Zwist mit seinem Herzog war er aus Württemberg geflohen. Er versteckte sich in Bauerbach, doch um etwaige Häscher seines Landesherren zu nasführen, schrieb er „Hannover d. 8. Jenn. 1783“ über einen Brief an eine Vertraute. Er legte eine falsche Spur. In dem Schreiben fabulierte er – schließlich wurden Briefe in den Salons zum Amüsement der Gesellschaft verlesen – über eine Flucht nach Übersee: „Wenn Nordamerika frei wird, so ist es ausgemacht, daß ich hingehe.“ Ging er aber nicht. Sonst wäre er womöglich noch der Nationalschriftsteller der Amerikaner geworden. Im Stadtarchiv, Am Bokemahle 14, eröffnet am 17. November, 19 Uhr, eine Ausstellung mit Schiller-Autografen. Am 8. Dezember, 19 Uhr, spricht Peter Meuer von der Goethe-Gesellschaft über das Projekt „Schüler lesen Schiller-Briefe“.

von Simone Benne