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Kultur Schlöndorffs Einfluss reicht bis nach Zentralasien
Nachrichten Kultur Schlöndorffs Einfluss reicht bis nach Zentralasien
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17:18 05.07.2012
Von Stefan Koch
Der kasachische Regisseur Bulat Atabajew ist einer der Preisträger der Goethe-Medaille 2012. Quelle: Goethe-Institut/Barbara Fraenkel-Thonet
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Hannover

Volker Schlöndorff liefert in dieser Woche mal wieder eine bemerkenswerte Leistung ab – allerdings nicht in der Filmkunst, sondern auf diplomatischem Parkett: Dem renommierten Produzenten und Drehbuchautoren ist es offensichtlich zu verdanken, dass der Theaterregisseur Bulat Atabajew wieder auf freiem Fuß ist. Der Künstler war Mitte Juni in Kasachstan wegen seiner Kontakte zur Opposition verhaftet worden. Die Festnahme hatte nicht nur in Zentralasien, sondern auch in Deutschland eine bemerkenswerte Protestwelle ausgelöst.

Als Schlöndorff vor fünf Jahren in der kasachischen Steppe den Film „Ulzhan" drehte, stand ihm Atabajew als Ko-Autor zur Seite. Der 60-Jährige gilt als Kenner der nomadischen Kultur, der zwischen den Gegebenheiten vor Ort und künstlerischen Freiheiten zu vermitteln weiß. Nicht ohne Grund genießt der Theatermacher in beiden Ländern eine hohe Reputation: Ende August soll ihm in Weimar die Goethe-Medaille verliehen werden, da er sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion für den deutsch-kasachischen Kulturaustausch engagiert.

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Aufgewachsen in einem russlanddeutschen Dorf inmitten der Steppe, hatte sich Atabajew von klein auf für die Kultur dieser Minderheit interessiert, die sich zu Sowjetzeiten schlimmen Repressalien ausgesetzt sah. Als Gründer und Leiter des Deutschen Theaters in Almaty (dem früheren Alma-Ata) machte er sich im gesamten postsowjetischen Raum einen Namen. Auf der Bühne thematisierte er zunächst den Massenmord an Russlanddeutschen in Kasachstan während des Zweiten Weltkriegs, später dann die Benachteiligung der Spätaussiedler in Deutschland.

Parallel zu seiner eigenen künstlerischen Arbeit ist Atabajew allerdings auch für viele deutsche Kulturschaffende, die zeitweilig in seiner Heimat zu tun haben, eine feste Anlaufadresse. Als Türöffner in eine fremde Kultur, die für Westeuropäer auf den ersten Blick schwer zu durchschauen ist, steht er Pate für diverse Theater- und Medienprojekte. So hält Atabajew enge Kontakte – unter anderem – zum „Theater an der Ruhr“, hin und wieder auch zur Kulturszene in Hannover, Leipzig (seinem früheren Studienort) und Berlin.

Atabajews Verdienste um die deutsch-kasachischen Beziehungen sprach Schlöndorff in einem offenen Brief an den zuständigen kasachischen Richter an. Er kenne den Autor als Künstler, der sich um die Bewahrung von Volksgut, von Theater- und Musiktraditionen verdient gemacht habe und von seinem ganzen Temperament her für politische Agitation nicht disponiert oder geeignet sei, schrieb Schlöndorff im Juni.

Für die Freilassung eingesetzt hatte sich zudem der Kulturausschuss des Bundestags und das Goethe-Institut. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Kulturinstituts, hält es für einen großen Erfolg, dass die Anklage zurückgezogen wurde: "Wir sind sehr erleichtert, dass Atabajew wieder auf freiem Fuß ist. Dankbar sind wir auch für die große Unterstützung, die er aus Kultur und Politik erfahren hat", sagt Lehmann.

Auch Gernot Erler, Vizechef der SPD-Fraktion und früherer Staatsminister im Auswärtigen Amt, verfolgt die Auseinandersetzungen um Atabajew genau: „Der Fall des Goethe-Medaillen-Preisträgers Bulat Atabajew drohte zuletzt die deutsch-kasachischen Beziehungen zu belasten. Insofern ist die Freilassung des bekannten Regisseurs aus der Untersuchungshaft ausdrücklich zu begrüßen“, so Erler. Mit der Freilassung Atabajews verbinde er die Hoffnung, dass „Kasachstan seinen Weg hin zu einer pluralistischen und offenen Gesellschaft fortsetzt“.

Atabajew hatte früher auch diverse Auszeichnungen in seiner Heimat erhalten. Zum Bruch mit dem Regime des Präsidenten Nursultan Nasarbajew kam es allerdings im vergangenen Winter, als Ölarbeiter in der westkasachischen Stadt Schanaosen für höhere Löhne protestierten. Ihr Widerstand wurde blutig niedergeschlagen – westliche Beobachter gehen davon aus, dass bei der Polizeiaktion 13 Demonstranten zu Tode kamen und hunderte verletzt wurden. Atabajew hatte damals gemeinsam mit anderen Regimekritikern gegen die gewaltsame Polizeiaktion protestiert.

Internationale Beobachter sind über das brutale Vorgehen des Regimes überrascht: Im Vergleich zu den anderen postsowjetischen Staaten in Zentralasien hatte Kasachstan bisher eine Vorreiterrolle in Richtung Demokratie eingenommen. Davon ist jedoch nicht mehr allzu viel zu erkennen: Ende Juni wurden mehrere Oppositionelle zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, die sich für die streikenden Ölarbeiter im Westen des rohstoffreichen Landes eingesetzt hatten.

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