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Kultur Die Alien-Flüsterin
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20:26 04.03.2015
Von Stefan Stosch
Foto: Lässt sich nichts vormachen: Sigourney Weaver als Michelle Bradley in „Chappie“.
Lässt sich nichts vormachen: Sigourney Weaver als Michelle Bradley in „Chappie“. Quelle: Sony Pictures Releasing GmbH
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Ganz zum Schluss des Gesprächs erzählt Sigourney Weaver von einem Albtraum: „Ich befand mich auf einem Kreuzfahrtschiff, da war ein Alien an Bord, aber niemand wollte mir glauben.“ Und was tat die Frau, die in vier „Alien“-Filmen mutiger als jeder männliche Kollege schleimige Weltraumkreaturen bekämpft hat? „Ich habe mich unter einem Deckchair verkrochen.“

Beinahe entschuldigend schlägt Weaver die Hände zusammen, und schon ist sie aus dem Berliner Hotelzimmer verschwunden zum nächsten PR-Termin. In ihrem neuen Film „Chappie“ bekommt sie es zur Abwechslung mal mit Robotern zu tun. Irgendwie scheint Weaver Expertin für jedwede Form nichtmenschlicher Existenz zu sein: In „Avatar“ reiste sie auf den Planeten der blauen Riesen, und das wird sie für James Cameron wieder tun, wenn er demnächst gleich drei Fortsetzungen des Weltraumabenteuers am Stück dreht.

Weaver, die starke Frau

Aber was für ein gelungener Abgang: Besser als mit der Kreuzfahrtanekdote lässt sich kaum deutlich machen, dass Hollywood das eine, das Leben aber das andere ist. „Ich interessiere mich nicht für meinen Status in Hollywood, aber ich interessiere mich sehr dafür, wie meine Arbeit aussieht“, hat sie eben noch gesagt. Ihr Alien-Albtraum zeigt aber auch: Diese echsenähnlichen Biester wird Weaver nicht mehr los, seit sie 1979 in Ridley Scotts klaustrophobischem Science-Fiction-Thriller verschwitzt und im Unterhemd den dritten Raumschiffoffizier Ellen Ripley gab. Als Einzige entkam die couragierte Ripley den bissigen Viechern. In der wohl berühmtesten Szene ploppte ein Alien aus der blutigen Brust von John Hurt.

Einen weiblichen Actionhelden wie Ripley hatte es bis dahin noch nicht gegeben, wohl auch keinen so groß gewachsenen: 1,82 Meter misst Weaver, was manchen männlichen Star später dazu brachte, lieber nicht mit ihr in einem Film aufzutreten, weil er bei den Dreharbeiten nicht dauernd auf einer Apfelsinenkiste stehen wollte. Rank und schlank wie damals ist Weaver mit 65 immer noch. Mit einem persönlichen Trainer hält sie sich für die kommenden Aufgaben fit.
„Ja, ich weiß, mit dieser Rolle wurde ich zur feministischen Ikone“, sagt sie, „aber angelegt war Ripley als Durchschnittstyp, der sich selbst helfen muss. Da blieb keine Zeit für Nervenzusammenbrüche und weibliches Getue.“ Und so katapultierte Ripley das Getier am Ende des ersten Films durch die Ausstiegsluke ins All.

Weaver und die Aliens

Der Film brachte ihr den Durchbruch. Die in New York als Susan Alexandra Weaver geborene Tochter eines NBC-Chefs und einer englischen Schauspielerin, die es eigentlich ans Theater zog, war angekommen in Hollywood. Angeblich strich sie damals Gagen von mehr als zehn Millionen Dollar ein. Neben Susan Sarandon avancierte Weaver zu einer der wichtigsten US-Darstellerinnen ihrer Generation. Sie spielte die Verhaltensforscherin Dian Fossey in „Gorillas im Nebel“ (1988), war in Ang Lees „Eissturm“ (1997) die frustrierte Ehefrau Janey Carver im Trubel der sexuellen Revolution. Für ähnliche Rollen würden jüngere Kolleginnen heute ihren Schminktopf hergeben.

Aber da war eben immer noch die „Alien“-Reihe. Und wie es der Zufall will, arbeitete sie in „Chappie“ just mit dem Regisseur zusammen, der bald den fünften „Alien“-Film drehen wird: Neill Blomkamp. Erst die Ideen des 1979 geborenen Südafrikaners haben Weaver davon überzeugt, noch einmal im All durchzustarten. „Neill hat ein unglaubliches Talent, Substanzielles über unsere Gegenwart in Science-Fiction zu verpacken“, sagt Weaver. Da hat sie Recht.
In seinem Regiedebüt „District 9“ erzählte Blomkamp am Beispiel garnelenartiger Aliens von der Apartheid, in „Elysium“ transferierte er die Gated Communities der Reichen ins All, auf der Erde blieb das Proletariat zurück. Und nun spielt er in „Chappie“ damit, was das Menschsein ausmacht. Einem Roboter wird die Fähigkeit zu denken und zu fühlen einprogrammiert. Wie ein unschuldiges Kind muss sich Chappie in einer Welt voller Gewalt behaupten. Weaver spielt die toughe Chefin einer Roboterfabrik, die am Ende doch vor der künstlichen Kreatur flüchtet.

„Chappie“: Eine krude Ballerei

Zwischendurch verliert sich der Film in kruden Ballereien, aber dahinter blitzen Fragen auf: Was macht die Seele aus, was das Bewusstsein? Sind Roboter womöglich die besser angepassten Menschen? Manche, wie Bill Gates oder Stephen Hawking, sehen den Homo sapiens schon als bloßen Zwischenschritt der Evolution, der demnächst von künstlicher Intelligenz abgelöst wird.

Die Fragen kann man gleich mal an die Expertin weitergeben: „Für mich besteht das Menschsein in der Fähigkeit, mich mit anderen Lebewesen verbunden zu fühlen – das können auch Pflanzen sein“, sagt Weaver. Und, nein, vor künstlicher Intelligenz habe sie keine Angst: „Wenn der Mensch in der Lage sein wird, denkende Computer zu bauen, dann wird er das auch tun.“ Da sei es doch besser, sich gleich mit den Robotern gut zu stellen. „Ich persönlich wünsche mir einen idiotensicheren Roboter. Der kann all die Dinge mit meinem Handy anstellen, zu denen ich nicht in der Lage bin“, sagt Weaver. Da spricht die Frau, die trotz ihrer Ausflüge ins All fest auf dem Boden der Wirklichkeit steht. 

Kinotipp

Chappie, Regie: Neill Blomkamp,
121 Minuten, FSK 12
UFA, UCI, Cinemaxx, Rundkino (auch OF)  

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