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Kultur Skandalautor Thomas Bernhard beschäftigt immer noch die Gemüter
Nachrichten Kultur Skandalautor Thomas Bernhard beschäftigt immer noch die Gemüter
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09:07 09.02.2011
Von Martina Sulner
Sensibler Meister  der Schimpftirade:  Der öster­reichische Roman- und  Theaterautor Thomas Bernhard im Sommer 1976.
Sensibler Meister der Schimpftirade: Der öster­reichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard im Sommer 1976. Quelle: Archiv
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Der Gigant und wir“: So heißt eine Veranstaltung, mit der heute Abend in Salzburg Thomas Bernhard gewürdigt wird. Am 9. Februar 1931 wurde er in der Nähe von Maastricht geboren, am 12. Februar 1989 starb er im oberösterreichischen Ohlsdorf. Manche Autoren des 20. Jahrhunderts, die einmal im Literaturbetrieb bedeutend waren, spielen zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod nur noch eine geringe Rolle. Doch Bernhard, der sprachmächtige Romancier, Lyriker und Dramatiker, hat deutliche Spuren hinterlassen: Es gibt zahlreiche Nachahmer und junge Autoren, die von ihm beeinflusst sind – doch keinen, der die Lücke nach Bernhards Tod füllt. So virtuos wie er arbeitet keiner mit Übertreibungen und Wortwiederholungen, so streitlustig schreibt keiner gegen den (österreichischen) Literatur-, Theater- und Politbetrieb an.

Nach wie vor hat der Autor eine große Anhängerschar, die begierig die neuen Bücher kauft, die über ihn erscheinen. Zudem kommt nach wie vor Zahlreiches aus dem Nachlass von ihm heraus. Der Suhrkamp Verlag, bei dem ein Großteil von Bernhards Werk zu dessen Lebzeiten veröffentlicht wurde, überrascht immer wieder mit einem neuen Band. Gerade ist „Der Wahrheit auf der Spur“ auf den Markt gekommen. Die „Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons“, so der Untertitel, geben einen Überblick über die Zeit von 1954 bis 1988. Man kann nur staunen über die Kenntnis, Sprachmacht und die Lust zum Urteil, die bereits der 23-Jährige hat. In einem Text zum 100. Geburtstag des französischen Dichters Jean Arthur Rimbaud, einem Manuskript für einen Vortrag in Salzburg, begegnet einem schon viel von dem späteren Bernhard. Etwa, wenn er moniert, dass bei Gedenkveranstaltungen weniger der Dichter geehrt werde als vielmehr „der Herr vom Kulturamt, der die Begrüßung vornimmt, der Herr Gedichte-Verwalter, der Schauspieler, der Rezitator“. Und der junge Redner wettert über „so viel gemachte, aufgepfropfte Kultur, über so viel Kunstmarktgerede, von dem nichts herkommt als Schamlosigkeit“. Über Rimbaud spricht er auch noch – und zwar mit einer fast grenzenlosen Bewunderung.

An dem Franzosen faszinierten Bernhard wohl nicht nur dessen Verse, sondern auch dessen unbedingter Wille zur Kunst. Gerade das vermisste er bei ­seinen Zeitgenossen. In dem Text „Ein Wort an junge Schriftsteller“ (1957) beschimpfte er die Kollegen: Sie kapitulierten „vor der Kleinheit, vor dem Doktortitel und vor der Partei (...) vor jedem Haderlumpen, der Einfluss hat, macht ihr den Kratzfuß“.

Bernhard schimpfte und provozierte, er wütete; das brachte ihm mehrere Gerichtsverfahren ein und eine große Bekanntheit auch jenseits des literaturinteressierten Publikums. Wie witzig er dabei war, kann man in diesem neuen Buch auch nachlesen. Darin ist Bernhards berühmter Leserbrief an den „Spiegel“ abgedruckt, den er nach der Rezension seines Romans „Verstörung“ durch den österreichischen Autor Herbert Eisenreich schrieb: „Mein nächstes Buch lassen Sie bitte gleich von einem natürlich auch in Oberösterreich geborenen oder ansässigen Schimpansen oder Maulaffen besprechen.“

So gern man „Der Wahrheit auf der Spur“ (selbst wenn mehrere Texte bereits in anderen Bänden erschienen sind) auch liest, der Wahrheit über Bernhard kommt man nicht wirklich auf die Spur. Dieser Autor war kaum zu fassen, er zeigte in Interviews und Texten für Zeitschriften verschiedene, sogar widersprüchliche ­Facetten von sich. Es scheint, als habe er es geliebt, sich in Texten mehr zu verstecken als zu zeigen. Deutlich wird das auch in dem gerade als Taschenbuch veröffentlichten Band „Der Briefwechsel“ zwischen Bernhard und seinem langjährigen Verleger Siegfried Unseld. Mehr als 500 Briefe haben die beiden zwischen 1961 und 1988 gewechselt – und man kann nur staunen über den abrupten Wechsel zwischen Unverfrorenheit und Liebenswürdigkeit in Bernhards Briefen.

Immer wieder fordert er große Geldbeträge (die er meist auch bekommt), zieht über den Literaturbetrieb her und beschimpft Unseld, der die Tiraden mit geschäftstüchtiger Geduld – er möchte den Autor schließlich nicht an einen anderen Verlag verlieren – aushält. Der Briefwechsel zeigt aber auch, was für ein eingespieltes Team die zwei Herren waren: hier der wütende Autor, dort der stilvolle Verleger. Der Umgang der beiden wirkt so grotesk ritualisiert, als sei er einem Bernhard-Stück entsprungen.

Für Thomas Bernhard, sagte sein Halbbruder jetzt in einem Interview, sei „Erregung ein Lebenselixier“ gewesen. Das ist dem Briefwechsel ebenso anzumerken wie den Romanen, beispielsweise „Frost“, „Auslöschung“ oder „Holzfällen“, oder auch vielen Theaterstücken, vor allem „Heldenplatz“, seiner letzten großen, skandalträchtigen Abrechnung mit Österreich.

Gerade mal 58 Jahre ist Bernhard, der als junger Mann an Lungentuberkulose erkrankte, geworden. In seinem letzten Brief an Unseld, mit dem er sich zerstritten hatte, behauptete er: „Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Das ist wohl eine der charmantesten Unwahrheiten des Literaturbetriebs.

„Einfach kompliziert“ heißt eines der letzten Bernhard-Stücke, das Claus Peymann jetzt als Koproduktion zwischen dem Wiener Burgtheater und dem Berliner Ensemble mit Gert Voss in der Hauptrolle inszeniert. Vielleicht muss man sich Bernhard als einen einfach komplizierten Giganten vorstellen.

Gerade erschienen sind: Thomas Bernhard: „Der Wahrheit auf der Spur“. Suhrkamp. 346 Seiten, 19,90 Euro. Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: „Der Briefwechsel“. Suhrkamp Taschenbuch. 869 Seiten, 18 Euro. dtv hat fünf autobiografische Bücher Bernhards in neuer Ausstattung herausgegeben.

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